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Die Rechnung, bitte! – Aufstieg der Rechtspopulisten: Schaut auf die Banken

15. April 2016

Rechtspopulisten spüren überall Aufwind. Liegt das nur an den Flüchtlingen? Nein. Wir sollten den Blick auf eine andere, wahre Jahrhundertkrise richten.

Nach Deutschland kommen kaum mehr Flüchtende, das Asylrecht ist verschärft, und für Integration wird jetzt auch gesorgt. Kein Grund mehr, gegen Fremde zu poltern, den fehlenden Kurswechsel von Merkel zu beklagen oder die Lügenpresse zu schimpfen. Im Grunde kann Frauke Petry einpacken und mit Donald Trump und Marine Le Pen auf die Insel gehen. Na ja. Es sei denn: Die Sorge vor den Flüchtlingen ist gar nicht der Grund für den Zulauf, den rechte Populisten in diesen Zeiten haben.

Gut möglich. Immerhin haben die Franzosen Le Pen – ohne auch nur ansatzweise so viele Flüchtende aufgenommen zu haben wie Deutschland; und die Amerikaner haben Donald Trump – ohne Merkel. Was den Ländern mit Rechtsruck gemein ist, ist etwas anderes, und das geht tiefer: Überall wirkt auf die eine oder andere Art jene Jahrhundertfinanzkrise nach, die 2007 ausbrach, und für deren Schäden heute die mitzahlen, die oft gar nicht wissen, was Hedgefonds und Derivate sind.

Wie der Bonner Ökonom Moritz Schularick mit zwei Kollegen in einer beeindruckenden historischen Studie (siehe PDF) kürzlich herausfand, erleben stramm rechte Parteien nach solchen Crashs systematisch Zulauf. Das gilt für Deutschland nach 1929, aber auch für Skandinavien bei in Bankenkrisen etwa in den Neunzigerjahren. Die Experten untersuchten mehr als hundert Finanzdebakel in 20 Ländern seit 1870. Ergebnis: Im Schnitt legten Rechtsparteien in den ersten Jahren danach bei Wahlen um 30 Prozent zu. Plausibel: In Frankreich erlebte der rechtsextreme Front National seinen ersten Schwung nach der Franc-Krise in den Achtzigerjahren. Auch die Alternative für Deutschland startete bekanntlich in der (Euro-)Währungskrise.

Der Gegencheck der Wissenschaftler ergab, dass der Rechtsruck nach anderen Rezessionen – ohne Finanzcrashs – in der Regel ausblieb. Sprich: Es muss etwas mit den Banken zu tun haben.

Jetzt könnte man sagen, dass die Finanzbranche gar nicht so weit oben auf der Wutliste im Land steht. Ja, nur lässt sich auch nicht so gut gegen strukturierte Finanzprodukte oder Integrationsprobleme bei Derivaten hetzen. Was die Finanzkrise hinterlassen hat, könnte kollektiv dennoch eine Menge mehr Unmut über Politiker und Eliten erklären als jede Flüchtlingskrise.

Nach Umfragen von Forsa glauben nur 25 Prozent der Deutschen, dass die „normalen Bürger“ vom Euro am meisten profitieren – aber 81 Prozent, dass die Eurokrise dieselben normalen Bürger am meisten trifft. Willkommen Verdrossenheit. Zumal zumindest der zweite Teil der Vermutung nicht so falsch ist.

Die Rechnung zahlen die Sparer

Zum typischen Lauf von Finanzkrisen gehört, dass Banken wohl oder übel gerettet werden, obgleich sie das Problem mitverursacht haben – weil ohne Banken nichts geht und bei Nichtrettung aller Erfahrung nach ein wirtschaftlicher Kollaps droht. Nur ist das Retten für den Staat teuer und führt oft zu steigenden Steuern oder sinkenden Renten. Das Volk dankt.

Da haben Politiker die schöne Wahl, entweder als Grüßonkel dazustehen, weil sie, getrieben von der Panik an den Finanzmärkten, Geldhäuser mit Steuergeldern retten, oder es nicht zu tun, so aber die noch größere Krise zu riskieren und wegen Massenarbeitslosigkeit abgewählt zu werden. Auch nicht toll. Selten wirken Politiker so hilflos wie in solchen Krisen (ja, geschenkt, dafür brauchen manche keine Finanzkrise). Kein Wunder, dass die Hochachtung vor dem politischen Personal dann sinkt.

Was die Sache nur schlimmer macht, ist, dass Crashs typischerweise auf euphorische Zeiten folgen, in denen ein paar wenige viel Geld gemacht haben. Und in denen mehr in Spekulation als in neue Fabriken und sichere Arbeitsplätze investiert wurde. Selten war das Reichtumsgefälle so groß, wie zur Zeit der Crashs 1929 und 2008 – ohne dass sich daran seither viel geändert hat. Die reichsten zehn Prozent besitzen fast zwei Drittel der Vermögen, während 40 Prozent der Deutschen gar nichts haben – nach drei Jahrzehnten Finanzglobalisierung. Da kommt im Volk kognitive Dissonanz auf.

Und dann müssen die, die etwas zurückgelegt haben, auch noch damit klarkommen, dass es keine Zinsen mehr gibt. Was ebenfalls eine typische Folgeerscheinung großer Crashs ist, weil in Schuldenkrisen kaum noch jemand neue Kredite nachfragt und die Wirtschaft wenig investiert. Nullzinsen gibt es ja nicht nur bei Mario Draghi, dem hierzulande eifrig gescholtenen Chef der Europäischen Zentralbank, sondern auch in den USA, Japan und anderen Crash-Ländern. Die Rechnung zahlen die (Sparer), die vom Boom vorher gar nicht profitiert haben.

Viel Raum für Spinner

All das hilft ganz offenbar den Verkündern einfacher Weltbilder mehr als den Spezialisten für Finanzreformen, zumal alte ökonomische Weisheiten in solchen Krisen tatsächlich ja plötzlich absurd wirken – etwa das Mantra, dass (Finanz-)Märkte irgendwie immer effizient funktionieren, wie es vom Gros der Ökonomen gepredigt wurde. In den Dreißigerjahren führte der Crash zum großen Umdenken und zur Abkehr vom allzu naiven Liberalismus.

Die Tücke: Auf dem Weg dorthin implodiert das Vertrauen in die alte Expertenriege, ohne dass es eine neue gibt. Da ist viel Raum für Spinner, die das Vakuum mit irren Theorien und Heilslehren füllen. Eher unwahrscheinlich, dass Donald Trump, sagen wir, die Konzentration von Reichtum beheben will. Lieber – wie benommen – gegen Mexikaner und Muslime poltern.

Mit dem Finanzdebakel und seinen Nachwehen lässt sich nicht alles erklären, aber doch eine Menge jenes Unmuts, den die Trumps, Le Pens und Petrys heute für sich nutzen: ob über Nullzinsen, überforderte Politiker, irre Ungleichheit oder unglaubwürdig gewordene Wirtschaftsexperten – nur dass sie dafür gar keine Lösungen haben.

Da reicht es nicht, Balkanrouten umzäunen zu lassen oder Asylgesetze zu verschärfen, damit das Volk wieder fröhlich ist und Politiker achtet. Nötig sind dann Reformen, die dafür sorgen, dass die Einkommen für alle im Land steigen, Banken wieder zu Dienstleistern werden oder die Wirtschaft so stark expandiert, dass sie von allein mehr Geld unters Volk bringt.

Dann gäbe es auch nicht mehr so viele Leute, die wütend auf alles sind. Kein Job für Sprücheklopfer.

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Die neue Kolumne erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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