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Prognostiker des Jahres – alle waren gut, einer war noch besser

22. Dezember 2016

Selten haben Deutschlands Konjunkturexperten so gut das Wirtschaftswachstum vorhergesagt wie 2016 – trotz aller politischen Wirrungen und Überraschungen. Ob Brexit, Trump – oder das jähe Ende des Flüchtlingsstroms. Besonders gut lag erneut Holger Schmieding von der Berenberg Bank. Die ganze Auswertung heute in der Süddeutschen Zeitung – und hier.

Erst stoppte zu Jahresbeginn jener Zustrom von Flüchtenden, den die Prognostiker für 2016 noch erwartet hatten. Dann votierten die Briten ziemlich überraschend für den Brexit und die Amerikaner im Herbst recht unerwartet für Donald Trump. Das Jahr der Fehlprognosen? Von wegen.

In kaum einem Jahr haben so viele professionelle Prognostiker so enorm präzise das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorhergesagt wie für diese irren zwölf Monate. Kurios, aber wahr. Einer der Experten lag sogar bis in manches konjunkturelle Detail richtig – Holger Schmieding von der Berenberg Bank: der Prognostiker des Jahres 2016.

Nach jüngsten Schätzungen wird die deutsche Wirtschaft 2016 um 1,9 Prozent gewachsen sein – immerhin so stark wie seit 2011 nicht mehr. Räumt man eine kleine Fehlermarge von plus-minus 0,1 Prozentpunkten ein, so haben das 25 von gut 50 Prognoseprofis bis auf die Stelle hinter dem Komma so erwartet. Weitere zehn lagen um lediglich zwei Zehntel daneben – darunter auch die Bundesregierung, die sich geübt zweckpessimistisch gab.

Und: nur drei Forscher lagen überhaupt um einen halben oder mehr Prozentpunkte daneben, darunter Rentenexperte Bert Rürup und Commerzbanker Jörg Krämer.

So gut schnitten die Prognostiker alles in allem noch in keinem Jahr seit Beginn der Auswertungen 2002 ab – ein Trend, der sich indes schon seit drei Jahren abzeichnet. Auch da lagen sie deutlich besser, als es ihr ramponiertes Image vermuten lässt.

Wie kann das sein?

Das Jahr 2016 wurde für Konjunkturexperten auch deswegen kein Desaster, weil die Politturbulenzen bisher noch keine größeren wirtschaftlichen Katastrophen nach sich gezogen haben. Die Börsen boomen, der Absturz blieb aus. Besonders gut lagen die Konjunkturleute denn auch mit der Vorhersage, wie stark in Deutschland 2016 konsumiert werden würde. Fast 40 der 51 Experten prophezeiten schon Ende 2015 ein Plus zwischen 1,5 und etwa zwei Prozent. Wobei jeder Deutsche seither gar nicht so viel mehr Geld ausgibt. Der Schub sei daher gekommen, dass es durch die Zuwanderung von Flüchtlingen mehr Menschen im Land gibt, die konsumieren, schreibt das Ifo-Institut. Je Einwohner habe sich der private Verbrauch dagegen so schwach entwickelt wie in keinem der Aufschwünge der vergangenen Jahrzehnte.

Auseinander geht die Qualität der Prognosen für 2016, wenn man weiter ins Detail geht. Ein Großteil der Ökonomen hat dabei unterschätzt, wie zögerlich die deutschen Unternehmen 2016 damit blieben, Geld zu investieren. Trotz Aufschwungs, Nullzinsen und Kostenkontrolle. Offenbar sind die niedrigen Zinsen eher Ausdruck schwacher Konjunktur und Kreditnachfrage als Anreiz, mehr zu investieren. Die Ausgaben für Ausrüstungen dürften 2016 nur um gut ein Prozent über Vorjahr liegen. Die Mehrheit der Prognostiker hatte mit Raten von drei bis fünf Prozent gerechnet. Unter den Topleuten 2016 waren nur sechs zu Recht vor einem Jahr deutlich skeptischer – allesamt aus Bankhäusern. Zufall oder nicht. Dort wird über Kredite entschieden.

Gut möglich, dass hier auch das Brexit-Votum der Briten schon Wirkung zeigt. Seit dem Frühsommer ist die deutsche Wirtschaft beim Investieren zumindest vorsichtiger geworden.

Die Flüchtlinge haben sich als Stütze der Konjunktur in Deutschland erwiesen

Noch augenfälliger wird das Gefälle zwischen Guten und Besseren in der Prognostikerliga in einem anderen Punkt. Als viel zu optimistisch erweist sich zum Ende des Jahres das Gros der Vorhersagen dazu, wie relativ mäßig sich Deutschlands Export 2016 entwickeln würde. Die Professoren im Sachverständigenrat rechneten Ende 2015 noch mit 4,5 Prozent; die Konjunkturexperten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, voriges Jahr an Platz 2 der Prognoserangliste, sogar mit gut fünf Prozent. Dass es für Deutschlands expansionsverwöhnte Exportwirtschaft nicht einmal mehr als drei Prozent werden würden, ahnten nur fünf Konjunkturexperten.

Immerhin sechs Forscher lagen zumindest bei einem der beiden Trends richtig. Und: Nur Holger Schmieding traf es bei allen. Der Konjunkturchef der Berenberg Bank veranschlagte für 2016 nicht nur den richtigen Gesamtanstieg des deutschen BIP. Er rechnete auch früh schon damit, dass es jenseits aller Emotionen und Streits die Konjunktur spürbar stützen würde, wenn Flüchtlinge neu ins Land kommen. Das Wachstum wäre sonst um einen halben Prozentpunkt niedriger ausgefallen. Das Plus beim Konsum setzte der Ökonom vor einem Jahr mit 1,8 Prozent an – die Bundesbank geht in ihrer vorläufigen Jahresbilanz von plus 1,7 Prozent aus.

Schmieding zählte umgekehrt auch zu den wenigen, die trotz rekordniedriger Zinsen zweifelten, ob die Firmen in Deutschland so viel mehr in ihre Ausrüstungen investieren würden – weshalb der Topprognostiker es auch für richtig hält, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen bei Null hält. Gerade weil die Investitionen so schwach sind.

Einsam an der Spitze steht Schmieding mit seiner Exportprognose von Ende 2015. Als die Kollegen noch von Expansionsraten bis fünf Prozent träumten, veranschlagte der Bankenökonom nur zwei Prozent. Die deutsche Exportwirtschaft werde durch das langsamere Wachstum in China sowie Krisen in Schwellenländern wie Brasilien spürbar getroffen. Und: Dieser Absatzausfall werde nur teils dadurch aufgefangen, dass sich Konjunktur und Nachfrage nach Made in Germany anderswo, etwa in Europa, erholen. So kam es.

Auch Schmieding rechnete Ende 2015 nicht damit, dass es zum Brexit kommen und Donald Trump US-Präsident werden würde. Ein Brexit drohe „verheerende Folgen“ zu haben, schrieb der Berenberg-Ökonom damals. Daneben. Zum Glück für die Prognostiker. Sonst wäre es auch mit dem ordentlichen Wachstum nichts geworden. Möglich nur, dass der Schock noch kommt. Zum Unglück für alle.

Mitarbeit: Hubert Beyerle

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