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Thomas Fricke: Streiks und Krisengeschrei – Und wenn Frankreich gewinnt?

10. Juni 2016

Wenn es um die Franzosen und ihre Wirtschaft geht, rattert hierzulande die Klischeemaschine: Tatsächlich könnten die vermeintlichen Reformverweigerer bald als Gewinner dastehen – nicht nur auf dem Platz.

Der Franzose arbeitet wenig, lebt viel von staatlicher Hilfe, streikt dafür gern, macht zwischendurch Parfum, lecker Wein und feine Mode, geht dann zeitig in Rente – und wehrt sich seit Jahren hartnäckig dagegen, irgendwas in seinem Land zu reformieren. Also so eine Art Antityp von uns. Prognose: So wird das nichts. Aussicht auf Besserung: gering.

So etwa liest sich das, wenn es hierzulande um Frankreich und Wirtschaft geht. Dabei gibt es ziemlich gute Gründe, an so manchem Klischee zu zweifeln. In Frankreich sind ja weder alle (so viel) staatsgläubig(er als bei uns), noch hat sich in den vergangenen Jahren nichts getan. Im Gegenteil: Gut möglich, dass uns die Franzosen in manchem bald überholen. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, alte Fußballerweisheit.

Natürlich ist selbst am blödesten Klischee oft was dran. Nur arbeiten wir Deutschen nach gängigen OECD-Statistiken pro Jahr mit rund 1400 Stunden noch weniger als die Franzosen mit knapp 1500. Wir malochen auch nicht mehr Jahre, bevor wir in Rente gehen. Und wir müssen ohnehin mehr reformieren – weil unsere Bevölkerung viel schneller altert als die französische. Dafür verzichten wir im Gegensatz zu den Franzosen so konsequent auf staatliche Exzellenz, dass bei uns plötzlich überall die Polizei fehlt. Und es mal ein Jahrzehnt dauern kann, bis Flughäfen oder Bahnhöfe fertig werden.

Staatsdefizit blieb unter der Zielvorgabe

Wenn Staats- und Schuldenquoten in Frankreich höher sind, liegt das auch daran, dass der Staat in einer Stagnation mehr Unterstützung für Arbeitslose zahlen muss und weniger Steuern einnimmt. Da ist die hohe Quote Krisensymptom, nicht (nur) Ursache. Im Falle Frankreichs verbirgt sie derzeit, wie sehr die Regierung schon gekürzt und Steuern erhöht hat. De facto gab es seit 2010 auch beim Nachbarn eine Rentenreform, wurden Ausgaben gekappt, öffentliche Stellen nicht neu besetzt und Staatsgehälter eingefroren.

Das hat die strukturellen Defizite in den Etats seit 2012 in einer Größenordnung sinken lassen, die drei Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Das ist enorm. Und mehr als in Deutschland zu Zeiten der Agenda 2010. Nur ohne großes Marketingbrimborium wie einst bei Gerhard Schröder. Vergangenes Jahr sind Frankreichs Staatsausgaben (vor Zinsen) real erstmals seit 1960 gefallen. Und: Das Staatsdefizit ist schneller gesunken als geplant: auf 3,5 statt der vereinbarten 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ohne konjunkturbedingte Lasten läge es schon unter dem Maastricht-Limit von drei Prozent. Passt auch nicht ins Klischee vom Reformstillstand.

Ähnliches gilt, wenn es um den vermeintlich hohen Reformbedarf am Arbeitsmarkt geht, über den Regierung und Protestler seit Monaten streiten. Mag sein, dass es dem einen oder anderen Unternehmen hilft, wenn wie geplant künftig im Betrieb andere Arbeitszeiten verhandelt werden können, als sie in Tarifverträgen stehen. Ob es in Frankreich viel regulierter zugeht als im Land der gelobten Agenda 2010, lässt sich allerdings bestreiten.

Nach Auswertung der OECD sind normale Arbeitsverhältnisse in Frankreich genauso stark reguliert wie in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit nur halb so hoch ist. Das kann den Unterschied also nicht ausmachen. Und es gibt auch in Frankreich Möglichkeiten, Leute ohne Langzeitbindung einzustellen. Nur befristete Jobs sind in Deutschland einfacher machbar.

Auch französische Firmen drücken Löhne

Dass die Betriebe in Frankreich auch so Möglichkeiten haben, Löhne zu drücken, lässt der gesamtwirtschaftliche Trend vermuten. Seit 2010 sind die Lohnkosten je produzierter Einheit nur noch um 0,9 Prozent jährlich gestiegen – gegenüber 1,4 Prozent im Schnitt aller Industrieländer und 2,3 Prozent in Deutschland. Wie kann das sein, wenn der Franzose angeblich gegen alles streikt?

Ob man die Entbehrungen der vergangenen Jahre nun ökonomisch richtig findet oder nicht: Sie könnten erklären, warum der eine oder andere mittlerweile genug von immer neuen Kürzungen hat.

Nach Analyse der Experten vom Pariser Forschungsinstitut OFCE sind die Gewinnmargen der Unternehmen in keinem anderen größeren europäischen Land in den vergangenen beiden Jahren so stark gestiegen. Und auch bei den Exporten hat der Trend gedreht: Seit Sommer 2014 haben Frankreichs Unternehmen 3,6 Prozent Marktanteile gewonnen. Die Ausfuhren legten 2015 um gut 6 Prozent zu.

Mehr noch: Selbst die Investitionen der privaten Unternehmen ziehen wieder an und lagen Anfang 2016 um stattliche 5 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Jenseits aller Streiks und Turbulenzen mehren sich die Anzeichen, dass die Konjunktur anzieht – gerade weil die Regierung mittlerweile aufgehört hat, immer mehr zu kürzen oder Steuern anzuheben. Frankreichs Strukturdefizit sinkt 2016 erstmals seit Jahren kaum noch.

All das ist noch kein rauschender Aufschwung, es wackelt, und es wird auch dauern, bevor sich Besserung im Alltag bemerkbar macht. Ein Grund mehr, auf neue Kürzungsorgien und Symbolkämpfe ums Reformieren zu verzichten, Monsieur le Président. Jedenfalls passt der Trend schon jetzt nicht mehr zum grotesken deutschen Klischee vom arbeitsscheuen, sozialverwöhnten Franzosen und seiner Reformweigerung.

Die Pariser Ökonomin Véronique Riches-Flores erwartet, dass Frankreichs Wirtschaft dieses Jahr stärker wachsen wird als die meisten Auguren bisher annehmen. Für 2017 sagt die Konjunkturexpertin ein Plus von 1,7 Prozent voraus – mehr als mancher hiesige Ökonom derzeit für Deutschland.

Ist Frankreich am Ende der Sieger? Jedenfalls ist es höchste Zeit, mit hochmütigen Sprüchen aufzuhören. Wer weiß, vielleicht erwartet uns ein kleines französisches Sommermärchen. Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Dann spielt mal schön.


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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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