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Frickes Welt – Die Mär vom Leidensdruck

18. Dezember 2015

In Krisenzeiten seien Menschen eher bereit, etwas zu ändern, gebe es mehr Druck, wirtschaftlich Neues zu entwickeln. Sagen gern mal Professoren, die auf Lebenszeit verbeamtet sind. Dabei gibt es dafür im realen ökonomischen Leben nicht so viele Belege.

Die Wirtschaft wächst seit sechs Jahren, und das nächste Expansionsjahr scheint zu nahen. Schon unken besorgte Fachleute, uns könnte es zu gut gehen. Schlendrian. Und der Finanzminister orakelt, dass ein bisschen Leidensdruck gar nicht so schlecht sei. Kennt er vom Griechen.

Die Idee ist auch bei Ökonomen beliebt: In Krisenzeiten ist der Mensch eher bereit, etwas zu ändern – und unter dem Druck Neues zu schaffen. Heißt es gerne von Wirtschaftsprofessoren, die auf Lebenszeit verbeamtet sind. Dabei lassen sich für die schöne Theorie in der Praxis nicht so viele Belege finden. In Krisenzeiten mag mancher eher verzichten, was den einen oder anderen Betrieb (vorerst) am Leben hält. Nur ist das ja noch nichts Innovatives. Im Gegenteil: Manches deutet darauf hin, dass die Angst in solchen Krisen sogar kollektiv lähmt – kein gutes Ambiente.

frickes-welt[1]Zu kaum einer Zeit stieg in Deutschland die Produktivität der Wirtschaft so langsam wie Ende 2003 bis Ende 2005, als die Arbeitslosigkeit bei fünf Millionen lag. Selten zuvor bildeten deutsche Betriebe so wenige junge Leute aus wie im Krisenjahr 2004. Die Investitionen des Staates erreichten ebenfalls historische Tiefs. In schlechten Zeiten läuft auch die Demografie nicht – es gibt wenig (qualifizierte) Leute, die ins Land wollen. In Deutschland wurden in der Krise so wenige Kinder geboren wie lange nicht. Nicht nur, aber auch krisenbedingt. Von wegen kreativ. In den fünf (Leidens-) Jahren bis 2005 schrumpfte Jahr für Jahr das Forschungsbudget der deutschen Wirtschaft. Kein Zufall: Nach einer Auswertung der EU-Kommission für die Zeit seit 1998 lag der Anteil innovativer Betriebe in Europa immer dann besonders niedrig, wenn die Wirtschaft im Abschwung oder in der Rezession war. Prozyklisches Muster, heißt das im Fachjargon.

Das Ding ist, dass das Muster umgekehrt ebenso wirkt. In den ersten beiden Jahren des Aufschwungs 2006/07 verdoppelte sich in Deutschland plötzlich der Produktivitätszuwachs, die Unternehmen konnten dank neuer Nachfrage mit ihrer Belegschaft schlicht mehr produzieren. Nach ein paar Jahren Wachstum beschäftigen die Betriebe heute fast zehn Prozent mehr Azubis als zu düsteren Kostenpanikzeiten. Im Land werden – Simsalabim – wieder so viele Kinder geboren wie vor der Stagnation 2002. Und es gibt auch wieder den einen oder anderen, der es vorzieht, zu uns einzuwandern – statt in (Euro-) Krisenländer mit Massenarbeitslosigkeit. Mehr noch: In den sieben Jahren nach 2005 hat sich das jährliche Wachstum der Forschungsausgaben um etwa die Hälfte beschleunigt – plötzlich sind wir über OECD-Schnitt. Nach den EU-Auswertungen ist der Anteil innovativer Unternehmen mit fast 40 Prozent im Boom am höchsten. Leidensdruck? Quatsch. Im Aufschwung scheinen sich Wachstumskräfte viel mehr gegenseitig zu verstärken. Gute Zeiten machen Mut und erfinderisch. Wenn das stimmt, geht es uns überhaupt nicht zu gut. Noch haben die Investitionen der Wirtschaft nicht den Vorkrisenstand erreicht. Noch ist auch die Produktivität nicht dort, wo sie war. Dazu war Deutschlands Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre in Wirklichkeit noch zu schwach. Dafür gab es auch noch zu viele Sorgen, ob etwa die Euro-Krise nicht doch wieder eskaliert. Fazit: Uns geht es noch nicht gut genug. Und sollte Opa Heiligabend wieder mosern, dass es doch so ist, erzählen Sie ihm einfach von prozyklischen Forschungsausgaben und vom Babymachen im Boom. Ruhe ist. Frohes Fest.

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Quellen: SZ-Grafik

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Dezember 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015

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