Startseite > Chefökonom > Die Rechnung, bitte! – Sichere Renten: Wo Norbert Blüm recht hatte

Die Rechnung, bitte! – Sichere Renten: Wo Norbert Blüm recht hatte

30. April 2016

Politiker und Ökonomen wollen die Ehre der Riester-Rente retten. Dabei war es irre zu glauben, dass Geldanlegen überhaupt als Wundermittel zur Altersvorsorge taugt.

Ein Mann, ein Satz. Seit Norbert Blüm vor einer Woche und 30 Jahren deklariert hat, die (gesetzliche) Rente sei sicher, gehört beides zusammen. Selbst wenn der ehemalige Arbeits- und Sozialminister beim Kongress der Fondsmanager auftritt. Da zischt und raunt es: „Die Rente“ und „sischer“. Höhö.

Was in diesem Fall unfreiwillig komisch wirkt. Immerhin hat bis dato jeder seine Rente bekommen, der in Blüms Kasse eingezahlt hat. Was man nicht von allen sagen kann, die auf Finanzberater gehört und ihr Geld eigens angelegt haben. Sagen wir, in Deutsche-Bank-Aktien, die gerade auf den Stand von 1993 zurückgefallen sind. Oder in griechische Staatsanleihen.

Genauso bizarr ist, mit welchem Eifer in diesen Tagen manch Politiker oder Ökonom die Ehre jener Riester-Rente zu retten versucht, mit der die Deutschen dazu animiert werden sollten, sich fürs Alter selbst reich zu sparen.

Spätestens seit der Finanzkrise drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht nur die vielkritisierten umständlichen Formulare und hohen Gebühren sind, die das Riester-Sparen unattraktiv machen. Die Annahme war schlicht irre, dass die Leute ihr Geld nur ordentlich anlegen müssen, um wie automatisch paradiesische Renten zu bekommen. Was wiederum schon Norbert Blüm einst ahnte.

Die olle Rente ist womöglich besser als ihr Ruf.

Die Illusion der ewigen Riesenrenditen

Als die Riester-Rente zur Jahrtausendwende auf den Weg gebracht wurde, galt die private Vorsorge noch als Zaubermittel. Kurz zuvor hatten Bankberater für asiatische Staatsanleihen geworben und Manfred Krug für die Volks-T-Aktie. Garagenfirmen aus der New Economy wurden als Geldvermehrungsstellen gehandelt.

Aus der Zeit stammen auch Rechnungen, nach denen Finanzanlagen auf lange Sicht stets mindestens vier Prozent Rendite bringen, in den Riester-Verträgen standen ursprünglich immerhin 3,25 Prozent als Garantie. Aus dieser Zeit stammen auch Rechnungen, wonach Mutige mit Aktien mehr als das Doppelte an Rendite kriegen können.

Wozu überhaupt noch gesetzlich einzahlen, fragten marktverliebte Ökonomen damals – wenn die Wunderfinanzwelt doch Geld wie aus dem Nichts erschafft?

Die Wette schien lange aufzugehen. Von 1991 bis 2000 vervierfachten sich die Kurse deutscher Aktien – bei einem Anstieg der Wirtschaftsleistung in Deutschland um knapp 40 Prozent inklusive Inflation.


Grafik_30_04_2016


 

Niedrigzins und Riester-Krise

Seitdem folgt auf eine Krise die nächste. Die Finanzwelt kann sich eben auf Dauer nicht von der realen Welt entkoppeln. Immerhin sollen Wertpapiere im Grunde ja den wirtschaftlichen Wert spiegeln, etwa der Unternehmen. Da können die Kurse in der Summe nicht ewig schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung.

Da hilft auf Dauer auch der Rat wenig, dass sich übers Anlegen in schneller wachsenden Ländern mehr Geld machen lässt. Wer in Schwellenländern investiert, geht eben auch höhere Risiken ein. Wenn es wie jetzt in Brasilien oder Russland früher oder später kracht, ist die private Altersvorsorge schnell futsch – ähnlich wie für alle, die vor dem Crash von 2007 ihr Geld auf den Immobilienmärkten in den USA und in Spanien angelegt hatten.

Seit der große Finanzzauber erst einmal geplatzt ist, bekommen Sparer die Rechnung. Weil nach dem Schock plötzlich alle in sichere Anlagen streben, gibt es gerade auf deutsche Bundesanleihen kaum mehr Zinsen, das hat gar nichts mit der Europäischen Zentralbank zu tun. Die Folgen: Niedrigzins und Riester-Krise. Deutschland 2016.

Es spricht einiges dafür, dass mit zunehmender Krisenbewältigung auch die Zinsen allmählich wieder steigen werden. Nur wird das noch dauern und sich eher in Grenzen halten. Dann aber ist es müßig, auf die Wunderwirkung von Schönheitsreparaturen bei der Riester-Rente zu setzen – selbst wenn es gelingt, die Verträge einfacher und günstiger zu machen.

Das Revival der Rentenversicherung

Solche Reparaturen würden entweder dazu führen, dass die, die ohnehin schon sparen, ihr Erspartes in solche geförderten Verträge umbuchen – ohne dass sie mehr Geld beiseitelegen und mehr als eine derzeit nun einmal mickrige Rendite bekommen. Dann kann man es auch sein lassen und das Geld in die gesetzliche Rente stecken.

Oder die Leute sparen plötzlich tatsächlich sehr viel mehr als vorher. Dann gäbe es in Deutschland allerdings auch noch mehr Geld, das gerne verzinst würde und nicht wird, weil es zum Investieren gar nicht gebraucht wird. Und Deutschland hätte schnell ein anderes Problem: Denn wer spart, gibt weniger aus, zulasten der Konjunktur. Dann fehlt im Land jenes Wirtschaftswachstum, das in jüngster Zeit dazu geführt hat, dass es plötzlich viel mehr Beschäftigte und Beitragszahler gibt, die unsere Rentenkassen füllen.

Hier liegt die eigentlich spannende Lehre der vergangenen Jahre. Seit die deutsche Wirtschaft wieder besser läuft und die Zahl der versicherten Beschäftigten spürbar steigt, erlebt die olle Rentenversicherung ein Revival, das wahrscheinlich selbst Norbert Blüm vor 30 Jahren nicht prophezeit hätte.

Dank steigender Renten bringe das gesetzliche Umlagesystem für aktuelle und baldige Rentner derzeit eindeutig höhere Renditen als jede Riester-Anlage, sagt Bert Rürup, der frühere Chef der Wirtschaftsweisen.

Das kann sich bei schlechter Konjunktur zwar auch einmal wieder ändern und löst noch nicht unser längerfristiges Problem, bald noch viel mehr Rentner und viel weniger junge Arbeitnehmer zu haben. Es zeigt aber, dass hier mehr Potenzial steckt, als die Grabredner der Gesetzesrente behaupten.

Den künftigen Rentnern wird es viel mehr helfen, wenn die Regierenden dafür sorgen, dass es dank guter dauerhafter Wirtschaftslage, steigenden Einkommen, höheren Geburten und lukrativer Zuwanderung in Deutschland stetig mehr Beitragszahler gibt als heute – als die Leute jetzt zum Voodoo-Riestern zu nötigen. Ohne jede Aussicht, dass sie von den mickrigen Renditen künftig auch nur ansatzweise leben können. So viel ist sicher.

_______________________
Die neue Kolumne erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

Advertisements