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David Milleker: Vom Nutzen und Nachteil des BIP in Zeiten der Digitalisierung

5. Oktober 2015

Neulich hat mich ein Kollege auf eine sehr interessante Frage gestoßen: Messen wir die wirtschaftliche Dynamik über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eigentlich richtig, wenn diverse digitale Dienstleistungen mit etwas anderem als Geld – etwa über die Herausgabe personenbezogener Daten – „bezahlt“ werden?

Zunächst einmal haben die technischen Möglichkeiten des Internets eine ganze Reihe an neuen wirtschaftlichen Phänomenen / „Geschäftsmodellen“ entstehen lassen. Nehmen wir beispielsweise ein Projekt wie OpenStreetMap, in dem eine Vielzahl von freiwilligen / unbezahlten Teilnehmern Daten aus ihren persönlichen GPS-Geräten an einem zentralen Ort zusammenführt, um daraus eine Straßenkarte der Welt zu generieren, die dann wieder eine Vielzahl von Endnutzern kostenlos für ihre Navigationssysteme nutzen kann. Wichtig daran ist, dass wir hier nicht über das klassische Geschäftsmodell  einer App reden, bei der etwa Transportdienstleistungen eines Taxi-Unternehmens durch einen privaten Mitnahmedienst substituiert werden, aber die Dienstleistung nach wie vor in Geldeinheiten „bepreist“ ist.

Das BIP, mit dem wir gängigerweise das Wirtschaftswachstum messen, erfasst definitionsgemäß nur marktbasierte Transaktionen zwischen Menschen. Der Ökonom setzt dabei üblicherweise Zahlungsbereitschaft mit individueller Nutzenstiftung gleich, würde aber niemals soweit gehen, dass jede Nutzenstiftung auch eine Markttransaktion beinhaltet. Somit war das BIP noch nie als vollständiger Maßstab für Wohlstand konzipiert, sondern nur als umfassende Erhebung marktbasierter Transaktionen. Ein klassisches Beispiel ist etwa die frühkindliche Erziehung. Findet diese in der Familie statt, wird sie nicht im BIP erfasst. Sobald hier eine bezahlte Kita involviert ist, dagegen schon.

Um auf unsere beiden Beispiele zurückzukommen: Das Freiwilligenprojekt der Kartenerstellung wäre korrekterweise nicht erfasst, obwohl es Nutzen stiftet. Letztlich könnte das BIP dadurch sogar schrumpfen, wenn hinreichend viele Nutzer von kommerziell und unter Einsatz von bezahlten Arbeitnehmern erstellten Karten auf solche wechseln, die von unbezahlten Freiwilligen ermittelt werden. Im zweiten Fall bliebe die erbrachte Dienstleistung, im Sinne gefahrener „Personentransport-Kilometer“, eventuell unverändert. Was dabei allerdings durchaus stattfinden kann ist ein Verdrängungswettbewerb zwischen dem neuen und etablierten alten Anbietern. Auch mit der Dimension, dass dieser Wettbewerb zumindest teilweise über abgesenkte Sozial- und Arbeitsstandards stattfinden kann. Die Herausforderung bestünde somit nur in der statistisch korrekten Erfassung dieser Transaktion im Sinne der Preisbereinigung. Die nominale Erfassung in der Wirtschaftsleistung wäre dagegen kein Problem.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Bestimmte digitale Nutzenstiftungen / Dienstleistungen tauchen tatsächlich nicht im BIP auf, weil sie nicht auf monetär abgewickelten Markttransaktionen beruhen. Das gilt aber auch für viele andere Bereiche unseres Lebens und ist insofern nur dadurch neu, als hierzu heute das Internet als Plattform zur Verfügung steht. Andere digitale Dienstleistungen setzen dagegen tradierte Geschäftsmodelle unter Druck und wirken hierüber dämpfend auf Preis- und Lohnentwicklung. Das ist freilich nicht so viel anders als bei anderen technologischen Entwicklungen auch. Von daher erfüllt das BIP seine Funktion, die Summe aller über einen auf Geldeinheiten basierenden Markt erfolgten Transaktionen abzubilden, in der digitalen Welt  genauso gut wie in der analogen Welt.

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  1. 10. Oktober 2015 um 17:30

    Ein Teil der Frage war: „… rechnen wir korrekt, wenn statt mit Geld mit Daten gezahlt wird …“. Leider ja, bzw. mit einem geringeren Fehler, als vermutet. Der Grund ist, dass die Daten in einem weiteren Schritt zu Geld werden – würden sie das nicht, wie es im Post behandelt wurde, dann trifft die Aussage des Posts zu: „Es wurde noch nie alles einbezogen, es ist nur ein weiterer Stein“, die ergänzt werden könnte um: Wir rechnen uns die Welt, wie sie uns gefällt.

    Wirtschaftlich interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage: Worin besteht die erbrachte Leistung? Wofür gibt es Geld? Wer zahlt es? und Wer erbringt die Leistung? Der unterschied zum Bau eines konkreten Produkts ist erstaunlich. Nicht das Auto, sondern die Zahl der Benutzer und deren Benutzung wird bezahlt. FaceBook und Co. sind in diesem Vergleich eine Car-Sharing-Company, die mit dem Verkauf der (Meta-) daten der Fahrten und Nutzer, bezahlt wird.

    Könnte der Vergleich konkret umgesetzt werden? Taxiunternehmen sind diskret, sie werden diese Informationen nicht weitergeben, sie erhaten diese Informationen oft nicht, denn für eine Taxifahrt muss ich mich nicht ausweisen. Aber mit Uber habe ich die Daten. Gibt es einen Interessenten für diese Daten? Solange es Smartphones gibt, sind sie überweigend redundante Informationen. Die Preise werden gering sein.

    Hier noch ein kurzer Hinweis: Wirtschaftlich betrachtet sind Daten Massenware, die unausgewertet praktisch nichts wert sind. An Wert gewinnen Daten, wenn sie zu Informationen werden. Wie sie zu Informationen werden, ist ein Firmengeheimnis. Es gibt keine Regeln. Heute werden überwiegend statistische Mittel herangezogen und Kollateralschäden hingenommen. Es wird eine der wichtigeren Aufgaben in der nahen Zukunft sein, zu klären, welche Wege der Informationsgewinnung in welchen Fällen und wenn wie zu regeln sind.

    Warum? Angenommen Sie sind solvent, brauchen kurzfristig einen Kredit, der ihnen aber verwehrt wird. Jetzt haben Sie einen Schaden. Wenn bekannt ist, wie ihre Kreditwürdigkeit berechnet wurde und sie einen Mangel an Aussagekraft nachweisen können, können Sie den Schaden weiterreichen. Da die Verfahren aber Firmengeheimnisse sind, wird es ihnen schwer Fallen, den Nachweis zu erbringen.

    Auch andere haben ein Problem mit der Informationsgewinnung: Die HighScorce von Google können über Wahlen entscheidend. Es gibt Firmen, die nach einer Änderung der Berechnung von Platz eins auf Platz zehn gerutscht sind und deshalb massive Verlusste verbuchen. Ist Google ein Naturereignis? Muss man sich dagegen versichern? Wieviele Zocker muss ich einstellen um immer Top platziert zu werden? Ist das absetzbar? Oder verlangt der Staat bald Google-Kassino-Steuer?

  2. Jochen
    6. Oktober 2015 um 23:21

    Stimmt. So etwas war mir auch kürzlich aufgefallen. Man kann das sogar noch weiter spannen: So kann es z. B. sein, dass ein Land (z. B. Deutschland), in dem aufgrund hoher Lohnkosten für einfache Dienstleistungen viele Bürger auf diese verzichten und statt dessen lieber selber putzen, gärtnern und heimwerkern einen niedrigeres BIP aufweist als ein anderes Land (z. B. die USA), wo Haushalte solche Arbeiten gerne von Billig-Löhnern machen lassen – was dort also in das BIP einfließt.

  3. 5. Oktober 2015 um 20:44

    Gute Frage, gute Antwort. Aber nicht vollständig hinreichend, wenn man die gute Frage zum BIP noch eine Stufe weiter hinabsteigt.
    Diese Stufe weiter hinab liegt die Frage, die bislang noch nicht abschließend beantwortet ist:
    Ist das BIP überhaupt ein Maß für Wohlstand oder die Größe einer Wirtschaft?

    Denn das BIP ist nun einmal eine schlichte Summe (einer der drei Wege der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) von Geldeinheiten.

    Geld aber ist relativ, und es gibt keine definitorisch angebundene stabile und somit physisch „absolute“ Dimension oder Eigenschaft von den Dingen, die gegen das Geld getauscht werden.

    Die Summe von relativen Einheiten aber wird deshalb nicht stabiler. Sie bleibt eine relative Ausdrucksgröße.

    Die bislang einzige Hilfskrücke zur Anbindung der monetären völlig freien und somit völlig „wertelastischen“ Bepreisung an eine physische real messbare Größe ist die Definition eines Warenkorbs, in den reale Waren hineindefiniert werden.
    Das aber ist ein höchst volatiles Geschäft, und ganz sicher nicht eine stabile realphysische Dimension über die Zeit hinweg.

    Damit bleibt die sehr spannende Frage: Was ist die physische Eigenschaft, die die Größe einer Volkswirtschaft beschreibt?

    Und mit dieser Frage verbunden sage ich: Diese Eigenschaft existiert und ist nicht nur messbar, sondern wird bereits erfasst.
    Sie kann so als definitorische Grundlage der monetären BIP-Erfassung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung untergeschoben werden.

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