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David Milleker: Automatisierung, Digitalisierung, Roboter: Wird der Mensch überflüssig?

1. November 2016

Zuletzt haben eine Reihe von Studien auf die Gefahr der massenhaften Verdrängung von Arbeitsplätzen durch die Megatrends von Digitalisierung und Robotik hingewiesen. Herauszuheben ist etwa die Studie von Frey und Osborne mit dem Ergebnis, 47% aller US-Jobs könnten durch Technik in den nächsten Jahren ersetzt werden. Eine Übertragung dieser Studie auf Deutschland durch die Kollegen von ING-DiBa Economic Research sieht sogar 59% der hierzulande Beschäftigten durch Automatisierung bedroht.

Wir hatten vor einem Monat in diesem Blog ein anderes Unterthema des demographischen Wandels angesprochen. Das oben angesprochene Thema lässt sich allerdings gut mit unserer Frage nach der Zinsentwicklung verknüpfen. Die Einschätzung zur Zinsentwicklung im Zuge des demographischen Wandels würde sich wieder deutlich dem theoretischen Modell annähern, wenn man tatsächlich zu höheren Investitionen und einem höheren Wachstum käme als dies bislang in den beobachtbaren Zahlen der Fall ist. Beides ist eine vorstellbare Variante, wenn man den oben unterstellten Zusammenhang einer Ersetzung des Menschen durch die Technik als Grundannahme unterstellt. Die Menge der Menschen im erwerbsfähigen Alter wäre dann eben nicht mehr ein Engpassfaktor für das Wachstum der Wirtschaftsleistung.

Nun liegt es geradezu im Wesen von neuen Entwicklungen, dass sich ihre Folgen nicht vollständig abschätzen lassen. Das gilt auch für Digitalisierung und Robotik. Allerdings mahnt die historische Erfahrung zur Vorsicht, was die Erwartung einer bevorstehenden massenhaften Ersetzung von Arbeit durch Technik angeht: In den 250 Jahren seit Beginn der industriellen Revolution gab es regelmäßig Angstwellen, der Mensch werde überflüssig. In Zeiten einer noch deutlich wachsenden Arbeitsbevölkerung natürlich verbunden mit dem Schreckgespenst der Massenarbeitslosigkeit. In den nun bevorstehenden Zeiten einer abnehmenden Arbeitsbevölkerung könnte damit eher die Chance verbunden sein, dass sich die Wachstumsraten auf ordentlichem Niveau halten lassen,  obwohl weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Nachdem die historischen Ängste der technologie-induzierten Massenarbeitslosigkeit sich zumindest in der mittleren Frist stets als unbegründet erwiesen haben, scheint es als Grundannahme zunächst einmal fraglich, aus den heutigen technischen Entwicklungen den „großen Strukturbruch“ abzuleiten, wenngleich dieser heute vielleicht sogar notwendig und wünschenswert wäre.

Warum hat der technologische Fortschritt bislang nicht zu Massenarbeitslosigkeit geführt? Zwar ist es richtig, dass manche Berufe verschwunden sind. Doch sind im Zuge des technologischen Wandels stets neue Berufe entstanden. Oder in manchen Fällen hat sich schlicht der Inhalt von Berufen geändert. Beides zusammengenommen lässt sich gesamtwirtschaftlich dahingehend fassen, dass sich weniger die Menge menschlicher Arbeit als ihr Inhalt durch den Einsatz neuer Technologien wesentlich geändert hat.

So mag es in Zukunft zwar deutlich mehr Pflegeroboter geben, die etwa betagte Menschen anstelle einer Pflegekraft zur Badewanne tragen. Dafür aber dann umgekehrt auch viel mehr Menschen als heute, die für die Entwicklung, Wartung und Steuerung solcher Maschinen nötig sind. Die Erfahrung in Japan, das Vorreiter beim Einsatz von derlei Robotik ist, lässt andererseits aber nicht darauf schließen, dass sich damit das gesamtwirtschaftliche Wachstum nachhaltig vom negativen demographischen Trend entkoppeln lässt. Es wäre also ebenso falsch, den technologischen Fortschritt als Bedrohung für Mensch und Arbeitsmarkt zu sehen, wie als Allheilmittel, das alle gesellschaftlichen und demographischen Probleme löst.

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  1. Hugo Schön
    5. November 2016 um 13:24

    Zeigen Sie mir doch bitte auf. wie Sie weltweit 5 Milliarden Menschen so beschäftigen, damit diese auch im Alter in Würde leben können. Oder wie sieht es mit den Milliarden Menschen aus die eben nicht an die Universität gehen, oder kranken Menschen, oder Menschen mit Behinderung?

  2. Stefan Wächter
    4. November 2016 um 14:28

    „lässt sich gesamtwirtschaftlich dahingehend fassen, dass sich weniger die Menge menschlicher Arbeit als ihr Inhalt durch den Einsatz neuer Technologien wesentlich geändert hat“

    Ist das denn so richtig? Im Vergleich zu früher haben wir doch heute deutlich weniger menschliche Arbeit: Die aktiven Arbeitsjahre werden durch längere Ausbildung und Rente/Pension kürzer und selbst während dieser Jahre arbeitet ein Arbeiter heutzutage deutlich weniger (Urlaub, 5 Tage Woche mit <8 std Tag, Teilzeit…). Verglichen mit der tatsächlichen Arbeitszeit in den Anfängen der Industrialisierung oder gar Landwirtschaftlich geprägten Zeiten davor ist das doch schon extrem wenig.

  3. EGwmG
    3. November 2016 um 00:57

    Eine sehr positive Sichtweise.
    Bloß: Wer von jenen welche bislang Pflegebedürftige in die Wanne hievt, dürfte wohl die Fähigkeit besitzen, entsprechende KIs zu entwickeln?

    Wir haben es hier doch mit zwei weitgehend unabhängigen Prozessen zu tun:
    Der eine steigert die Produktivität in existierenden Jobs und generiert so infolge eines durch einen endlichen Planetens begrenzter Nachfrage die Langzeitarbeitslosigkeit und der andere Prozess generiert neue (und wenig produktive) Jobs, welche einen Teil jener so entstandenen Arbeitslosen aufnehmen können, aber nicht zwangsläufig alle aufnehmen müssen, weil jene „Neuschaffung von Jobs“ nun einmal kein zwingendes Resultat der Vernichtung existierender Job ist.
    Die so leicht entstehenden „überschüssigen Arbeitslosen“ sammeln sich nun aus ökonomischen Gründen in Regionen geringer Wettbewerbsfähigkeit und fehlt es dort an ausreichenden Sozialsystemen, kommt es aus Markteffekten zur -auf Ausgleich ausgerichteter- Wirtschaftsflucht.

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