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Wirtschaftsdienst exklusiv – Bildungsinvestitionen gegen soziale Ungleichheit?

10. Juli 2016

Deutschland investiert zu wenig in Bildung – darüber sind sich Wissenschaft und Medien einig. Aber haben die Bildungsausgaben in der Vergangenheit überhaupt zu mehr Chancengleichheit geführt? Wie und wo können Bildungsinvestitionen am effektivsten eingesetzt werden? Inwieweit können sie zur besseren Integration von Migranten beitragen? Diese Fragen diskutieren Experten in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst.

Friedhelm Pfeiffer vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung ZEW geht das Thema grundsätzlich an: Was könnte Menschen dazu veranlassen, in höhere Bildung zu investieren? Er sieht ein grundlegendes Problem darin, „dass nirgends sonst im ökonomischen Handeln Kosten und Nutzen im Zeitablauf und nach Investoren und Nutznießern verteilt so eklatant auseinanderfallen wie bei Bildungsinvestitionen.“ Auch die Tatsache, dass Erträge zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der Allgemeinheit zufallen, führt zu privaten Unterinvestitionen. Allerdings werden kognitive Kompetenzen durch Modernisierung und Globalisierung der Wirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Daher ist der Staat gefragt, der private Investitionen ergänzen und individuelle Investitionsdefizite ausgleichen muss.

Die Daten zeigen aber, dass Deutschland im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich in Bildung investiert – und dies ist im Zeitablauf nicht besser geworden. Relativ am schlechtesten schneiden die Ausgaben im Primarbereich ab, obwohl gerade hier die größte Wirkung zu erzielen ist. Zwar sind gerade die Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren in den letzten 10 Jahren ausgebaut worden, genutzt haben diese Angebote aber vor allem Eltern aus höheren Bildungsschichten. Daher schlagen C. Katharina Spieß und Vaishali Zambre vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW eine gezielte Förderung von Kindern grundsätzlich benachteiligter Gruppen und einheitliche Qualitätsmindeststandards für Einrichtungen vor.

Zu anderen Ergebnissen kommen Christina Anger und Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft. Sie untersuchen die Entwicklung der realen öffentlichen Bildungsausgaben pro Kopf, die von 2907 Euro (1995) auf 4620 Euro (2014) deutlich zugenommen haben. Zudem stellen sie fest, dass es mehr Bildungsaufsteiger als –absteiger gibt. Sie fragen, inwieweit sich Bildung für das zukünftig zu erreichende Einkommen lohnt: Tatsächlich erzielten die Hochschulabsolventen die höchsten Einkommen, ein Zusammenhang, der sich seit dem Jahr 2000 noch verstärkt hat. Das gilt auch für Migranten. Die sogenannte „Lohnprämie“ fiel aber vor allem dann hoch aus, wenn die Zugewanderten ihre Abschlüsse in Deutschland erworben hatten.

Vor allem der Durchlässigkeit der sozialen Schichtung für Bildungsaufsteiger widmen sich die Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Silke Anger und Thomas Kruppe. Sollte die Politik das Ziel verfolgen, über Bildungschancen mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen, hat sie offenbar versagt: Immer stärker spielt die soziale Herkunft eine Rolle für die Bildungsabschlüsse. Geringqualifizierte stammen in der Regel aus bildungsfernen Elternhäusern, Abiturienten kommen zunehmend aus Elternhäusern mit hoher Bildung. Was kann die Politik tun? Auch die IAB-Autoren halten die frühkindliche Bildung für entscheidend. Sie sehen aber auch für Geringqualifizierte im späteren Leben noch Bildungschancen, wenn die berufliche Weiterbildung von Staat und Unternehmen gefördert wird.

Und gerade die Weiterbildung gelangt heutzutage leichter zu den Nachfragern als in früheren Zeiten, da sie nicht nur vor Ort genutzt werden kann, sondern über Online-Angebote jedem überall offen steht. Der Bremer Bildungsexperte Klaus Schömann sieht hier aber vor allem ein Problem in ländlichen Regionen, die diesen Zugang am dringendsten benötigen. Hier kommt es darauf an, schnelles Internet zu fördern, um dafür überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen.

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