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Frickes Welt – Hausaufgabe für Südurlauber

8. August 2015

Es könnte sein, dass Sie in den Ferien dem ein oder anderen Griechen, Italiener oder Spanier viel erklären müssen.

Der eine oder andere wird in diesen Tagen zu Griechen, Spaniern, Italienern und Portugiesen in Urlaub fahren. Das ist schön, wird derzeit aber von dem Risiko begleitet, dass beim Austausch mit den Gastgebern früher oder später die Krise, Lösungsoptionen und die Anteilnahme unserer Regierung zur Sprache kommen. Dann haben Sie zwei Möglichkeiten. Entweder Sie erklären den Kriselnden noch mal, wie fleißig, effizient, genügsam, stets reformbereit und schlank wir Deutschen sind, also wirtschaftlich – und dass die Krise nur weggeht, wenn sie auch so werden. Die Schäuble-Option. Oder Sie zeigen sich von Ihrer emphatischen Seite und versuchen, dem Griechen oder Portugiesen das unschöne Gefühl ein Stück weit zu nehmen, dass er den deutschen Leistungsansprüchen einfach nicht genügt.

frickes-welt[1] Dann könnten Sie darauf hinweisen, dass wir Deutschen nur knapp 1400 Stunden im Jahr arbeiten – viel weniger als Spanier (1689 Stunden), Amerikaner (1789), Griechen (2042) und die meisten anderen auf der Welt. Und dass wir ja nicht umsonst so oft vorbeikommen – bei sechs Wochen Urlaub und Dutzend Feier- plus Brückentagen. Sie könnten nach dem dritten Ouzo auch einräumen, dass die allermeisten Jobs bei uns nach wie vor strikt vor Kündigung geschützt sind – stärker als in allen Krisenländern Südeuropas. Und dass wir auch sonst nicht so penibel die Wunschlisten der Standardökonomen erfüllen. Steuern und Abgaben machten mit 44,5 Prozent in Deutschland heute einen höheren Anteil an der Wirtschaftsleistung aus als im Prä-Agenda-Jahr 2002. Ein durchschnittlich verdienender Single ohne Kinder zahle bei uns die Hälfte seines Einkommens an Fiskus und Sozialkassen; in den USA müsste er nur 30 Prozent abgeben.

Sie können auch noch zum Besten geben, dass wir immer noch das Land mit den meisten Seiten in Gesetzbüchern sind. Und es drei Mal so lang dauert, ein Gewerbe anzumelden, wie in den USA. Und dass es recht schwer ist, am Sonntag ein geöffnetes Geschäft zu finden – anders als es auf deutschen Druck künftig in Griechenland sein soll. Und außer an ein paar irgendwie ausgesuchten Tagen im Jahr. Weil das halt reglementiert ist. So wie Taxifahren und die Ärzte und die Apotheker. Na ja, und so weiter.

Jetzt könnte sein, dass Ihre griechisch-spanisch-italienischen Gastgeber irgendwann fragen, warum die Deutschen dann überhaupt so erfolgreich sind. Warum wir wachsen, eine schwarze Null im Etat haben, und unsere Arbeitslosenquote ein Viertel unter dem Schnitt aller Industrieländer liegt. Dann sollten Sie noch nüchtern genug für eine wissenschaftlich belastbare Begründung sein. Klar, Sie könnten versuchen zu erklären, dass wir in Wahrheit krank, reformreif und überhaupt nicht fit für die Zukunft sind – schwierig zu argumentieren. Treffender wäre zu sagen, dass unsere Wirtschaft und die Staatskassen, na ja, halt auch von der Krise und den entsprechenden Niedrigzinsen profitiert haben. Dem Bundesfinanzminister habe das billige Geld jährlich zweistellige Milliarden an Schuldendienst erspart. Schönen Dank. Und dass es ansonsten zwar gut zu sein scheint, gelegentlich zu reformieren, aber nicht nötig, gleich das Land auf den Kopf zu stellen und sämtliche Gebote der ökonomischen Orthodoxie zu befolgen. Man kann offenbar auch so vom Schlusslicht – Deutschland 2005 – zum Lehrmeister werden – 2015. Reformbedarf für das eine oder andere Lehrbuch.

Ach so, werden Ihre neuen Freunde dann sagen. Schönen Urlaub noch.

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 06. August 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

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