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Frickes Welt – Crash mit Ansage

19. Februar 2016

Seit es an den Börsen bergab geht, hat eine Berufsgruppe Hochkonjunktur: die Analysten, die bei jedem neuen Minus rufen, dass das nun wirklich „übertrieben“ sei. Da spielt ganz offenbar Börsen-Panik mit. Fragt sich, was da unangemessen ist.

Seit es an den Börsen rapide bergab geht, hat eine Berufsgruppe Hochkonjunktur: die Analysten, die bei jedem neuen Minus rufen, dass das nun wirklich „übertrieben“ sei, und die „Stimmung schlechter als die Lage“ (um dann selbst panisch Aktien zu verkaufen). Klar: Die Unternehmen, deren Wertpapiere da gehandelt werden, sind in ein paar Wochen ja nicht plötzlich 20 oder 30 Prozent schlechter geworden. Und die Konjunktur läuft auch nicht plötzlich so viel mieser als Ende 2015. Da spielt ganz offenbar Börsen-Panik mit. Fragt sich nur, was da unangemessen ist – oder war: der aktuelle Absturz – oder jener vorangegangene Höhenflug, den die Berufsgruppe offenbar gar nicht so „übertrieben“ fand. So was. Klassischer Fall von Funktionsstörung im Langzeitgedächtnis.

Als im Sommer 2007 die Jahrhundertfinanzkrise nahte, lag der Deutsche Aktienindex Dax bei 8000 Punkten. In der Krise fiel er zeitweise unter 4000Zähler. Um dann schon Anfang 2009 den Tiefpunkt zu überwinden. Seitdem ging es mit ein paar Unterbrechungen bergauf – als hätte es kein Finanzbeben samt Euro-Krisen und globalen realwirtschaftlichen Schockwellen gegeben. Zwei Jahre später war der Dax bei 7000 Punkten. Im April 2015 lag der Durchschnittsindex der Kurse dann über 12 000. Paradiesisch: die Bewertung deutscher Firmen hatte sich in sechs Jahren in etwa verdreifacht. Selbst wenn man als Referenz die Zeit vor der Krise nimmt, ist die Bilanz atemberaubend: vergangenes Frühjahr lag der Dax wundersame 55 Prozent höher als kurz vor Ausbruch der Jahrhundertkrise.

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Nun gibt es an den Börsen immer genug Kreativität, um selbst solche Luftakrobatik durch mathematische Formeln zu begründen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis sei bei vielen Firmen gar nicht so hoch, liest man – sprich: gemessen an den Gewinnen und früheren Erfahrungen könnten die Aktienkurse noch höher sein. Nur: Dass Gewinne aktuell hoch sind, muss kein Garant dauerhafter Leistungskraft sein. Wenn Aktienkurse den Zweck haben, den Wert von Unternehmen zu spiegeln, sollte die Summe dieser Bewertungen auf kurz oder lang nicht grundlegend davon abweichen, was das Land volkswirtschaftlich tatsächlich (mehr) leistet. Hier beginnen die Zweifel.

Zwar ist auch das Bruttoinlandsprodukt seit der Finanzkrise gewachsen. Nur liegt es real heute gerade 5,5 Prozent höher als Anfang 2008 – so wenig Zuwachs in fast einem Jahrzehnt, das hat in der modernen Wirtschaftsgeschichte Raritätswert. Noch magerer fällt die Bilanz beim Produktivitätsfortschritt aus. Je Beschäftigten stellen die Unternehmen hierzulande heute nur gut drei Prozent mehr her als vor acht Jahren. Bei den Investitionen ist der Krisen-Einbruch bis heute nicht wettgemacht. Die Unternehmen steckten Ende 2015 sieben Prozent weniger Geld in neue Maschinen und Anlagen, also in die eigene Zukunft, als vor Ausbruch der großen Krise. Wie kann da der Wert der Firmen um 55 Prozent gestiegen sein? Da stimmt etwas nicht.

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All das spricht dafür, dass der Höhenflug bis 2015 mindestens so übertrieben war wie die jüngste Schrumpfung der Kurse – was nicht heißt, dass der Absturz ungefährlich ist, weil die Unternehmen geschätzte 200 Milliarden Euro weniger Kapital haben, als sie kürzlich (fälschlicherweise) noch dachten. Schön wäre, wenn der gemeine Analyst auch in guten Zeiten „übertrieben“ riefe – dann gäbe es weniger Überschwang, und die Überraschung wäre danach weniger bitter. Ein Traum.

SZ-Grafik; Quelle: Bundesbank

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Februar 2016. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2016

  1. H.Ewerth
    21. Februar 2016 um 13:33

    Natürlich sind das künstlich erzeugte „Blasen“ mit der Realwirtschaft haben diese Schwankungen, nun wirklich nichts aber auch gar nichts mit der Realwirtschaft zu tun. Spielen hier in erster Linie nicht die sog. Schattenbanken eine große Rolle, noch dazu ohne jedweder Kontrolle? Man muss sich doch nur einmal mit den Zahlen beschäftigen. Alles was die Länder weltweit produzieren, also das Bruttoinlandsprodukt weltweit, beträgt heute doch nur noch ca. 60 Billionen Dollar. Dagegen das was alleine weltweit an Derivaten gehandelt wird, entspricht etwa das 10 bis 12 fache? Mit anderen Worten die Realwirtschaft ist heute nur noch ein Anhängsel der Finanzwirtschaft.

  1. 1. März 2016 um 12:49
  2. 19. Februar 2016 um 17:32
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