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Thomas Fricke: Angst macht Krise

18. Juli 2016

Inflation, Eurokrise – in Deutschland jagt seit Jahren ein Sorgen-Hype den nächsten. Dabei erweist sich die Angst oft als Irrtum. Wir brauchen einen Weisen-Rat für reale Risiken.

So viel Angst war selten. Zumindest wenn es nach dem Index geht, mit dem eine bekannte Versicherung auf Basis von Umfragen jährlich ermittelt, was die Deutschen am meisten sorgt. Danach ist die Angst 2016 als größte Sorge irre hochgeschnellt. Was zunächst nicht weiter verwunderlich scheint – bei all dem, was man täglich so über Anschläge und neue britische Außenminister zu lesen bekommt.

Das Irritierende ist, dass sich die meisten Sorgen, die in den Angst-Charts der vergangenen 15 Jahre in Deutschland ganz oben standen, am Ende als unberechtigt erwiesen. Zum Glück? Na ja, könnte auch sein, dass wir dazu neigen, uns in Neurosen treiben zu lassen – mit gefährlichen Nebenfolgen: etwa, wenn das eine oder andere reale Risiko vor lauter Hype übersehen wird. Dann brauchen wir dringend eine Angstreform.

Zu der Deutschen liebsten Ängste zählt, klar, die Inflation. Keine andere Nation bibbert so vor dem steigenden Preis. Und in der Tat: Seit 1992 mit der Befragung begonnen wurde, stand die Sorge vor höheren Lebenshaltungskosten alle zwei Jahre etwa an erster Stelle aller Ängste – vor Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Drogensucht der eigenen Kinder. Und das in einer Zeit, in der es so wenig Inflation gab wie selten. Im Schnitt lag die Teuerung seit 2000 bei 1,5 Prozent. Etwas irre, oder?

Und jetzt komme keiner damit, dass der Euro doch alles so viel teurer gemacht habe. Da gab es Händler, die das Umstellen am Anfang ausgenutzt haben. Klar. Wer darin Dauerinflation sieht, kann gern mal in London oder New York einen Kaffee trinken oder eine Wohnung mieten gehen – und sich danach wieder melden.

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Seit 2011 steht an der Sorgenspitze eine andere: die Angst vor den „Kosten der Eurokrise für den deutschen Steuerzahler“. Und auch die hat bisher nicht so richtig zu ihrer Realisierung gefunden. Es mussten ein paar Kredite abgeschrieben werden. Sicher. Das Gros zahlen die Griechen bis heute brav zurück, und der Bundesfinanzminister kriegt darauf sogar Zinsen. Mehr noch: Weil mit jedem neuen Krisenschub mehr Anleger in deutsche Staatsanleihen flohen, braucht Wolfgang Schäuble mittlerweile gar keine Zinsen mehr auf eigene neue Schulden zu zahlen. Nach Rechnung des Hallenser IWH-Instituts hat der deutsche Kassenwart dadurch bis Mitte 2015 allein knapp 90 Milliarden Euro gespart.

Der hiesige Steuerzahler hat an der Krise per Saldo damit verdient. Selbst wenn alle Kredite an die Griechen jetzt ausfielen. Bei uns sind ja auch keine Steuern erhöht worden – und Herr Schäuble verspricht schon wieder Entlastung. Das wäre das Gegenteil von der Top-Angst, mit der die Leute im Land über fünf Jahre hinweg kirre gemacht wurden.

Einigermaßen richtig lagen die Deutschen mit ihrer Spitzenangst eigentlich nur 2003 und 2009: Rezession. Wobei die Krise 2010 auch schon wieder vorbei war. Da rückte, klar, die Inflation wieder an die Spitze. Dieses Jahr, 2016, steht erstmals die Sorge vor Terror oben – wofür es ziemlich gute Gründe gibt. Auch wenn es in Deutschland – nüchtern betrachtet und zum großen Glück – bisher keinen Anschlag gab.

Das Kalkül der Extremisten geht auf

Jetzt könnte man hier noch sagen, dass – nach gängiger Küchenpsychologie – die Angst mit der Schwere des potenziellen Schadens steigt, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines Eintretens gering ist. Verständlich. Und dass ein gewisses Maß an Angst gut ist, weil uns das hilft, die Gefahr möglicherweise zu beseitigen.

Die Tücke ist: Wenn aus lauter Inflationsangst das Geld knapp gehalten wird, die eigentlichen Probleme aber in mangelnden Investitionen liegen, dann wirkt Angst hochgradig kontraproduktiv. Ähnliches gilt für die Eurokrise, in der aus lauter Angst vor den Kosten für die armen Deutschen die irrsten politischen Verrenkungen gemacht und Hilfen verzögert wurden – statt die Energie darauf zu verwenden, welche Strategie eigentlich für die Griechen (und die Spanier und die Portugiesen) am besten ist; zumal das Risiko höherer Kosten bei schnellerer Hilfe deutlich sinken würde.

Wie fatal Angst wirken kann, zeigt sich beim Terror. Den Extremisten ist es gelungen, im Nu zu unserer Top-Angst zu werden. Obwohl die reale Wahrscheinlichkeit, bei einem Anschlag getötet zu werden, trotz des erneuten Horrors der vergangenen Nacht in Nizza immer noch enorm gering ist. Was wiederum ihr Kalkül aufgehen lässt, da die Angst nun auch den mehr oder weniger blinden Hass auf alles füttert, was mit dem Islam zu tun hat – und sie sich so noch besser als Retter aller Muslime aufspielen können. Ziel erfüllt.

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Weil viele Eltern eine statistisch irreale Angst haben, dass ihr Kind auf dem Schulweg einen Unfall haben könnte, fahren viel mehr als nötig ihre Kinder mit dem Auto zur Schule – was die Gefahr von Unfällen nachweislich erhöht hat.

Weniger German Angst in der Eurokrise hätte vieles erspart

Was wir ganz dringend brauchen, ist eine bessere Vermittlung dessen, was wirklich gefährlich ist – und wie. So eine Art Amt zur Gefahrenschätzung. Oder einen Rat der Anti-Angst-Weisen. Oder gleich einen Risikominister. Egal. Hauptsache jemanden, bei dem man sich erkundigen kann, wie hoch welche Risiken nach bestem Wissensstand sind. Auch wenn sich vieles natürlich nicht so genau ermitteln lässt; manchmal hilft schon die Größenordnung. Und der einem sagt, wie nüchterne Fachleute die Gefahr einschätzen – und nicht nur die, deren Präsenz wie bei manchem Großökonom nicht immer in gesundem Verhältnis dazu steht, wie ausgewogen seine Prophezeiungen sind.

Wenn man die (geringe) statistische Wahrscheinlichkeit kennt, mit der Kinder auf dem Schulweg verunglücken, lässt man das Auto womöglich stehen. Selbsttest. Wenn man weiß, dass eine Hyperinflation heute verdammt unwahrscheinlich ist, wehrt sich mancher nicht so lange dagegen, dass Zentralbanker mit großzügigerer Geldvergabe gegen die (wirkliche) Gefahr von Deflation angehen. Weniger German Angst hätte uns mit hoher Wahrscheinlichkeit die Eskalation der Eurokrise erspart.

Wahrscheinlich bräuchten wir auch ein paar neue Ökonomen. Was nutzen uns Experten, die ständig vor Unbilden warnen, die gar nicht eintreten? Einem Mindestlohn, der ganz viele Arbeitslose bringen sollte. Peinlich. Und die uns dafür vor realen Desastern wie der Finanzkrise seit 2007 nicht geweckt haben. So etwas wäre ja nicht weiter verwerflich, wenn wenigstens danach jene Modelle revidiert würden, wonach es der Markt schon immer irgendwie richtet. Pustekuchen. Dabei könnte uns das helfen, nicht immer von blöden Ängsten gejagt zu werden.

Oder wir kriegen ein paar neue Politiker, die uns das Gefühl vermitteln, die Sachen wieder im Griff zu haben. Zwei Drittel der Deutschen hat 2016 Angst, dass unsere Politiker ganz grundsätzlich und überhaupt überfordert sein könnten.

Viel zu tun.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Juergen Ruf
    24. Juli 2016 um 13:47

    Meiner Meinung nach bräuchten wir mehr Experten und auch Journalisten die verständlich über Risiken informieren können. Hier ein Beispiel dazu aus der Medizin: Vor ein paar Monaten hat eine Krebsexpertin verkündet, dass sich das Darmkrebsrisiko durch den Verzehr von Fleisch um 18% erhöht. Weil mit solchen relativen Wahrscheinlichkeiten kaum jemand etwas anfangen kann bekamen viele Leute Panik. Wenn man stattdessen die Häufigkeiten verwendet hätte dann wäre das deutlich verständlicher geworden:
    6 von Hundert Menschen erkranken in ihrem Leben an Darmkrebs. Durch den Verzehr von viel Fleisch erhöht sich dieser Wert auf 7 von Hundert. (Leider kenne ich die Zahlen nur für UK, in D sollte das aber ähnlich sein)

  2. 21. Juli 2016 um 14:18

    Hat dies auf sofortbild rebloggt und kommentierte:
    Leseempfehlung. »Weniger German Angst hätte uns mit hoher Wahrscheinlichkeit die Eskalation der Eurokrise erspart.«
    Über deutsche Hysterie und die Folgen.

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