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Die Rechnung, bitte! – Kritik an EZB-Chef Draghi: Spinnen die alle? Nur der Deutsche nicht?

23. April 2016

Billigschulden und Immobilienblasen: Das Poltern deutscher Politiker gegen EZB-Chef Mario Draghi nimmt immer heillosere Formen an. Dabei werden die Zinsen ohnehin erst wieder normal sein, wenn die Finanzkrise überwunden ist.

Jetzt muss es also ein Deutscher sein. Als nächster Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil Deutsche mehr von stabilen Währungen verstehen. Und weil der Italiener Mario Draghi uns die Zinsen aufs Sparen verwehrt – und überhaupt gegen alles Mögliche verstößt. So tönt diese Woche das führende Personal der Christlich-Sozialen Union, der CSU. Und beförderte das deutsche Wüten über die Nullzinsen damit auf ein neues Niveau.

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Ein zweifelhaftes. Immerhin sind ja nicht nur in Italo-Draghis Eurozone die Zinsen so niedrig – sondern fast überall in der hochentwickelten Welt (siehe Grafik). Spinnen die alle? Selbst die Schweizer? Nur der Deutsche nicht? Nicht auszuschließen, klar. Allerdings sagt laut Umfragen selbst die Hälfte der deutschen Wirtschaftsprofessoren, dass die Euro-Hüter zu Recht viel Geld in die Wirtschaft pumpen (Achtung, CSU, beim Auswählen: da muss der deutsche EZB-Chef auch aus der richtigen Hälfte kommen). Ein Klärungsversuch.

Natürlich ist es nicht normal, wenn es keine Zinsen mehr auf Erspartes gibt. Die Frage ist aber, ob die Umstände neun Jahre nach Ausbruch einer Jahrhundertfinanzkrise (wieder) normal sind. Hier liegt der Kern des Dramas. Wenn eine große Finanzblase platzt, wie das 2007 der Fall war, gibt es eine Menge Leute, die plötzlich ziemlich viele Schulden haben, die nicht mehr gedeckt sind. Und es gibt eine Menge Anleger, die plötzlich vorsichtig werden und ihr Geld lieber aufs Sparbuch bringen oder in sogenannte sichere Häfen.

Und es gibt eine Menge Regierungen, die Ausgaben kürzen, um weniger neue Schulden aufnehmen zu müssen. Und Banken, die ihre Kredite nicht mehr loswerden, weil so mancher Betrieb aus Vorsicht erst einmal zu investieren aufhört. Für jeden Einzelnen ist das ziemlich nachvollziehbar. Das Ding ist, dass es, wenn es gleichzeitig passiert, eine gefährliche Eigendynamik auslösen kann: Wenn keiner mehr Geld ausgeben will und alle mehr sparen, fehlen der Wirtschaft schnell die Abnehmer für ihre Autos oder Maschinen – und dann fällt es noch schwerer, Schulden abzubauen. Dann geht die Spirale nach unten los. Wie etwa nach 1929, als Depression und Massenarbeitslosigkeit folgten.

Je niedriger die Zinsen, desto schneller geht die Entschuldung

Hier liegt der Grund, warum nach so einem Crash fast automatisch die Zinsen fallen – Angebot und Nachfrage: Wenn viele ihr Geld zur Bank bringen und wenige den Mut haben, Kredite aufzunehmen, bleibt das Geld liegen und der Lohn fürs Sparen sinkt. Das heißt: Niedrigzins; ob mit oder ohne Draghi, da könnte der EZB-Chef auch in fünfzehnter Generation urdeutsch sein.

Das ist auch der Grund dafür, dass gute Notenbanker aus Sorge vor der drohenden Abwärtsspirale möglichst viel Geld anbieten. Es geht darum, den Kollaps zu verhindern – und dafür zu sorgen, dass genug Geld in die Wirtschaft kommt. Das ist kein Überfluten, wie Kritiker unken – sondern der Versuch, das Austrocknen zu verhindern. Je niedriger die Zinsen, desto schneller geht die Entschuldung; desto eher kehrt die Zuversicht zurück; und desto eher geben die Leute wieder Geld aus.

All das gilt auch für den Euroraum: Als Folge des Crashs sei von 2009 bis 2014 die Geldmenge um nur noch zwei Prozent pro Jahr gestiegen, so Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Trotz EZB-Hilfe. Das ist viel zu langsam, um den üblicherweise wachsenden Bedarf in der Wirtschaft zu decken. Es bestand Austrocknungsgefahr.

Erst seit die EZB vermehrt Geld zuschießt, steigt auch die Geldversorgung ordentlicher. De facto holen die Euro-Hüter seit 2015 jetzt gerade ansatzweise das nach, was etwa die Amerikaner bereits unmittelbar nach Ausbruch der Krise begonnen haben. In den USA hat das die Wirtschaft schon soweit stabilisiert, dass die Notenbank Fed ihre Leitzinsen Ende des Jahres erstmals vorsichtig wieder anheben konnte.

Deutsche Währungstraditionen aus Schönwetterzeiten

Wer glaubt, dass Finanzwelt und Wirtschaft nach Jahrhundertcrash und Eurokrise heute auch ohne Geldzuschuss wieder normal funktionieren, kann mit gutem Grund über Mario Draghi schimpfen, vor Immobilienblasen warnen, gegen billiges Schuldenmachen poltern und ein Ende der Nullzinsen einfordern. Er sollte dann aber auch verdammt gut begründen können, dass die Lage wieder normal ist – und nicht nur über das Deutschsein von Notenbankern schwadronieren. Denn, auch das zeigt die Geschichte, wer die Zinsen zu früh wieder anhebt, droht in der nächsten großen Rezession zu landen. Diese Erfahrung haben die US-Notenbanker 1937 gemacht, als sie glaubten, der Crash von 1929 sei überwunden. Ein amerikanisches Trauma.

Solange die Unternehmen selbst im vermeintlich so robusten Deutschland weniger investieren als vor der Krise, die Kreditvergabe immer noch schwächelt und die Finanzmärkte bei schlechten Nachrichten so schnell nervös werden wie derzeit, erscheint es eher abenteuerlich, so zu tun, als wäre die Lage normal. Und dann ist es zwar blöde, wenn die Zinsen für Sparer so niedrig sind. Es hilft nur nichts. Dann ist das Klagen über die (Neben-)Wirkungen von Draghis Nullzinsen etwa so, als würde man auf die Feuerwehr schimpfen, weil die beim Löschen eines Großbrands alles nass macht. Schwer zu verhindern – und trotzdem kein Grund, den Wasserhahn zuzudrehen. Dann wäre zwar alles schön trocken, aber der Wald weg.

Man kann darüber streiten, ob das, was Draghi im Detail macht, richtig ist. Und ob es besser wäre, das Geld, das er den Banken gibt, direkt den Leuten zu geben: Helikoptergeld, nennt man das. Fahrlässig aber ist, einfach nur höhere Zinsen herbei zu schimpfen oder deutsche Währungstraditionen aus Schönwetterzeiten zu lobpreisen. Je schneller die Nachwehen der großen Finanzkrise überwunden sind, desto schneller können die Zinsen auch wieder steigen. Nicht umgekehrt.

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Die neue Kolumne erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Thorsten Cmiel
    25. April 2016 um 13:43

    Erfrischend zu lesen. Empfehlenswert ist für Politiker, welche die EZB-Politik (eher Draghi) kritisieren, sich zudem mit dem Phänomen Realzinsen zu beschäftigen. Ende der 70er-Jahren brachten Spareinlagen auch nur knapp positive Erträge und in der Krise vorher war die Realverzinsung trotz damals deutlich höherer Zinsen negativ gewesen. (Quelle: Deutsche Bundesbank, 27.6.2014 mit Grafik) Wir reden beim Thema höhereZinsen für Sparer also lediglich von Augenwischerei.

  2. Ralph Klages
    24. April 2016 um 16:46

    Erstmal Glückwunsch zu Spon. Eine win-win Lage. Sie haben mit diesem Artikel nicht völlig unrecht und Ihr Bemühen, eine mögliche „Alternative“ zum Handeln der EZB einzufordern, falls es sie denn auch gäbe, ist lobenswert. Das Wort Schulden kommt aber nur zweimal explizit vor. Und genau das ist der Punkt: Wie hoch wäre denn der Marktzins z.B italienischer Staatsanleihen, wenn die EZB die Zinsen nicht künstlich drücken würde? Oder die Portugals und Spaniens? Von den Griechen wollen wir gar nicht reden. Deutlich über geschätzte 5%!Letztlich subventionieren deutsche -und meinetwegen „nordische“- Sparer die risikobehafteten Südländer, für die der Marktzins von der EZB außer Kraft gesetzt wurde. Länder, die ohnedies ganz andere Spar- bzw. Werterhaltungsstrukturen haben und sich überdies stoisch weiter verschulden. Jene Sparleistungen, die u.a. im Alter für Sicherheit, aber auch als Investition -der Jüngeren- eingesetzt, durchaus Wachstumsraten generieren könnten, nicht nur in Deutschland, werden missbraucht. Das hätten Sie ruhig schreiben können. Und ob dem deutschen Sparer diese Unterstützungsbürde noch lange aufgebrummt werden kann, wage ich bei der diesbezüglich immer munterer werdenden AfD zu bezweifeln. LG.

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