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Frickes Welt – Fluten gegen den Kollaps

4. Dezember 2015

Hier tagen die Notenbanker, dort die Klimaschützer. Die einen schaffen Geld, ohne zu wissen, wem es hilft. Die anderen wüssten es schon.

In Frankfurt tagen die Notenbanker, in Paris die Klimaschützer. Der Zusammenhang? Na ja. Die einen schaffen gerade sehr viel Geld und wissen nicht genau, wem das hilft. Die anderen hätten viele Ideen, wo Geld hilft, können es aber nicht drucken. Was läge näher, als beide miteinander bekannt zu machen?

Allein der Gedanke dürfte bei der Bundesbank ordnungspolitische Herz-Rhythmus-Störungen verursachen. Eine Notenbank soll laut Auftrag ja über allem schweben – und nicht entscheiden, wer Geld kriegt. Zumindest in Normalzeiten. Im Auftrag steht allerdings auch nichts davon, dass sie (vor allem) Aktionäre und Hausbesitzer glücklich machen soll. Was die Europäische Zentralbank gerade tut. Als sie im Januar ankündigte, monatlich für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen zu kaufen, um die schwächelnde Geldversorgung anzukurbeln, schnellten die Börsenkurse hoch. In drei Monaten konnten Aktienbesitzer ihr Vermögen um fast 30 Prozent mehren (Grafik). Tolle Sache. Ähnliches gilt für Hausbesitzer. In Frankreich stiegen die Immobilienpreise im Sommer so stark wie seit vier Jahren nicht.

Das Geld, das die EZB durch die Aufkäufe freigemacht hat, wurde weniger investiert – als in Finanzanlagen gesteckt. Selbst wenn man darüber hinwegsieht, dass die EZB so de facto eine Minderheit von weniger als sieben Prozent der Deutschen beglückt (was wir neidlos gönnen), ist das bedenklich. Es ging ja darum, die Konjunktur anzukurbeln. Die Industrie im Euro-Raum produzierte im September aber kaum mehr als zum Start der EZB-Aktion. Da wird relativ viel Geld relativ ungezielt in die Runde geworfen.

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Nun gäbe es zwei Möglichkeiten: entweder die EZB hört mit der Aktion auf – riskant. Alle historische Erfahrung deutet darauf hin, dass es nach Finanzkrisen über Jahre nötig ist, extra Geld zur Verfügung zu stellen – weil es dann viele gibt, die ihre Schulden abzubauen versuchen, also Geld aus dem Kreislauf nehmen. Deflationsgefahr. Die US-Notenbank hat viel früher viel mehr Anleihen gekauft – und die Aktion umso früher stoppen können. Die zweite Option ist, das Geld gezielter dorthin kommen zu lassen, wo es ausgegeben wird – und idealerweise langfristig einem guten Zweck dient. Womit wir wieder bei den Klimaschützern wären. Nach Schätzungen bräuchte es jährlich eine Billion Dollar weltweit, um den Klimawandel zu stoppen. Spende willkommen.

Wie das gehen könnte, hat der Ökonom Victor Anderson für die Grünen im Europa-Parlament zu entwerfen versucht. Die EZB könnte das Geld schaffen und die Verteilung an die Europäische Investitionsbank delegieren. Dann braucht sie nicht selbst zu entscheiden, was gut und schlecht ist. Solche Modelle mögen noch reifen. Fest stehe, so der frühere Zentralbanker Andrew Sheng, dass die Währungshüter durch die Finanzkrise ohnehin aus dem alten Modus geworfen wurden, sich allein um die Inflation zu sorgen. „Jetzt ist die Büchse der Pandora geöffnet, und die Frage ist, ob die Notenbanker – wenn sie so massiven Einfluss nehmen – nicht auch gesellschaftliche Ansprüche erfüllen müssen“.

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Das wird bei Gralshütern der alten Lehre aufstoßen. Dass sich die Notenbanker allerdings ohnehin mit der Klimasache beschäftigen müssen, hat der Chef der Bank of England, Mark Carney, kürzlich eindrucksvoll dargelegt. Wenn die Klimaschäden zunähmen, könne dies zum ernsten Problem für die Versicherungen werden, manche Branche erschüttern, die noch auf Öl und Kohle setzt – und jene Finanzstabilität gefährden, die Notenbanker sichern sollten. Auf nach Paris.

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Dezember 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

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