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Fabian Fritzsche: Deutschland eilt von Rekord zu Rekord

17. Juni 2016

Oftmals wurde Deutschland für exzessive Leistungsbilanzüberschüsse kritisiert, doch erst vor wenigen Wochen lobte David Milleker hier im Blog Deutschland für eine Bewegung – zumindest vereinzelt – in die richtige Richtung [1]. Die dort genannten Argumente lesen sich auch durchaus richtig: Der private Konsum ist in Deutschland mittlerweile eine Wachstumsstütze, der Staat möchte in Zukunft mehr investieren und auch die laufenden Diskussionen über die Renten bzw. drohende Altersarmut könnten in Zukunft zu einem sinkenden Leistungsbilanzüberschuss führen.

Soweit, so gut. Doch es fallen direkt die Konjunktive auf. Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass Deutschland im ersten Quartal 2016 einen neuen Rekord-Leistungsbilanzüberschuss aufgestellt hat. 8,51% des BIPs waren es im ersten Quartal,  8,35% im Schlussquartal 2015 und auch in den vier Quartalen davor wurden jeweils Rekordüberschüsse erzielt. Obwohl sich laut Milleker also einige Details in die richtige Richtung verschoben haben, sind aus zuvor exzessiven Überschüssen noch exzessivere geworden.

Grafik-Milleker

Tatsächlich ist der private Konsum in Deutschland seit 2010 verglichen mit den Jahren zuvor recht kräftig gestiegen und ein kräftiger Anstieg des Konsums geht üblicherweise einher mit einer Verschlechterung der Leistungsbilanz etwa weil mehr Importgüter konsumiert werden und weil Menschen mehr Geld für Urlaubsreisen ausgeben. Bei dem vermeintlich so kräftigen Anstieg seit 2010 handelt es sich allerdings um ganze 1,25% Zuwachs des realen Konsums pro Jahr und damit deutlich weniger als etwa im Durchschnitt der 1990er Jahre. Das ist vor allem weniger als bei den meisten unserer Haupthandelspartner. In den USA etwa wuchs der private Konsum im gleichen Zeitraum um immerhin 2,3% p.a., in Großbritannien um 1,9%, in den Niederlanden um 1,4% p.a.  und selbst im viel gescholtenen Frankreich um 1,3% p.a. Nur in Italien, Belgien und Österreich war der Anstieg des realen Konsums noch schwächer als hierzulande. Bei den Investitionen sieht das Bild etwas besser aus – dank des deutschen Baubooms – doch auch da weisen einige unserer Haupthandelspartner klar bessere Werte auf.

Verglichen mit den „Nuller-Jahren“, in denen die inländische Nachfrage de facto gar nicht anstieg (in dem gesamten Jahrzehnt stieg die reale inländische Nachfrage um 1,6%) hat sich Deutschland also in den letzten Jahren wirklich in die richtige Richtung bewegt. Dennoch ist die Kluft zwischen Deutschland und der Mehrzahl der Haupthandelspartner weiter gewachsen. Hätte Deutschland eine eigene Währung, wäre der Aufwertungsdruck aktuell so hoch wie noch nie zuvor. Sollte jedoch nicht die gesamte EU nach einem möglichen Brexit zerfallen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich diese Entwicklung durch externe Faktoren umkehrt. Eine deutliche Aufwertung des Euro könnte es wohl nur geben, wenn sich die Eurozone insgesamt aus der Krise heraus bewegt und klar stärker wächst als bisher. Das impliziert allerdings höheres Wachstum und damit auch eine höhere Inlandsnachfrage bei unseren Handelspartnern innerhalb der Eurozone, so dass dann zwar die Überschüsse gegenüber den Nicht-Euro-Ländern schrumpfen würden, aber dafür (erneut) die gegenüber den anderen Euro-Mitgliedsländern steigen würden. Der Impuls zum Abbau der exzessiven Überschüsse muss also von innen, aus Deutschland heraus kommen. Die von Milleker gelobten positiven Ansätze sind zum Teil schlicht zu schwach, zum Teil allenfalls Pläne, bei denen die Umsetzung keineswegs gesichert ist. Da die deutsche Politik in Leistungsbilanzungleichgewichten jedoch offenbar kein Problem erkennt, sind auch keine bewussten Schritte zum Abbau zu erwarten. Den Optimismus Millekers kann ich also nur bedingt teilen. Im Worst-Case bauen sich die Ungleichgewichte immer weiter auf, bis es dann in einer erneuten Krise zu einem schockartigen Abbau kommt – was letztlich bedeutet, dass im großen Stile Volksvermögen vernichtet wird so wie auch 2008/09 als das deutsche Nettoauslandsvermögen innerhalb von drei Quartalen um knapp 330 Mrd. Euro sank. Angesichts der immer weiter wachsenden Überschüsse ist in der nächsten Krise dann mit einem noch erheblichen größeren Schaden zu rechnen.

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[1] David Milleker: In Deutschland tut sich mehr, als viele Kritiker vermuten [Link]

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  1. Momo
    19. Juni 2016 um 22:25

    Berücksichtigt man darüber hinaus, dass ein erheblicher Teil des realen Konsumzuwachses dem niedrigen Ölpreis, der Flüchtlingszuwanderung und der importierten Deflation aus den EU-Krisenstaaten (Stichwort: Lohn- und Sozialabbau in diesen Staaten) und Teile des „Baubooms“ der krisenbedingten Niedrigzinspolitik der EZB sowie dem Wohnungsbau im Zuge des Flüchtlingszuzugs zu verdanken ist, dann muss man feststellen:

    Deutschland ist zum einen Nutznießer der Krise innerhalb der Eurozone. Darüber hinaus werden beim Flüchtlingszuzug häufig nur die damit verbundenen „Unannehmlichkeiten“ erwähnt, weniger jedoch der daraus resultierende positive Wachstumseffekt (privater und staatlicher Konsum, Bauwirtschaft),

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