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David Milleker: Japan: Mobilisierung von Frauenpower

30. November 2015

„Wachstum, soziale Sicherung und Familienförderung“ lautet der neue Dreiklang der japanischen Regierung. Das kommt vielleicht weniger schlagzeilenträchtig daher als die ursprünglichen „drei Pfeile“ aus massiver Zentralbanklockerung, Fiskalpolitik (Stop-and-Go mit Konjunkturprogramm 2013 und Mehrwertsteuererhöhung 2014) und Strukturreformen. Aus unserer Sicht ist der neue Ansatz allerdings der Problemlage in Japan sehr viel angemessener als der alte.

Die Bilanz der bisherigen drei Regierungsjahre von Abe fällt durchwachsen aus: 2013 ein sehr gutes erstes Wachstumsjahr, 2014 eine durch die Mehrwertsteuererhöhung induzierte Rezession und in diesem Jahr wieder ein bestenfalls schwächliches Gesamtwachstum mit zwei Negativquartalen. Etwas besser sieht es auf der nominalen Seite aus. Immerhin ist hier ein Aufwärtstrend erkennbar, der aber bei genauerem Hinsehen keineswegs so klar auf Abe zurückzuführen ist wie man zunächst vermuten könnte. Die Verlangsamung im Trend des nominalen Wirtschaftswachstums war in den frühen 1990er Jahren prägend. Um die die Jahrtausendwende kam dieser Trend zum Stillstand und eine Beschleunigung deutete sich ab 2010 (also vor Abes Amtsantritt) an. Zumindest bei diesen makroökonomischen Indikatoren tut man sich also schwer, einen Durchbruch zum Besseren zu erkennen.

Erfolge kann die Regierung allerdings an einer Stelle verbuchen, die weit weniger im Fokus steht: Erwerbsbeteiligung und Beschäftigung von Frauen haben sich deutlich erhöht – zugegebenermaßen von einem historisch wie international äußerst bescheidenen Niveau. Um das an einer Zahl deutlich zu machen: von per Saldo 1,1 Mio. seit 2013 entstandenen Stellen entfielen 1,05 Mio. auf Frauen.

Diese Entwicklung ist für Japan besonders wichtig, weil die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter dort jedes Jahr um rund 850.000 Personen schrumpft. Vor diesem Hintergrund ist ein Wachstumsrückstand Japans gegenüber anderen Ökonomien, die dieses Thema nicht oder in deutlich abgemilderter Form haben, kaum verwunderlich. Gemessen an der realen Wirtschaftsleistung pro Kopf oder gar pro Erwerbsfähigem schneidet Japan beim Wachstum mindestens gleich gut ab wie jedes andere Industrieland.

Umso erstaunlicher ist es, dass Japan bislang so wenig dafür getan hat, seine weibliche Bevölkerung am Arbeitsmarkt zu mobilisieren. Frauen werden drastisch schlechter bezahlt als Männer (Gehaltsrückstand von 26,5% bei Vollzeitbeschäftigung, gegenüber 16,6% in Deutschland) und verschwinden in der Familienphase wahlweise ganz aus dem Erwerbsleben oder werden dauerhaft in irreguläre Beschäftigung oder Teilzeitbeschäftigung abgedrängt. Bei all diesen Indikatoren schneidet Japan gegenüber OECD-Ländern mit vergleichbarem Lebensstandard deutlich unterdurchschnittlich ab. Ebenso ist auffällig, dass sich das Lebensalter bei Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, in Japan seit 1970 überproportional deutlich nach hinten verschoben hat.

Somit zwingen die Rahmenbedingungen Frauen immer noch viel zu sehr in eine harte Entscheidung zwischen Familie ODER Beruf. Denn in Japan wird insgesamt sehr wenig für öffentliche Familienleistungen ausgegeben und besonders wenig für Betreuungsleistungen für Kinder unter fünf Jahren. Ganz anders als etwa in Schweden, wo in beiden Bereichen besonders viel öffentliche Leistungen aufgewendet werden.

Jede Veränderung in Richtung einer besseren Vereinbarkeit von Familie UND Beruf, die zu einer stärkeren Mobilisierung des weiblichen Erwerbspotenzials beiträgt, würde Japans Wachstumsperspektiven merklich verbessern. So entspräche etwa die Steigerung der Frauenerwerbsbeteiligung in Japan auf das Niveau Deutschlands 2,7 Mio. Erwerbspersonen. Die hierfür notwendigen Mittel wären sicher besser angelegt als für die bekannten „Brücken ins Nichts“.

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