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Frickes Welt – Und jetzt auf die Großen

16. Oktober 2015

Die Deutschen haben noch nie so viel mehr exportiert als importiert wie 2015 – eine Viertel Billion Euro. Gigantisch. Was glorreich wirkt, birgt etwas Kurioses und höchst Tückisches zugleich.

Es kommt einer stillen Revolution gleich, was seit Ausbruch der Finanzkrise in den Handelsströmen weltweit passiert ist. Die Chinesen kaufen deutlich mehr, statt nur zu verkaufen, die Amerikaner setzen dafür mehr ab, statt nur zu konsumieren, und in Europas Süden sind die enormen Außendefizite verschwunden. Nur eins ist, wie es war: Deutschlands Rekordüberschüsse gehen nicht weg, im Gegenteil. Die Deutschen haben noch nie so viel mehr exportiert als importiert wie 2015 – eine Viertel Billion Euro. Gigantisch.

Was glorreich wirkt, birgt etwas Kurioses und höchst Tückisches zugleich. Das Kuriose ist, dass der Abstand zwischen unserem Export und Import nun etwa100 Milliarden Euro größer ist als vor der Euro-Krise – obwohl Spanier, Portugiesen und Griechen mittlerweile selber mehr aus- als einführen. Die Tücke: Die entsprechenden Rekorddefizite – und Schulden – machen jetzt nicht mehr europäische Peripheriestaaten, sondern Amerikaner, Briten und Franzosen. Alarm.

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Noch 2007 fuhren Spanier und Italiener Spitzendefizite ein (Grafik). Selbst das kleine Griechenland kaufte für fast sechs Milliarden mehr bei uns, als es uns verkaufte. Damit ist es seit der Krise vorbei – vor allem, weil nach ein paar Jahren Austerität das Geld zum Kaufen fehlt. Blöd für Made in Germany. Unsere Überschüsse mit Europas Krisenländern sind seither um mehr als die Hälfte gesunken.

Dass unser Gesamthandelsüberschuss trotzdem nicht implodiert ist, mag derzeit auch daran liegen, dass wir dank Ölpreisverfall weniger für Ölimporte ausgeben. Selbst die armen Vereinigten Arabischen Emirate müssen 2015 fast 13 Milliarden mehr für Käufe aus Deutschland berappen, als sie uns – an Öl und so – verhökern. Der Hauptgrund ist ein anderer. Unser Export in die USA liegt heute ein Drittel höher als vor der Krise – schon weil die Konjunktur dort besser läuft -, während unser Dollar-Import eher dümpelt. Ergebnis: Der deutsche Überschuss mit den USA hat sich seit 2007 verdoppelt. Ähnlich Atemberaubendes gilt für die Bilanz mit den Briten (plus 90 Prozent). Der deutsch-französische Saldo stieg um ein Drittel. Die drei Länder stehen damit für fast 60 Prozent unseres Handelsüberschwangs 2015.

Gut ist, dass Große sich solche Defizite länger erlauben können als etwa die Griechen, weil sie an den Finanzmärkten einen Bonus haben. Der Haken: Wenn es kracht, wird es umso bedrohlicher. Ein Land, das in einem anderen mehr ein- als verkauft, muss das Geld entweder durch überschüssige Verkäufe in ein weiteres Land aufbringen – was das Problem nur verlagert – oder auf Pump bezahlen, wie es die Südeuropäer taten. Und die Briten tun – mit jährlich fünf Prozent ihres BIP.

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SZ-Grafik: Unterhitzenberger; Quelle: Destatis, eigene Berechnungen.

Da hilft es wenig, anderen die Schuld zu geben. Wer so viel auf Pump verkauft, darf sich über die nächste Schuldenkrise bei einem der Abnehmer nicht wundern. So große Ungleichgewichte gingen in der Geschichte meist erst in neuen Krisen und Umbrüchen weg. Und: Würden Briten, Amerikaner und Franzosen ihren Importsog so eifrig bremsen wie Europas Südländer, hätten die Deutschen ein Problem. Eine historische Exportkrise. Entweder weil die Nachfrage auf drei der größten Absatzmärkte einbricht. Oder weil die Konkurrenten plötzlich so vorbildlich viel wettbewerbsfähiger (als wir) sind, dass uns die Freude daran auch schnell vergehen wird.

Die galantere Lösung wäre allemal, dass wir in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr von den Großen importieren. Dann können wir weiter so schön exportieren. Dann kauft mal schön!

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 15. September 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

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