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Die Rechnung, bitte! – Deutschland und die Flüchtlinge: Gebt uns unsere Krise wieder!

6. Mai 2016

Wenn derzeit so viele fremde Menschen nach Deutschland drängen, hat das vor allem einen Grund: Uns geht es wirtschaftlich relativ gut, das lockt an. Höchste Zeit, mal wieder übers Kriseln nachzudenken.

Es wird bei uns derzeit ganz schön viel Energie verbraucht, um den Willen flüchtender Menschen zu bändigen, nun gerade nach Deutschland zu kommen. Ob durch das Verschärfen von Asylgesetzen oder das Streichen von Hartz-IV-Ansprüchen für Neuankömmlinge. Mancher im Land versucht seinen Beitrag auch durch eingeschränkte Gastfreundlichkeit zu leisten.

Ob das reicht, ist allerdings nicht ganz sicher. Der Verdacht drängt sich sogar auf, dass wir gar nicht deshalb so unheimlich attraktiv sind, weil wir so lockere Asylgesetze oder ein so durchaus sympathisches Wesen haben, sondern: wegen unserer recht guten wirtschaftlichen Lage. Was die Sache natürlich schwieriger macht, da man die Konjunktur ja nicht im Bundestag schnell kippen oder durch freudloses Auftreten eintrüben kann. Womöglich haben die Leute, die kommen, einfach keine Lust, gerade dorthin zu fliehen, wo sie ohnehin keinen Job finden – und sie das nächste Desaster erwartet. Tricky.

Wenn es nur die hiesigen sozialen Wohltaten wären, die die Leute anziehen, müsste es zumindest ähnlich viele Asylsuchende, sagen wir, in Frankreich geben, wo die Sozialausgabenquote noch höher ist. Schon 2014 kamen bei uns auf tausend Einwohner aber gut zwei Asylsuchende – in Frankreich nicht einmal einer. Vergangenes Jahr wanderten zu uns per Saldo rund eine Million (nicht nur vor Krieg flüchtende) Menschen, auf die andere Seite des Rheins wollte nur ein Bruchteil. Abgesehen davon müssten wir, wenn die Aussicht auf Staatsgeld entscheidend wäre, auch viel unattraktiver geworden sein, seit Gerhard Schröder beim Reformieren einst das eine oder andere gekappt hat.


Grafik_06_05_2016


 

Wie anziehend eine gute Konjunktur wirkt, haben etliche Länder in ihren besten Zeiten erlebt. Ins boomende Spanien zogen allein 2005 bis 2008 mehr als drei Millionen Menschen, vor allem aus Marokko und Rumänien – da kamen netto jährlich fast 14 Einwanderer auf 1000 Einwohner. In Irland lag die Quote in denselben guten Jahren bei 11, in Island zur Boomzeit bei fast 13 Zuwanderern.

Und, wie zum Beleg: Als die Wirtschaft dort kollabierte, war die Zugkraft weg. In Spanien fiel die Zahl der Einwanderer von fast einer Million im Jahr 2007 binnen kurzer Zeit auf weniger als ein Drittel. Per Saldo verließen Spanien, Irland und Island in den ersten vier Krisenjahren mehr Menschen als reinkamen (siehe Grafik). Was auch jeden Zweifel an der Wirkungsrichtung beseitigt: je weniger Konjunktur, desto weniger Einwanderung.

Für Deutschland gilt die Regel ebenso, auch hier gingen die Migranten mit der Konjunktur – nur zeitlich umgekehrt. Seit bei uns die Lage am Arbeitsmarkt von 2006 an besser wurde, stieg Jahr für Jahr die Zahl der Zuwanderer – erst vor allem aus Rumänien und Polen, dann aus den Kriegsgebieten. Zum Vergleich: In Frankreich sind die Zahlen seitdem kaum gestiegen. Aber da ist die Arbeitslosigkeit ja auch nicht zurückgegangen.

Wenns gut geht, fangen die Probleme an

Nun ist die Konjunktur natürlich nicht alles. Auch Gesetze und geografische Lage spielen mit. Dass die Wirtschaftslage im Zweifel entscheide, bestätigten aber auch systematische empirische Auswertungen, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Wenn das stimmt, steckt hier natürlich doch einiges an Lösungspotenzial, zumindest für die, die doch gern weniger Zuwanderer hätten. Immerhin ist der Befund auch bei uns eindeutig: Selten gab es in Deutschland unter dem Strich so relativ wenig Einwanderung wie in den Krisenjahren nach 2001, als Hans-Werner Sinn und andere sonntags bei Sabine Christiansen den Untergang Deutschlands prophezeiten – und es am Ende fünf Millionen Arbeitslose gab. Damals wanderten etwa so viele jährlich aus wie ein. Da gab es keine Wutbürger. Und keine Alternative für Deutschland, warum auch – war doch schön. Das Problem begann eindeutig, als es begann, uns wieder besser zu gehen. Klarer Fall.

Die AfD hat in dieser Woche schon erste konstruktive Vorschläge gemacht, wie wir uns wieder deutlich unattraktiver machen können. Etwa, indem wir einen Austritt aus der Europäischen Union erwägen. Wie schnell schon so ein Vorschlag das Problem einer guten Konjunktur beheben kann, erleben gerade die Briten. Da sind die Geschäftsklimawerte nach der Ankündigung des Referendums eingebrochen. Und die Industrie ist fast wieder in der Rezession. Das dürfte in Deutschland als großer Exportnation noch viel effizienter wirken. Schöne Idee für den Anfang.

Doch kein Zweifel: Da geht noch mehr. Noch Vorschläge? Aus dem Euro austreten, zum Beispiel. Oder das Land einfach wieder etwas abschotten. Da wäre ganz schnell Schluss mit guter Konjunktur. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht bald wieder richtig schön unter uns wären.

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Die neue Kolumne erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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