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Fabian Fritzsche: Die Eurozone ist deutscher geworden – und nun?

16. Oktober 2015

Seit 2008 befindet sich die Eurozone in der Dauerkrise, das reale BIP lag auch in Q2 2015 noch knapp unter dem Niveau von Anfang 2008. Insbesondere in den südeuropäischen Volkswirtschaften sank die Wirtschaftsleistung massiv und hat sich bislang kaum erholt. Von vielen Ökonomen und auch Politikern wurde die Ursache dafür vorwiegend in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit der Peripherieländer gesehen.

Tatsächlich wiesen die Peripherieländer bei Ausbruch der Krise extrem hohe Leistungsbilanzdefizite auf, ein klares Indiz für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Die vermeintlich logische Schlussfolgerung konnte daher nur sein, dass die Krisenländer mehr wie Deutschland werden, also Lohnstückkosten runter, mehr exportieren, weniger Konsum. Neben der Konsolidierung der Staatsfinanzen war und ist es daher erklärtes Ziel der Austeritätspolitik, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen bzw. wieder herzustellen. Bereits früh gab es Warnungen, dass Deutschland kein Vorbild für alle sein könne, da natürlich nicht alle Länder einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften könnten. Die seit Jahren trotz Sparpolitik anhaltend niedrigen Wachstumsrasten bei gleichzeitig weiter steigender Staatsschuldenquote legen zumindest nahe, dass diese Bedenken nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Mindestens in einem Punkt aber war die Austeritätspolitik von Erfolg gekrönt. Die Leistungsbilanzen Portugals, Spaniens, Italiens und Griechenlands haben sich von extrem negativen Werten in klare Überschüsse gedreht und dies ohne einen gleichzeitigen Rückgang des deutschen Überschusses. Nahezu alle einzelnen Volkswirtschaften erwirtschaften für sich genommen Überschüsse und in Summe wies die Eurozone zuletzt einen Leistungsbilanzüberschuss von knapp 2,9% des BIPs auf.

Auf den ersten Blick könnte nun der Eindruck entstehen, die Eurozone als Ganzes könne sich doch wie Deutschland verhalten, Leistungsbilanzüberschüsse akkumulieren und über den Export wachsen. Es bleibt allerdings dabei, die Überschüsse des Einen sind die Defizite eines anderen. Und da die Eurozone eine sehr große Volkswirtschaft ist und zudem gegenüber China als drittgrößter Volkswirtschaft ein Defizit besteht, konzentriert sich bei relativ wenigen Handelspartnern ein entsprechend hohes Defizit gegenüber der Eurozone. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Mitgliedsländer der EU außerhalb der Eurozone – vorwiegend Großbritannien – sowie die USA. Seit dem Tief in Q2 2009 ist das reale BIP um ganze 5,3% (also um 0,85% p.a.) gestiegen, die inländische Nachfrage hat dabei zu dieser „Erholung“ 0% zu beigetragen. Oder anders gesagt, der gesamte Anstieg des BIPs seit dem Tiefpunkt 2009 ist auf eine Verbesserung der Außenhandelsposition zurückzuführen. Damit sich die ohnehin sehr magere Erholung der Eurozone weiter fortsetzt reicht es allerdings nicht aus, dass der Überschuss so hoch bleib, wie er aktuell ist. Nur eine Ausweitung der Leistungsbilanzüberschüsse (bzw. eine Reduzierung von Defiziten) bringt weiteres Wirtschaftswachstum. Im Handel mit den Schwellenländern ist eine solche Verbesserung allerdings kaum zu erwarten; China, Brasilien und die Rohstoffe exportierenden Länder schwächeln selbst. Großbritannien wiederum weist bereits ein historisches Leistungsbilanzdefizit auf. Bleiben allenfalls die USA als Konjunkturlokomotive für die Eurozone. Spätestens hier zeigt sich, was für eine (relativ) kleine Volkswirtschaft noch ansatzweise funktionieren mag, stößt bei der Eurozone sehr schnell an die Grenzen. Die US-Wirtschaftsleistung liegt rund 30% höher als die der Eurozone. Jedes Prozentpunkt BIP-Wachstum, welches die Eurozone über den Handel mit den USA erzielen könnte, ist damit gleichbedeutend mit rund 0,77 Prozentpunkten Wachstumseinbuße in den USA. Selbst bei einer recht robusten Konjunktur in den USA sind daher kaum dauerhaft ausreichend hohe Impulse für die Eurozone zu erwarten. Die Eurozone wurde u.a. mit dem Ziel gegründet, ein ausgewogenes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum sowie ein hohes Beschäftigungsniveau zu erzielen. Eine stagnierende Binnennachfrage und sehr geringes Wachstum einzig aus dem Außenhandel ist nahezu das Gegenteil davon. Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre war weder ausgewogen noch kann es nachhaltig sein und für ein hohes Beschäftigungsniveau hat es auch nicht gesorgt. Letztlich ist diese Strategie, das deutsche Modell auf die Eurozone zu übertragen, also gescheitert.

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  1. 19. Oktober 2015 um 09:26
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