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Thomas Fricke: Intellektuelle in der Krise – Schlau sein hilft!

12. August 2016

Es ist gerade arg in Mode, Intellektuellen vorzuwerfen, dass sie das Volk nicht verstehen. Dabei brauchen wir dringend neue Denker – statt angeblicher Volksversteher wie Trump und andere.

Je später die Krise, desto irrer die Deutungen. Das ist bei wirtschaftlichen Krisen so – da werden irgendwann Geister beschworen, das Ende des Standorts, des Bargelds und überhaupt.

Das scheint auch bei eher gesellschaftlichen Schwierigkeiten so zu sein. Im Moment ist Volkes Zorn und Populistenhoch damit zu erklären, dass, na ja, die Intellektuellen nicht nah genug am Volk sind. Anders als dieser rasend-emphatische Gutmensch Donald Trump. In der „Zeit“ ist zu lesen, die liberalen Eliten hätten einfach kein Verständnis für die Abgehängten. Der US-Autor Michael Lind fordert gar, jeder Intellektuelle solle ein, zwei Jahre in einem Hotel oder Einkaufszentrum arbeiten. Selbstkasteiung.

Jetzt trifft das natürlich unseren Sinn für Spott und Häme. Sollen die Feindenker auch mal mit der Verkäuferin Milchtüten auspacken. Klar. Wobei nicht ganz sicher ist, ob die das überhaupt so toll findet, wenn nach etlichen Minijobbern jetzt auch noch ständig irgendwelche Intellektuelle kommen, um ihr die Arbeit abzunehmen, damit die nachher im Literaturkreis sagen können, sie hätten ja auch mal eine richtige Verkäuferin kennengelernt. Die Frage ist vor allem, ob die Welt dadurch besser wird.

Klar helfen uns akut jetzt Leute nicht so viel weiter, die bei einem lecker Afternoon-Tee über die Verzweigungen zwischen Renaissance und Autoritarismus der Neuzeit sinnieren (ergibt wahrscheinlich auch keinen Sinn). Und man kann auch darüber klagen, dass sich in unserer Zeit ein gewisser Hang entwickelt hat, dem gemeinen Volk nahezulegen, dass es gut ist, sagen wir, plötzlich nur noch komisches Grünzeug zu essen. Das kommt bei denen nicht an, die froh sind, über die Runden zu kommen – und von Job zu Job springen; oder real an Einkommen verlieren.

Ob die glücklicher werden, wenn ständig Intellektuelle auf den Schoß kommen, um mal zu gucken, wie das so ist, wenn man Verlierer ist? Nicht sicher.

Naiv-liberale Globalisierung

Wenn wir in einer Welt leben, in der sich eine Menge Leute in vielen Ländern gleichzeitig abgehängt oder nicht mehr vertreten fühlen, liegt das ja nicht daran, dass nicht oft genug Besuch vom Journalisten kommt. Dann muss es irgendwas sein, was überall ähnlich real wirkt.

Da spricht einiges dafür, dass das mit jener naiv-liberalen Globalisierung zu tun hat, die lange fast alles diktiert hat. Dass ein guter Teil der Leute über Jahre immer nur gehört hat, dass sie verzichten müssen – weil man sich dies und jenes nicht mehr leisten kann. Und weil sonst andere es kostengünstiger machen. Oder weil dann gleich Billigarbeiter zu uns kommen. Dann aber Milliarden da sind, um Banken zu retten.

Dass es wichtig ist, den Kündigungsschutz zu lockern oder Minijobs einzuführen – weil sonst, klar, die Globalisierung alles übernimmt. Was de facto den Druck erhöht hat – nicht nur auf Leute, die einfache Arbeit haben, sondern auch auf viele, die zur Mittelschicht gehören (oder es meinen). Und die gar keine haben. Während andere sich den ganzen Tag Gedanken darüber machen, wie sie ihr vieles schönes Geld am besten vor dem Finanzamt retten. Und Politiker vor lauter Delegation eigener Kompetenzen an die Märkte einen immer hilfloseren Eindruck hinterlassen.

Wenn das stimmt, liegt die Ursache einfach auch nicht darin, dass irgendwer zu intellektuell war. Das kann man Ronald Reagan und Helmut Kohl – die das Globalisierungs- und Liberalisierung-Ding in den Achtzigern losgetreten haben – nun wirklich nicht vorwerfen. Die fanden es sogar hip, Berater zu haben, die ihr Weltbild auf eine Serviette malen konnten, wie jener Arthur Laffer, der frech behauptete, dass man (den Reichen) nur genug Steuern erlassen muss, damit der Staat reich wird. Deutsche Wirtschaftsliberale nehmen da gern Bierdeckel. So einfach ist die Welt.

Das wahre Problem ist dann, wenn überhaupt, dass wir zu wenig Intellektuelle hatten, also Leute, die sich vorher Gedanken gemacht haben, was man mit einer ziemlich unkoordinierten Globalisierung (neben vielem Positivem) an Nebenfolgen anrichten kann – und ob Menschen damit klarkommen, die nicht ständig durch die Welt jetten. Was man sich ja durchaus durch Nachdenken hätte erarbeiten können.

Dann ist das Dilemma, dass man nicht genug in Geschichtsbüchern gelesen – oder Oma gefragt – hat, wie das war, als man schon einmal so eine Finanzliberalisierung versucht hat, die wie diesmal auch zum Crash (1929) und einer Menge ähnlicher und schlimmerer Desaster führte. Damals kamen irgendwann auch welche, die deklarierten, dass Intellektuelle mies sind. Der Ausgang für Deutschland ist bekannt. Das lernt man nicht bei der Verkäuferin auf dem Sofa (es sei denn bei Oma).

Gedanken über das Große

Was wir jetzt brauchen, sind mehr Leute, die sich darüber Gedanken machen – über das Große. Darüber, wie eine Finanzbranche funktionieren kann, die uns nicht (ständig) an ihren Desastern teilhaben lässt. Wie man in einer Welt mit Nullzinsen dafür sorgt, dass unsere Banken nicht pleitegehen – und Sparer bald wieder Erträge bekommen. Oder wie man zusieht, dass Wettbewerb nicht dazu führt, dass immer dieselben verlieren – ohne deshalb alle Grenzen gleich zuzumachen. Oder dass nicht nur die Reichen immer reicher werden.

Dafür braucht man Experten, die sich damit auskennen, wie ein Währungssystem funktioniert – oder Welthandel auf das Reichtumsgefälle wirkt. Also Denker. Für, sagen wir, eine Volksglobalisierung. Und keine Praktikanten im Supermarkt (was natürlich auch nicht schadet). Damit dem Volk am Ende nicht alles um die Ohren fliegt.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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