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Frickes Welt – Lächeln für den Export

24. September 2015

Wenn es um unser Image geht, hat es das Ausland nicht leicht. Erst demonstriert Wolfgang Schäuble, was deutsche Gnadenlosigkeit heißt. Ein Schreck, nicht nur für die Griechen. Dann kommt Angela Merkel und gibt sich kurz barmherzig. Weltweit Lob. Schon grätscht die Firma aus Wolfsburg dazwischen – mit einem Betrug, der Griechenlands Vettern wie Amateure dastehen lässt. Und in Deutschland die Angst darüber umgehen lässt, wie teuer der Image-Schaden fürs ganze Land werden könnte. Typisch deutsche Neurose?

Klar, es gehört ja ein wenig zum deutschen Wesen, dunkel zu mutmaßen, was wohl das Ausland über uns denkt. Nur könnte die Sorge diesmal berechtigt sein – und der Imageverlust teurer werden. Diesen Verdacht drängt zumindest eine gerade erschienene Studie von US-Ökonom Andrew Rose auf, einem der Gurus für Export und Handel.

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Der Professor von der Universität Kalifornien sezierte die Handelsströme von fast 200 Ländern. Fast alles, was da passiert, ließ sich durch harte Faktoren erklären: die Nähe der Länder zueinander, die gemeinsame Sprache oder die Mitgliedschaft im selben Handelsabkommen. Das erklärt, wer wie viel mit wem handelt. Was Rose außerdem entdeckte, ist, dass es auch nennenswert weiche Faktoren gibt, die mitspielen. Stichwort: Beliebtheit. Bei der Auswertung globaler Umfragen zum Image einzelner Staaten fand der US-Ökonom heraus, dass Länder auffällig viel exportieren, die im Abnehmerland das Image haben, eher Gutes für die Welt zu tun. Wie Rose vermutet, kauft man eher mal ein Produkt aus einem sympathischen Land als aus der Welt der mehr oder weniger Bösen.

Rose wertete Exportdaten und Beliebtheitswerte systematisch aus. Ergebnis: Wenn der Sympathiewert für ein Land um ein Prozent fällt, büßen die Unternehmen dort im Schnitt 0,5 Prozent ihrer Exporte ein. Das hieße aktuell: Sollte durch den VW-Skandal die Zahl der Amerikaner, die uns als gutes Land einstufen, um ein Prozent sinken, fiele eine halbe Milliarde Euro Exportumsatz weg. Würden die Sympathiewerte nicht nur in den USA derart nachlassen, ergäben sich weltweit bereits Verluste von sieben Milliarden Euro. Allein über den weichen Imageeffekt. Dabei kann der Sympathieverlust schnell höhere Werte erreichen.

Als in den USA George W. Bush regierte, fielen Amerikas Sympathiewerte rapide. Dann kam Barack Obama. Der Anteil derer, die Amerikas Einfluss positiv bewerteten, stieg darauf in Mexiko von zehn auf 41 Prozent, in Frankreich von 25 auf 52 Prozent. Wer weiß, vielleicht hat das ja zum US-Industrie-Revival seither beigetragen. Sollte Dieselgate jetzt umgekehrt die Sympathiewerte der Deutschen ähnlich fallen lassen, könnten für unseren Export schnell zweistellige Milliardenverluste entstehen. Teure Sache.

Jetzt könnte man, um Schlimmeres noch abzuwenden, natürlich überlegen, Barack Obama zum Chef von VW zu machen. Das muss der Aufsichtsrat entscheiden. Wobei das wahrscheinlich auch nicht viel schwieriger wäre, als Wolfgang Schäuble dazu zu bringen, unser Image bei den Griechen zu verbessern. Im Dienste unseres Exports dorthin. Egal. Wenn das gute Image so viel Export-Milliarden sichert, wie Andrew Rose schätzt, sollten wir zur Vermeidung weiterer Fluchtbewegungen vor deutschen Waren vielleicht einen neuen Schub Willkommenskultur anstoßen – für US-Touristen und andere potenzielle Autokäufer. Lächeln für Made in Germany. Da kann jeder mitmachen. Yes, we can.

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SZ-Grafik; Quelle: Globscan/BBC

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 25. September 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

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  1. 25. September 2015 um 08:45
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