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Thomas Fricke: Amerika vor der Wahl – Obamas Wirtschaftswunder

14. Oktober 2016

Je näher der Abschied rückt, desto klarer wird, wie vorbildlich Barack Obama sein Land aus der Wirtschaftskrise geholt hat. Ein Lehrstück für künftige US-Präsidenten – und für deutsche Stabilitätsapostel.

Es ist nicht lange her, da schien das Urteil über Barack Obama klar: der Hoffnungsträger sei kläglich gescheitert, habe seine Anhänger enttäuscht – und müsse weg. Spätestens seit der TV-Schlacht diese Woche zwischen Donald Trump und Hillary Clinton scheint zumindest Letzteres nicht mehr so eindeutig argumentierbar. Ist eben relativ. Das gilt auch für Obamas Wirtschaftsbilanz.

Es spricht viel dafür, dass der Präsident hier sogar ein kleines Wunder vollbracht hat – gemessen an dem, was nach dem historischen Finanzcrash bei seiner Wahl vor acht Jahren zu befürchten war.

Wenn man es so sieht, dann sollten die Amerikaner am besten wieder Obama wählen (wir könnten ihnen dazu für ein paar Wochen unser Grundgesetz leihen, das ja – anders als die US-Verfassung – ewige Regentschaften erlaubt). Und dann sollten eher jene deutsche Wirtschaftspäpste abtreten, die jahrelang über Amerikas unverantwortliche Wirtschaftspolitik gespottet haben (vielleicht leihen uns die Amis dann netterweise ein paar vernünftige Ökonomen).
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Als Barack Obama Anfang 2009 antrat, steckte die Weltwirtschaft in einer immer furchtbarer wirkenden Rezession. Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers taumelten überall Banken, Sparer gerieten in Panik, die Wirtschaft schrumpfte und die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu. Die Lage erinnerte immer mehr an das Desaster, das sich aus dem Crash von 1929 entwickelt hatte.

Damals hatten Regierende und Notenbanker lange zugesehen, Banken pleitegehen lassen und darauf gesetzt, die vermeintlich reinigende Krise laufen zu lassen – bis diese sich verselbständigte und in Deflation und Depression endete. Damals ließen die Währungshüter die Zinsen noch Jahre lang relativ hoch und die Geldmenge schrumpfen. Folge: Den Firmen und Haushalten standen 1933 ein Viertel weniger Mittel als 1929 zur Verfügung.

Der Erfolg misst sich daran, was zu befürchten war

All das erklärt, warum US-Notenbank-Chef Ben Bernanke nach dem Crash 2008 so viel darauf setzte, es diesmal besser zu machen, schnell viel Geld in Umlauf zu bringen und die Zinsen gegen null zu senken – damit die Geldmenge eben nicht sinkt. Der Wirtschaftsprofessor hat über Jahrzehnte das Desaster von 1929 erforscht.

Und es erklärt warum Obamas Berater auf ähnliche Eingriffe setzten, Banken mit Staatshilfe umstrukturierten, Ausgaben erhöhten und Geld unter die Leute brachten – auch wenn dadurch die Staatsdefizite erst drastisch stiegen, 2009 auf fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Der Erfolg misst sich daran, was zu befürchten war. Was das heißt, lässt ein Blick in den imponierenden Datensatz vermuten, den die Wirtschaftshistoriker Òscar Jordà, Moritz Schularick und Alan Taylor gerade veröffentlicht haben:

  • Nach dem Crash von 1929 schrumpfte die US-Wirtschaft so dramatisch, dass sie vier Jahre später nominal nur noch gut die Hälfte dessen leistete, was sie vor dem Börsendesaster herstellte. Und es dauerte bis zum Kriegseintritt der USA 1941, bis überhaupt wieder so viel erwirtschaftet wurde wie 1929. Zum Vergleich: Nach dem Crash 2008 dauerte die Talfahrt rund ein Jahr – und 2010 war der Verlust fast wieder wettgemacht, nach drei Jahren Konjunkturkrise statt nach einem Jahrzehnt Depression.
  • Anfang der Dreißigerjahre lag die Arbeitslosenquote zwischenzeitlich bei über 25 Prozent, und die Amerikaner hatten pro Kopf 1933 real ein Fünftel weniger zum Konsumieren als 1929 – ein wirtschaftlicher Kollaps, der dazu führte, dass die Unternehmen fast alle größeren Pläne stoppten: Der Anteil der Investitionen am BIP sank von fast 16 Prozent 1929 auf weniger als zwei Prozent 1933. Anders diesmal. Da blieb Amerika weit von der damaligen Massenarbeitslosigkeit entfernt, und die offizielle Erwerbslosenquote liegt acht Jahre nach Krisenausbruch wieder bei weniger als fünf Prozent. Pro Kopf konsumierten die Amerikaner 2011 wieder so viel wie vor der Krise. Und auch die Investitionen sind deutlich weniger stark gesunken – wobei sie tatsächlich bislang nicht wieder auf Vorkrisenniveau zurückgekehrt sind.

Mehr noch: Das neue Wachstum seit 2010 hat so viel zusätzliche Steuereinnahmen und sinkende Ausgaben mit sich gebracht, dass auch die Staatsdefizite wieder sinken. Der Fehlbetrag dürfte 2016 bei nur noch 3,5 Prozent liegen – vertretbar -, ohne dass die Amis jemals Austeritätsprogramme durchmachen mussten, wie etwa die Griechen oder die Spanier. Da geht auch die Rechnung in etwa auf, wonach es lohnt, erst die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen – und dann mit den Gewinnen den Staatshaushalt zu sanieren. Nicht umgekehrt, Herr Schäuble.

Mammutaufgabe für acht Jahre

Dass die Finanzkatastrophe trotz vergleichbarer Ausmaße in den USA diesmal viel glimpflicher ausging als vor über 80 Jahren, hat sicher auch damit zu tun, dass es mehr soziale Absicherung gibt. Klar. Wie wichtig es war, dass Obama und die Notenbanker so spektakulär reagierten, lässt allerdings der Vergleich mit den Europäern vermuten – wo die Notenbanker wegen des naiven deutschen Wutwiderstands lange brauchten, bis Mario Draghi ab 2012 dafür sorgte, eine Menge Geld ins System zu bringen. Und wo nach den ersten Konjunkturpaketen schnell wieder fiskalische Orthodoxie diktiert wurde: also versucht wurde, die schwäbische Hausfrau gegen Panikattacken an Weltfinanzmärkten und Depression einzusetzen. Hübscher Versuch.

Ergebnis: Die Eurozone hat zwar geringere Staatsdefizite, erwirtschaftet acht Jahre nach Ausbruch der großen Krise aber nach wie vor real nicht einmal drei Prozent mehr als davor – die US-Wirtschaft fast elf Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt im Euroraum im Schnitt noch bei zehn Prozent. Und: Wenn 2016 gerade Deutschlands größte Bank in Not gerät, hat auch das damit zu tun, dass die Finanzkrise hier weit schlechter bewältigt wurde als in Obama-Land – sonst hätten etwas die Zinsen ja nicht negativ werden müssen.

Natürlich ist Amerika noch weit von sorglosen Zeiten entfernt. Sonst gäbe es Donald Trump ja nicht. Die Wirtschaft wächst relativ langsam, was für Nachkrisenzeiten nicht ungewöhnlich ist. Die Globalisierung hat Einkommen und Vermögen auseinander driften lassen. Ein Teil der Arbeitslosen ist aus der Statistik gefallen. Und: Die Notenbank muss noch zeigen, wie sie wieder für normalere Zinsen sorgt, ohne die Investitionen abzuwürgen. Auch die Staatsfinanzen sind noch nicht so solide, dass der künftige Finanzminister die nächste Rezession locker auffangen könnte. Alles richtig.

Nur ist all das immer noch harmlos gegenüber dem, was in den Dreißigerjahren an wirtschaftlicher, sozialer und politischer Katastrophe auf einen so großen Finanzcrash folgte. Und was Barack Obama samt Notenbank verhindert hat. Vielleicht war das Mammutaufgabe für acht Jahre genug. Ein Präsident ist ja auch nur ein Präsident. Wählt Obama! Zumindest fürs Geschichtsbuch. Und als Vorbild.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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