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David Milleker: Trumponomics? Wirtschaftspolitische Vorstellungen im Realitätstest

10. Januar 2017

Es gehört zu den Gegebenheiten der medialen Berichterstattung, dass man neue Phänomene sofort mit einem griffigen Etikett versehen möchte. Das gilt auch für den neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump, für den schon vor seinem offiziellen Amtsantritt der Begriff der Trumponomics geprägt wurde, ohne dass sich heute überhaupt klar sagen lässt, was darunter zu verstehen ist.

Welche Möglichkeiten sind grundsätzlich in Betracht zu ziehen? Zunächst Variante 1: Trump ist nicht nur im Wahlkampf „post-faktisch“ gewesen – in dem Sinne, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt –, sondern hat bewusst gelogen und wird schlicht ein ganz klassischer republikanischer Präsident mit Steuersenkungen für Reiche und höheren Verteidigungsausgaben. Sodann Variante 2: Trump als Entertainer, der auf den schnellen medialen Erfolg setzt und mal kurz mit einer Mischung aus Drohung und öffentlichen Geldern eine Betriebsverlagerung oder Schließung verhindert. Schließlich Variante 3: Trump meint es tatsächlich ernst damit – im Zweifelsfall über das Schließen von Grenzen –, sterbende Industriezweige wie etwa den Kohlebergbau in den Appalachen wiederzubeleben.

All diese Varianten lassen sich zum heutigen Zeitpunkt nicht ausschließen. Trennscharf sind sie natürlich auch nicht, so dass durchaus Kombinationen vorstellbar sind. Nur eines wird jetzt schon deutlich: klar definiert ist Trumponomics keinesfalls.

Wir konzentrieren uns hier ausschließlich einmal auf Variante 3 als interessantes Gedankenexperiment. Gerade weil sich daran zeigen lässt, dass wirtschaftspolitische Vorstellungen sich nicht so einfach umsetzen lassen, sondern teils harten Restriktionen unterliegen. Es gibt hier in der jüngeren Vergangenheit sogar ein recht gutes Anschauungsobjekt: Abenomics. Der kühne Plan des japanischen Premiers, mit einer Kombination aus Abwertungs- sowie expansiver Geld- und Fiskalpolitik das Wirtschaftswachstum des Inselstaates aus zwei Jahrzehnten anämischer Entwicklung herauszukatapultieren, ging nicht auf, weil die Rahmenbedingung der rasch schrumpfenden Erwerbsbevölkerung ignoriert wurde.

Im Falle von Trumponomics liegen die Begrenzungen woanders: zum einen auf der technologischen Seite, zum anderen in der Organisation grenzüberschreitender Vorleistungsketten.

Beginnen wir mit der technologischen Seite am Beispiel der Kohleförderung: Hier ist durch die Förderung von Schiefergas in den USA selbst eine preiswertere und emissionsärmere Alternative entstanden, die sich auch durch die Reduktion oder Abschaffung von Umweltnormen in Kraftwerken kaum zurückdrehen lassen wird.

Komplexer wird es bei den Vorleistungsketten: Ein in jüngerer Zeit häufiger zu beobachtendes Phänomen ist, dass etwa Wechselkursverschiebungen nicht in erwartetem Ausmaß zu einer Anpassung bei Ex- und Importen führen. Ein Grund hierfür kann im hohen ausländischen Vorleistungsanteil von Exportgütern gesehen werden. Wertet ein Land ab, vergünstigt sich dann zwar der heimische Wertschöpfungsanteil des Exportguts, aber der ausländische Wertschöpfungsanteil verteuert sich entsprechend. Die Verbesserung der gesamten Außenhandelsbilanz (nominal) fällt damit umso geringer aus, je höher der ausländische Wertschöpfungsanteil ist. Die Einführung bzw. Erhöhung eines Importzolls entspricht ganz grob gesprochen einer selektiven Wechselkursverschiebung. Selbst wenn man unterstellt, diese könnte trennscharf vorgenommen werden, so dass sie nur Endprodukte trifft, wäre der zentrale Effekt eine Verkürzung von internationalen Vorleistungsketten mit sehr unbestimmter Wirkung auf die heimische Wirtschaftsaktivität.

Präsident Trump wird sich also schwer tun, bestimmte Industrien wiederzubeleben, sofern er es damit tatsächlich ernst meint. Die Vorstellung von Trumponomics bleibt diffus – zumal die verschiedenen Teilbereiche seiner Agenda nicht wirklich zueinander passen.

 

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