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Thomas Fricke: Integrationsdebatte – Opa dreht die Platte um, Oma holt den Eierlikör

23. Dezember 2016

Heiligabend mit der Familie. Da werden nicht nur Geschenke ausgepackt. Wo man schon dabei ist, kommen auch Vorurteile auf den Tisch. Ein fiktives Weihnachtsessen.

Der Baum ist geschmückt, die Kerzen flackern, und Oma ist auch schon vom Bahnhof abgeholt. Jetzt braucht es nur noch ein bisschen besinnliche Stimmung, damit Heiligabend schön wird. Kein Problem. Wenn da dieses Jahr nicht die eine oder andere latente Dissonanz aufzukommen drohte. Und es nicht den, naja, Überraschungsgast gäb, wie Mama etwas bemüht feststellt.

Zum Start gibt’s wie immer Prosecco. Klaus doziert, wie gut es uns doch allen geht. So viel Wirtschaftswachstum hatten wir schon vier Jahre nicht, wohl 1,9 Prozent. Ach, staunt Rosi. Es gebe schon wieder weniger Arbeitslose, sagt Klaus. Und unter ein Prozent Inflation. Wann gab es das schon? Rosi guckt. Und dann erst die schwarze Null. Seit drei Jahren schon. Darum beneiden uns doch alle. Jaja, sagt Werner. Komisch, dass dann so viele bei uns unzufrieden sind. Werner war mal Lehrer und SPD-Mitglied. Bis Schröder. Klaus wählt CDU. Trotz Merkel. Naja, so schlecht sei die ja doch nicht. Besser als die Rot-Grünen. Sind ja bald Wahlen.

„Und die ganzen Flüchtlinge, Gesindel“, grunzt Onkel Dieter (noch) ohne erkennbaren Anlass. Aber das dürfe man in diesem Land ja nicht mehr sagen. „Dieter!“, sagt Mama: „Es ist Weihnachten!“ Siehste, sagt Dieter. Und: Wo sind wir nur hingekommen. Dieter hat eine Fabrik in Recklinghausen. Nächstes Jahr wählt er AfD. Sagt er jetzt schon seit Monaten. Und dass man das ja nicht sagen dürfe. Prost.

Als Mama auf einen schönen Abend anstoßen möchte, klingelt es an der Tür. Monika. Monika hat kürzlich jemanden bei sich aufgenommen, aus Syrien, weil da Krieg ist. Und weil der so schöne braune Augen hat. Monika steht auf dunkle Typen. Vor ein paar Jahren hat sie Heiligabend einmal ihren griechischen Freund mitgebracht. Seitdem spricht Dieter nicht mehr mit Monika. Nun also Karim. Schön, dass Sie bei uns sind, sagt Mama. Dieter wird etwas blass.

Warum nicht, meinte Mama. Es sei doch das Fest der Liebe. Naja, zischt Dieter. Das sei aber mal anders gemeint gewesen. Dieter erkundigt sich nach dem Sicherheitskonzept der Gastgeber für den Abend.

Ruhe! Siehste.

Weihnachten heißt natürlich Weihnachten. Jaja

Zur Vorspeise wird Schaumsüppchen gereicht. Andächtig. Ob er auch eine Bombe habe, meint Luise. Monika schlürft ihre Suppe jetzt kurzzeitig rückwärts. Mama lacht etwas hohl. Heilige Nacht. Hach, wie Kinder halt sind. Und wie sie denn darauf komme. Naja, Papa habe letztens gesagt, Flüchtlinge seien alles Terroristen. Ach, was. Möchte noch jemand ein bisschen Weißwein?

Dieter bemüht sich nun um etwas Differenzierung: Es gebe natürlich Ausnahmen. Aber ein anderer Kulturkreis sei das schon. Karim lächelt freundlich. Rosi meint, es sei halt heutzutage schon alles sehr komplex. Was denn eigentlich Helene Fischer gerade mache. Rettungsversuch. Oma weiß es auch nicht. Dieter insistiert. Er halte Monikas Männerwahl für ein falsches Signal. Man dürfe denen ja nicht den Eindruck geben, dass es ihnen hier gleich gut gehe, sonst kämen die noch alle. Alle wegen Monika?, scherzt Oma. Irgendwer kichert. Wer hilft noch beim Abräumen?

Zur Hauptspeise gibt es wie immer deutsche Landente mit Klößen und Rotkohl. Das beschäftigt. Er halte ja wenig von Pauschalurteilen, meint nach einer Weile Klaus. Nur müsse natürlich schon klar sein, dass wir hier bei uns seien. Karim nickt. Und dass Weihnachten natürlich Weihnachten heiße. Jaja. Und man jetzt nicht alles ändern könne. Sicher.

Klaus, jetzt ist gut!, fleht Werner. Das sei schon wichtig, beharrt Klaus. Und ob Karim auch schon wisse, dass wir Deutschen die Frau ganz anders behandeln. Rosi guckt jetzt etwas verloren in den Entenflügel. Bei uns seien Frauen nämlich gleichberechtigt. Die dürften zum Beispiel mitreden. Und mitarbeiten. Also, wenn sie wollen. Klaus, bitte!, sagt Rosi. Ruhe!, sagt Klaus.

…und Miniröcke und weite Ausschnitte tragen, gluckst Opa vom anderen Tischende. Da sehe man wenigstens das Holz vor der Hütte. Aber, Opa! Karim lacht. Und spürt umgehend Monikas Pumpsspitze am Schienenbein. Nicht lustig. Luise muss jetzt aber bald mal ins Bett.

Bei Draghi wird Dieter noch zorniger

Alle befinden, dass die Ente hervorragend war. Ein Hoch auf die Hausfrau. Luise trägt noch einen Blondinen-Witz vor. Den hat sie von Marvin aus der Kita. Schönes Fest. Nun dürft ihr endlich die Geschenke auspacken, sagt Mama.

Luise bekommt ein Pony, zwei Hamster, ein neues Handy, zwei Puppen, ein Schminkset, Sportschuhe mit Blinkern, ein Kleid, einen Eimer Gummibärchen und ein Zweitfahrrad. Dieter weist darauf hin, dass er diesmal deutlich weniger verschenkt. Aus Not. Wegen Draghi! Wer, bitte?, meint Rosi. Na, dieser Italiener, der den deutschen Sparer enteignet. Mit seiner Nullzinspolitik. „Uns Deutschen bleibt aber auch kein Schicksal erspart“, unkt Werner. Das ist nicht witzig, befindet Dieter – und wirkt jetzt noch ein bisschen zorniger, als wenn er über Flüchtlinge, die Grünen oder Merkel redet. Der Italiener mache es sich gemütlich, und wir können nicht einmal mehr unsere Familien beschenken.

Jetzt kontert Oma. Ob er nicht immer gesagt habe, dass er vor allem Aktien und Häuser besitze. Und dass er nicht so blöd sei, Geld aufs Sparbuch zu legen. Natürlich nicht, brummt Dieter. Dann könne er doch froh sein, weil die Nullzinsen nach gängigen ökonometrischen Schätzungen nachweislich zu gestiegenen Aktienkursen und Immobilienpreisen beigetragen hätten. Oma hat gerade ihr Harvard-Aufbaufernstudium in internationaler Ökonomie beendet. Außerdem seien die Zinsen in weiten Teilen der Welt niedrig, sagt Oma. Weil einfach zu wenig Kredit nachgefragt werde. Die Runde staunt. Kann man so argumentieren, meint Klaus. Applaus.

Trotzdem, stammelt Dieter. Und überhaupt. Der Islam. Aber das dürfe man ja nicht sagen. Werde ja einfach totgeschwiegen. Gerade bei den Rechtlich-Öffentlichen. Staatspresse. Systemfunk. Noch ein Glas Rotwein?

Die Familie ist beeindruckt

Das sei jetzt aber ziemlich postfaktisch, funkt Kevin dazwischen, der dafür sogar sein Handy kurz aus der Hand legt. Rosi guckt beeindruckt. In diesem Jahr seien AfD-Vertreter doppelt so häufig in deutschen Talkshows gewesen wie die FDP. Und seine Rechnungen hätten ergeben, dass in 87,9 Prozent aller Talkshows 2016 die Begriffe Islam, Ausländer, Integration oder Terror im Titel der Sendung standen. Und dass dabei 5497 Mal vor Millionenpublikum gesagt worden sei, dass man etwas nicht sagen darf. Das habe er gerade für die Hausarbeit im Medienseminar ausgewertet. Dieter wirkt desorientiert.

Nachtisch. Heiße Himbeeren auf Vanilleeis. Oma möchte, dass alle wieder singen. Deutsche Weihnachtslieder. Das gehöre zur hiesigen Kultur, sagt Klaus – und guckt Karim dabei einen Hauch länger an als nötig. Was Karim nicht zu beeindrucken scheint. Im Gegenteil. Die braunen Augen funkeln. Monika kichert. Ob denn jemand noch Texte brauche. Karim kramt einen Stoß Zettel aus der Tasche. Die habe er im Integrationskurs bekommen und jetzt für alle nochmal kopiert. Er habe von Frau Merkel gehört, dass die Deutschen die Lieder gar nicht mehr auswendig können. Dieter erstarrt.

Da dreht die Scheibe auf Opas alten Schallplattenspieler schon los. Karim trällert: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Was ein bisschen klingt wie einst bei Heintje mit leicht holländischem Akzent. Textsicher. Die Glocken läuten. Die Familie ist beeindruckt. Auf Nachfrage kann Karim auch Goethe und Schiller zitieren. Klaus ist begeistert. Dieter irgendwie auch.

Karim sei im Integrationskurs gerade für die Hochbegabtenförderung vorgeschlagen worden, sagt Monika. Wie schön, meint Mama.

Opa dreht die Platte um. Oma holt den Eierlikör. Wie jedes Jahr. Ein Traum.

Frohes Fest.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. 4. Januar 2017 um 19:33
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