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Wirtschaftsdienst exklusiv – Griechenland: Schuldenerlass findet längst statt

17. September 2015

Der griechische Staat hat von seinen europäischen Partnern ein drittes Hilfspaket erhalten – zu günstigen Konditionen. Ein offener Schuldenschnitt konnte damit vermieden werden. Allerdings heißt das nach Auffassung von Salomon Fiedler und Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (ifw) noch lange nicht, dass es keine Transfers öffentlicher Mittel zwischen den beteiligten Ländern gab, wie sie in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst darlegen.

Die griechischen Staatsschulden werden fast ausschließlich von öffentlichen Gläubigern gehalten, mehr als die Hälfte entfallen dabei auf die Europäische Stabilisierungsfazilität (ESFS) und bilaterale EU-Staaten-Darlehen. Die Autoren kommen einschließlich der ersten Tranche des dritten Hilfspakets auf die gewaltige Summe von 328 Mrd. Euro Staatsschulden, 184% des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der deutsche Anteil an den Krediten beträgt im Durchschnitt 27%.

Offenbar hat Griechenland in der Vergangenheit bereits umfängliche Schuldenerleichterungen erhalten. Ein Vergleich mit dem italienischen und dem spanischen Zinsanteil am BIP zeigt, dass diese Länder deutlich höhere Zinssätze zahlen. Will man beziffern, welchen Wert die günstigen Konditionen haben, hilft eine Betrachtung des Gegenwartswerts der Schuldenpositionen. Hier kommt es natürlich sehr darauf an, mit welchen Zinssätzen abdiskontiert wird und welche Laufzeiten angenommen werden. Die ifw-Mitarbeiter berechnen für die größten Schuldenpositionen bei einem Diskontsatz von 5% einen Barwert von weniger als der Hälfte der nominalen Summe, ein höherer Diskontsatz würde den Betrag noch weiter reduzieren. Das Ganze schrumpft noch deutlich, wenn die Laufzeiten verlängert werden.

Die Autoren kommen zu dem Schluss: „Der Schuldenerlass, über den in der Öffentlichkeit diskutiert wird, findet daher längst statt… Diese indirekte Form des Schuldenerlasses, bei dem das Land schwebend insolvent bleibt (sich also gegenwärtig nicht am Kapitalmarkt zu tragfähigen Konditionen finanzieren kann), versetzt die Geberländer in die Lage, den Reformdruck aufrecht zu erhalten.“

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