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Fabian Fritzsche: Druck der Digitalisierung

17. Februar 2016

Fünf Millionen Jobs werden in den Industrieländern durch die Digitalisierung und Automatisierung in den kommenden fünf Jahren wegfallen – so lauteten die Schlagzeilen im Januar. Basis dieser Prognose, des Weltwirtschaftsforum, die in Davos vorgestellt wurde, war eine Umfrage unter den Top-Managern von 371 der weltweit größten Konzerne. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Oktober letzten Jahres kommt zwar nicht zu ganz so drastischen Zahlen, erwartet aber immerhin 60.000 Arbeitsplätze weniger alleine in Deutschland.

Ähnliche Schlagzeilen gibt es regelmäßig, und der Gedankengang ist zunächst auch schlüssig: Eine bestimmte Tätigkeit, die bisher von einem oder mehreren Menschen verrichtet werden musste, kann zukünftig mit weniger menschlicher Arbeit oder sogar komplett von Robotern erledigt werden. Auf der betriebswirtschaftlichen Ebene ist dies sicherlich auch richtig. Das einzelne Unternehmen kann über Automatisierung seine Kosten möglicherweise senken, aber selbst wenn diese Kostenreduktion zu einer Preissenkung führt, wird dies den Absatz dieses Unternehmens nur wenig beeinflussen. Durch die Automatisierung setzt das einzelne Unternehmen also allenfalls marginal mehr ab, es wird somit letztlich weniger menschliche Arbeitskraft benötigt, um die Nachfrage zu befriedigen.

Tatsächlich steigt die Produktivität spätestens seit Beginn der Industrialisierung fast jedes Jahr und seitdem gibt es wohl auch die These, dies würde zu Arbeitsplatzverlusten führen. Seitdem wird das Argument allerdings auch laufend durch die Realität widerlegt.  Die Wirtschaftsleistung des Jahres 1965 etwa könnte man heute schätzungsweise mit der halben Erwerbstätigenzahl von damals erzielen, tatsächlich gibt es heute aber sogar mehr Arbeitsplätze (und mehr geleistete Stunden). Nun mag es nicht grundsätzlich verwundern, dass sich das Argument, Produktivitätsfortschritt führe zu Arbeitsplatzverlusten, so hartnäckig hält. Überraschend ist eher, dass solch eine These offenbar auch von Spitzenmanagern vertreten wird. Die Vertreter der 350 größten Konzerne der Welt übertragen ein betriebswirtschaftliches Phänomen einfach auf die Volkswirtschaft übertragen. Haben viele Konzernlenker tatsächlich eine solche begrenzte Sicht, dass sie Entwicklungen, die sie im eigenen Unternehmen erwarten, ohne zu zögern auf alle Unternehmen projizieren? Vorstellbar ist das sicherlich, wirft dann allerdings ein bezeichnendes Licht auf alle volkswirtschaftlichen Reformvorschläge aus dieser Richtung. Es muss befürchtet werden, dass auch in anderen Fällen – etwa Steuersenkungen oder Lohnmoderation – die betriebswirtschaftliche Sichtweise unzulässig auf die Gesamtwirtschaft angewendet wird. Gemäß der Studie des Weltwirtschaftsforums werden die Auswirkungen des Produktivitätsfortschritts auch nur zwischen den beiden Extremen „unbegrenzte Möglichkeiten, Befreiung von Routinetätigkeiten“ auf der einen Seite und „massive Substitution von menschlicher Arbeit“ ohne Chance, dies zu ändern, auf der anderen Seite genannt, wobei das Pendel unter den befragten Managern aber offenbar eher zur zweiten Seite ausschlägt. Variante eins ist naiv und spiegelt die Ansicht wider, der Markt regele alles irgendwie von alleine. Variante zwei ist fatalistisch, aber wie gezeigt historisch und volkswirtschaftlich unbegründet.

Ein Aspekt, der beim Thema Produktivitätsfortschritt jedoch oft untergeht, ist die Verteilungsfrage. Vermutlich klingt das zu sozialistisch. Doch gerade wer davon ausgeht, dass die Digitalisierung und Automatisierung Millionen an Arbeitsplätzen kosten wird – mit anderen Worten, dass diese Entwicklung die Produktivität massiv erhöhen wird – muss diese Frage mit diskutieren. Denn wenn es einen Produktivitätsfortschritt gibt, kommt er auch irgendwem zugute; die Frage ist wem. Kommt dieser Gewinn nur der einen Seite zugute, fehlt  es an zukünftiger Nachfrage und es kommt tatsächlich zu Arbeitsplatzverlusten durch höhere Produktivität. Kommt er nur der anderen Seite zugute, wird bald der Anreiz für weitere Fortschritte und damit potentielle Wohlstandszuwächse fehlen. Beides kann volkswirtschaftlich nicht sinnvoll sein, es wäre allerdings blauäugig, einfach abzuwarten, was passieren wird.

Da also offenbar ein recht breiter Konsens darüber besteht, dass die Digitalisierung und Automatisierung zu großen Veränderungen in der Arbeitswelt führen wird, verbunden mit einer deutlich höheren Produktivität, sollte endlich über den Umgang damit diskutiert werden. Reallohnsteigerungen im Rahmen des Produktivitätsfortschritts wären ein Ansatz, entsprechende Arbeitszeitverkürzungen ein anderer. Einfach abwarten dürfte die schlechteste Variante sein.