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Thomas Fricke: Angst vor dem Brexit – Die Briten brauchen keine Bratwurst

18. Juni 2016

Wolfgang Schäuble umwirbt Großbritannien als marktwirtschaftlichen Verbündeten – gegen die Schluderer im Süden. Dabei treibt die Briten gerade deutsche Lehrmeisterei aus der EU.

Je näher das große Referendum rückt, desto bizarrer wirken die Versuche, das Vereinte Königreich noch einmal zu umwerben. Der Verband der jungen Unternehmer verteilt in London Bratwürste, um „symbolisch“ zu zeigen, was die Briten verlieren, wenn sie aus der Europäischen Union austreten. Als gäbe es künftig ein Verkaufsverbot von Bratwurst für Briten. Aber wer weiß.

Etwas weniger irre wirkt der Ansatz, die Freunde von der Insel mit dem Lob umzustimmen, sie seien doch so gute Verbündete, wenn es um marktwirtschaftliche Lösungen gehe. Wie das unser Finanzminister formuliert hat. Das ist zumindest eine originelle Wahrnehmung. Außer Großbritannien selbst gibt es ja kaum ein Land, das seit Ausbruch der Finanzkrise so, na, britisch pragmatisch mit dem Mantra marktwirtschaftlicher Stabilitätstreue umgeht. Und damit auch nicht so furchtbar schlecht fährt. Da kann deutsche Lehrmeisterei leicht zum PR-Desaster werden.

Wenn es um steigende Staatsverschuldung geht, denkt man natürlich an: die Griechen. Gebrochene Defizitregeln? Klar, die Franzosen. Und die Niedrigzinsen? Werden uns bekanntlich vom Italiener aufgezwungen – Mario Draghi von der Europäische Zentralbank, der so heimtückisch den braven deutschen Sparer enteignet. Aber die Briten?

Griechische Verhältnisse

Na ja. Als die Finanzkrise 2008 eskalierte, sanken die Zinsen auch bei ihnen. Um genau zu sein: Sie sanken sogar noch viel schneller. Britanniens Zentralbank zerkleinerte ihren Leitzins binnen Tagen – während die Euro-Zentralbank noch zauderte, wieder nach oben eierte, um dann in Krisenpanik umzusetzen, was Amerikaner wie Briten längst hatten: Niedrigzinsen – das vermeintliche Ende des Kapitalismus, wie es Gralshüter bei uns heute umschreiben. Anfang 2009 rasten die britischen Kurzfristzinsen unter ein Prozent, kurz darauf in Richtung null – wo sie bis heute sind. Ohne Spareraufstand. Klar, gab ja auch keinen Italiener, dem man dafür die Schuld geben konnte.

Und die vermeintliche Flutung der Märkte mit Geld? Diese Käufe von Staatsanleihen, gegen die bei uns aufgeregte Professoren immer vors Verfassungsgericht ziehen? Haben auf der Insel ebenfalls früher eingesetzt. Seit 2008 hat sich die Bilanzsumme der Bank of England – Gradmesser expansiver Geldpolitik – mehr als vervierfacht, in der Euro-Zone selbst nach dem jüngsten Nachholen lediglich verdoppelt.

01-Kolumne18-6In kaum einem anderen Land ließen Regierende die Schulden in der Finanzkrise so hochschnellen. Das Staatsdefizit erreichte mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Griechische Verhältnisse. Und: Kaum ein anderes Land hat sich so viel Zeit gelassen, die Fehlbeträge wieder abzubauen – trotz aller Rhetorik und allen zwischenzeitlichen Austeritätsanflügen. Die Staatsschuldenquote liegt immer noch doppelt so hoch wie 2007.

Was gegen den Brexit spricht

Nach Zählung des Münchener Ifo-Instituts haben die Briten seit 1999 insgesamt neun Mal das Drei-Prozent-Limit für das Haushaltsdefizit aus dem Maastricht-Vertrag „unerlaubt“ überschritten. Öfter als die Italiener. Seit 2008 lag der Fehlbetrag kein einziges Mal unter drei Prozent – die Franzosen kriegen dafür von deutschen Stabilitätswächtern regelmäßig den warnenden Zeigefinger gezeigt. Dabei sind die strukturellen Staatsdefizite mit gut zwei Prozent nur etwa halb so hoch wie bei den Briten.

02-Kolumne18-6Die Insel als Hort der Staatszurückhaltung? Na ja (noch mal). Anno 2008 erreichte der Anteil aller Staatseinnahmen am Bruttoinlandsprodukt schon einmal knapp 42 Prozent. Nicht wirklich wie in einer Glanzbroschüre für die freie Marktwirtschaft. Jetzt ist es weniger. Dafür sind die Schulden höher: Staatsrückzug auf Pump. Very british.

Also: raus mit den Insel-Schluderern? Diesen pseudo-schwäbischen Housewifes? Nun, die wirtschaftliche Realität spricht nicht unbedingt gegen die pragmatisch-britische Lösung. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist nur ein Viertel so hoch wie, sagen wir, in Spanien. Und es gibt eine Menge Experten, die den Kurs auch so empfohlen hatten – weil Niedrigzinsen nach Finanzcrashs Schlimmeres verhindern und allzu hastiges Kürzen und Steueranheben nur neue Krisen schafft. Wie beim Griechen. Leitmotiv: Besser erst mit Nullzinsen und sachter Konsolidierung der Wirtschaft helfen, um dann die Etats zu sanieren.

Zeit für ein Umdenken – in Deutschland

Nirgendwo hat die Finanzkrise so tiefe Zweifel an den alten Glaubenssätzen von den effizienten (Finanz-)Märkten genährt wie bei britischen (und amerikanischen) Ökonomen. Bei der Bank of England wurde seither so kreativ an radikalen Reformideen gearbeitet wie kaum irgendwo sonst, an kaum einem Ort gibt es so konsequente Vorschläge, wie neue Finanzcrashs zu verhindern sind. Nicht am Markt, sondern via Regulierung. Auch wenn das nicht heißt, dass die Banker in der City gleich mitmachen, klar.

Für so manchen britischen Experten kommt es einem Albtraum gleich, sich vorzustellen, dass deutsche Marktträumer bei ihnen das Intervenieren der Notenbank verhindert – und den Briten stattdessen irre Austeritätsprogramme aufgenötigt hätten. So wie den Griechen, wo es unseren Finanzminister am Ende nicht einmal mehr zu kümmern schien, wie das griechische Volk dazu abgestimmt hatte.

Das hallt nach. Wer will schon Teil einer Union sein, in der ökonomisch zweifelhafte Rezepte gegen den demokratischen Willen durchgeboxt werden. So etwas mag in einer relativ jungen Demokratie durchgehen. Bei den Briten nicht.

Höchste Zeit für ein Umdenken. In Deutschland. Statt Bratwürste in London. Ein bisschen mehr britischer Pragmatismus täte uns gut. Und vielleicht kriegen die Briten damit wieder mehr Lust, in Europa dabei zu bleiben.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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