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Frickes Welt – Warum Sparen so unterschiedlich wirkt

24. Juli 2015

Noch ist offen, wie das dritte Rettungspaket genau aussehen wird. Nur eins gilt jetzt schon: die Griechen erleben in diesen Tagen die siebte große Welle von Kürzungen und Steuererhöhungen seit Beginn der Krise. Und die Frage ist: Droht jetzt die nächste Rezession? Oder könnte derlei Austerität diesmal Wunder wirken, wie jene prophezeien, die stets auf die Balten verweisen? Esten, Letten und Litauer hätten auch hart gekürzt – und kurz darauf zu wachsen begonnen. Also doch Grund zur Hoffnung?

Kaum zu bestreiten ist, dass jeder Wirtschaft erst einmal Verluste drohen, wenn wie jetzt die Mehrwertsteuer steigt. Oder wenn Rentner weniger Geld haben. Und der Staat weniger Aufträge vergibt. Entscheidend ist, ob diese Verluste durch positive Austeritätseffekte wettgemacht werden – etwa dadurch, dass Firmen mit einem Krisenende rechnen und investieren. Oder die Wirtschaft so wettbewerbsfähig wird, dass sie im Ausland mehr extra verkauft, als sie im Inland einbüßt.

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Viele Beispiele für eine aufheiternde Austerität haben Ökonomen in der Geschichte nicht finden können, sagt der schottische Wirtschaftswissenschaftler Mark Blyth. Meist brechen Geschäfts- und Konsumklima erst einmal ein. Schon eher könnte die Wette auf das Ausland aufgehen. Bei den sagenumwobenen Balten fielen Löhne und Preise so stark, dass sie in der Tat Marktanteile gewannen und die Litauer ihren Export nach Deutschland seit 2008 um fast 90 Prozent steigerten. Ob das zur Übertragung auf die Griechen taugt, ist damit nicht gesagt – zumal keines der drei Länder bis2014 den Einbruch der Wirtschaft wettmachen konnte.

Griechenland fehlen die konjunkturfreudigen Nachbarn

Besonders geholfen hat den Balten, dass ihr Export schon vor der Krise 40 bis 70Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachte – und es um sie herum Länder wie Deutschland gab, wo die Konjunktur lief. Klar: Wenn der Export ohnehin viel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, haben kleine prozentuale Ausfuhrzuwächse große Wirkung. Arithmetik. Umso schneller lassen sich Verluste über den Export wettmachen, die durch Herumkürzen im Inland entstehen.

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SZ-GRafik

Hier liegt der große Unterschied. Die Griechen haben vielfach nicht weniger oder langsamer gekürzt. Verglichen zu den Handelspartnern sind die Preise seit 2009 um zwölf Prozent gefallen, bei den Letten um zehn Prozent. Nur fehlten die konjunkturfreudigen Nachbarn. Und: Der Export von Waren macht in Griechenland nur 16 Prozent des BIP aus – schon wegen der Lage und den vielen Inseln. Zählt man Tourismus und andere Dienstleister dazu, kommt gerade ein Drittel aus dem Geschäft mit dem Ausland. Für die Austeritätswette der Griechen heißt das, dass sie den Export um 20 Prozent erhöhen müssen, um zehn Prozent Rückgang der Produktion fürs Inland auszugleichen. Ein Herkules-Akt. Den Esten reichten zum Ausgleich zwei bis drei Prozent Exportzuwachs. Eine andere Welt.

Das könnte erklären, warum Austerität funktionieren kann, sobald kleine Länder mit ohnehin starker Exportorientierung von günstiger Konjunktur im Ausland profitieren. Eher selten. Es kann aber auch erklären, warum dieselbe Politik bei den Griechen so verheerend gewirkt hat. Und dann ist es fahrlässig, jetzt das siebte ähnliche Paket draufzulegen, ohne etwa die Investitionen im Land stark anzuschieben. Nach Schätzung der Pariser Ökonomin Véronique Riches-Flores droht die Wirtschaftsleistung um weitere 13 Prozent einzubrechen, wenn die Vorgaben so umgesetzt werden, wie es in der dramatischen Brüsseler Nacht Anfang Juli festgelegt wurde. Lieber nicht.

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Juli 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

  1. Björn
    27. Juli 2015 um 20:37

    Wie kann denn der Anteil der Export am BIP mehr als 100% betragen?

  2. H.Ewerth
    26. Juli 2015 um 16:11

    @Tim
    Island? Hat sich nicht Island als einziges Land durch einen Volksentscheid, dem Spardiktat gerade nicht gebeugt? Es sterben täglich Menschen in Griechenland dafür, dass man ohne Rücksicht auf Verluste Spardiktate durchdrückt, ohne auch nur einen Beleg in der Geschichte gefunden zu haben, dass Austerität je in funktioniert hat? Schon unter Brüning, musste doch Deutschland schmerzhaft erfahren, was Austerität bedeutet? Wer danach an die Macht kam, wissen wir doch noch oder?

    Es kann nicht sein das ein Land sich kaputt sparen soll, damit Überschussländer jährlich mehr als 200 Milliarden Überschüsse“ zu Lasten der kleinen Länder erwirtschaften? Wenn Defizite bestraft werden, dann müssen auch Überschüsse bestraft werden?

    Aber kann es nicht so sein, dass ist meine Vermutung, dass kaschiert werden soll, die Fehlerhaften und einseitigen Europäischen Verträge Europas? Das eine gemeinsame Währung, ohne eine gemeinsame Fiskal, Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht funktionieren kann und vielleicht auch nicht sollte? Um die Dauer Krise zu nutzen, die Sozial Standards noch weiter zu kürzen?

  3. 0815
    25. Juli 2015 um 15:27

    Bei der scheinbar so vorbildlichen Entwicklung bei den Balten sollte man auch noch einen Effekt erwähnen: In Lettland und Litauen dort geht die Bevölkerungszahl so dramatisch zurück wie in keinem anderen europäischen Land. Womöglich ist es auch dem drastischen Sparkurs zu verdanken, dass anscheinend jeder, der kann, das Länd verlässt und lieber woanders sein Glück sucht.

  4. EGwmG
    25. Juli 2015 um 00:10

    Warum versuchen Sie Störche mit Geburtenraten zu korrelieren, statt eine simple Ursachenanalyse zu betreiben:

    Renten, Preisniveau und Arbeitseinkommen in GR waren kreditfinanziert und Mangels Bonität endet dies und damit fallen jetzt auch wieder die Renten, das nicht importbasierte Presiniveau, sowie die Arbeitseinkommen.

    Für jene zwangsläufige Entwicklung den „Kampfbegriff“ namens „Austerität“ zu wählen geht am Problem vorbei:

    Oder wer soll denn durch Geldgeschenke den alten „Wohlstand“ in GR weiter finanzieren?
    Insbesondere wenn man bedenkt, dass jenes Land eher ein MAFIA-Staat ist, als eine seriös wirtschaftende Volkswirtschaft.

    Man kann bestenfalls darüber diskutieren, ob jene Anpassung nun schnell geschehen soll, oder langsam nach Art des Froschs im Kochtopf.

    Aber ohne ausreichende Steuereinnahmen müssen halt die staatlichen Ausgaben entsprechend sinken, soll nicht jemand anderes Geldgeschenke an ein durch und durch korruptes System verteilen.

  5. Tim
    24. Juli 2015 um 10:07

    Bei dieser Betrachtung wird allerdings unterschlagen, daß Griechenlands Exportquote vor dem Euro ja viel höher war. Nach der Euro-Einführung stiegen ja die (kreditfinanzierten) Importe rasant, während die Exporte nahezu konstant blieben.

    Das initiale Problem Griechenlands ist nicht die Austerität, sondern die kreditinduzierte Wirtschaftsblase, die bis 2008 aufgebaut wurde. Griechenlands großes Problem begann mit der Euro-Einführung, nicht erst 2008 – das muß man sich immer vor Augen halten.

    Die Sparpolitik wurde zudem nicht schnell und konsequent umgesetzt wie etwa in Island oder den baltischen Staaten, sondern gestreckt über rund 5 Jahre. Daß das nicht funktioniert, ist nun wirklich kein (Wirtschafts-)Wunder.

    • 24. Juli 2015 um 17:49

      Wenn ich diesen Blödsinn wieder lese! „Das Medikament war nicht schlecht die Dosis war nur zu klein.“ Sorry so kann nur einer schreiben der von Volkswirtschaft und Ökonomischen zusammenhängen null Ahnung hat.

  1. 24. Juli 2015 um 16:22
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