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Frickes Welt – Warum der Ölpreis für Deutschland besonders gefährlich ist

21. März 2016

Öl und Benzin so günstig wie seit vielen Jahren nicht mehr – ein prima Konjunkturprogramm für Deutschland? Von wegen.

Benzin ist so billig wie zuletzt vor sieben Jahren, die deutsche Wirtschaft muss 40 Prozent weniger für Energie-Importe ausgeben, und Öl ist günstig zu haben. Ein starkes Konjunkturprogramm, sollte man meinen. Von wegen. Das Essener RWI-Institut senkte diese Woche seine Wachstumsprognose für Deutschland 2016 sogar von 1,8 auf 1,4 Prozent – obwohl Öl seit der vorigen Prognose noch einmal frickes-welt[1]billiger wurde. Wie kann das sein?Am Umfang der Entlastung kann es eigentlich nicht mangeln. Klar, brauchen wir vergleichsweise weniger Öl als früher, je Einheit Wirtschaftsleistung wird in Industrieländern nur noch etwa halb so viel Öl benötigt wie Anfang der Siebzigerjahre. Umso weniger kann man natürlich sparen, wenn der Preis runter geht.

Was Wirtschaft und Verbraucher durch den Preisrutsch gegenüber 2012 weniger an Energie ausgeben, macht aber immerhin ein Prozent der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung aus. Allein der Preisverfall seit Dezember ergebe 2016 weitere 0,4 Prozent Entlastung, schätzen die Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Ob das Wachstum bringt, ist dennoch fraglich.

Seit dem erneuten Absturz der Ölpreise sind auch Deutschlands Exporte in die USA um fünf Prozent gesunken

Zwar macht das Discount-Tanken konsumfreudig. Seit die Ölpreise 2014 begannen, abzustürzen, erleben Deutschlands Autohändler einen ungeahnten Umsatzzuwachs (siehe Grafiken). Die dümpelnden Verbraucherausgaben stiegen 2015 erstmals seit Jahren um immerhin ein Prozent. Nur: Der Einbruch der Rohstoffpreise hat weltweit Länder in Krisen gestürzt, die vom Rohstoffexport leben – und vor kurzem noch zu den dynamischsten Abnehmern von „Made in Germany“ zählten.

In Brasilien hat der Kursverfall zur Rezession stark beigetragen. In Russland gilt ähnliches. Zu den Betroffenen zählt auch Deutschlands größter Absatzmarkt im Ausland: die USA, die durch den Ausbau der Schiefergasförderung zum Großexporteur von Öl wurden. Seit dem erneuten Absturz der Ölpreise vor einem Jahr sind auch Deutschlands Exporte in die USA um fünf Prozent gesunken.

 Wie Ökonomen herausgefunden haben, wirken Preisrückgänge eher negativ, wenn der Grund für den Einbruch darin liegt, dass plötzlich weniger Öl nachgefragt wird – oft ein Krisensignal. Genau das scheint seit 2015 der Fall zu sein. Die Kurse fielen fast zeitgleich mit den Konjunkturindikatoren aus China, Brasilien oder den USA.

Kaum ein anderes großes Land hängt so vom Export ab wie Deutschland

Sprich: In solcher Konstellation sind die fallenden Preise Symptom für weltwirtschaftliche Probleme, und weniger Triebkraft für die Wirtschaft. Da verstärkt sich die Abwärtsdynamik von selbst: Je weniger Wachstum, desto weniger Ölpreis, umso weniger Wachstum. Kein Zufall, dass der deutsche Export mit den Ölpreisen seit Mitte 2015 gesunken ist.

Für Deutschland droht das erhoffte Konjunkturprogramm so zum Aktionspaket für schwächeres Wachstum zu werden. Kaum ein anderes großes Land hängt so vom Export ab – und von der guten Konjunktur in Industrie- wie Schwellenländern; seit 1990 hat sich die Ausfuhr in ein Öl-Land wie Saudi-Arabien verzwanzigfacht.

Die Abhängigkeit vom Verkauf ins Ausland ist mittlerweile so stark, dass die Kosten der Ölkrise via Exportverlust die positiven Effekte für hiesige Verbraucher arg auffangen. Die Kieler Konjunkturforscher kommen zu dem Ergebnis, dass für Deutschland der Ölpreisverfall derzeit per saldo negativ wirkt und diesen Winter mehr Wachstum kostet als er bringt. Wenn das stimmt, kann man nur hoffen, dass es bald wieder teurer wird, zu tanken.

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 19. März 2016. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2016