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Fabian Fritzsche: Das amerikanische Jahrhundert geht weiter

13. Januar 2017

Das 20. Jahrhundert wird auch als das „amerikanische Jahrhundert“ bezeichnet. Ab 1918, spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominierte die USA sowohl die Weltpolitik als auch – und noch mehr – die Weltwirtschaft. Durch das Wirtschaftswunder nicht nur in Deutschland, sondern in fast ganz Westeuropa nahm die relative Bedeutung der USA ab und schon ab dem Vietnamkrieg gab es immer wieder Stimmen, die das Ende des amerikanischen Jahrhunderts kommen sahen oder sehen wollten.

Als dann die Mauer fiel und der Kommunismus endgültig abgewirtschaftet hatte, waren die USA die einzig verbliebene Supermacht. Politisch war damit sowohl aus Sicht der Befürworter als auch der Kritiker das amerikanische Jahrhundert vollendet, ökonomisch hingegen holte Ostasien, insbesondere China, immer weiter auf. Der relative Abstieg der USA scheint damit besiegelt und seit der Finanzkrise besteht darin offenbar kaum noch Zweifel.

Dass die wirtschaftliche Bedeutung der USA mit dem raschen Aufstieg anderer Volkswirtschaften abnimmt ist zunächst einmal eine banale Feststellung und dass Länder wie China, aber auch Indien, Vietnam oder Thailand seit langem hohe Wachstumsraten aufweisen, ist allgemein bekannt. Doch so klar wie es scheint, ist die Angelegenheit nicht. Tatsächlich ist der Anteil der USA an der Welt-Wirtschaftsleistung in der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein von etwa 40% noch 1960 auf ca. 26% 1980 kontinuierlich gesunken. Dieser Trend setze sich aber seitdem nicht fort, seitdem ist eher eine Wellenbewegung zu sehen und 2016 lag der Anteil in etwa so hoch wie 1980 oder 1995.

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Selbst die Finanzkrise 2008/09 hat nicht zu einem wesentlichen Einbruch geführt – vermutlich weil Europa mindestens genauso schwer getroffen war. Und Japan – immerhin bis 2009 die zweigrößte Volkswirtschaft der Welt – wächst bereits seit Anfang der 1990er Jahre kaum noch. Aktuell spricht viel dafür, dass dies so bleiben wird, also niedriges Wachstum in Japan und in Westeuropa bei gleichzeitig zumindest moderatem Wachstum in den USA. Kommt dann auch noch die Dynamik in einigen Schwellenländern wie etwa jüngst in Brasilien, Russland, Südafrika und der Türkei zum erliegen, wächst der Anteil der USA an der Weltwirtschaftsleistung wieder.

Doch nicht nur der Anteil am Welt-BIP steigt wieder, weitaus deutlicher ist der Wiederanstieg bei der Ölförderung.

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Über die 1980er und 1990er Jahre sank der Anteil der USA an der Welt-Ölförderung von rund 18% auf ca. 8%. Seit einigen Jahren erleben die USA allerdings dank neuer Fracking-Technologie einen neuen Ölrausch, der den Anteil innerhalb weniger Jahre auf knapp 14% erhöht hat. Die USA sind zwar trotz der Förderausweitung weiterhin Ölimportland, aber die Abhängigkeit etwa von der OPEC und damit von politisch unsicheren Staaten hat sich deutlich verringert.

Ein weiteres Indiz für den angeblichen Bedeutungsverlust der USA sehen viele im US-Dollar. Dieser ist geradezu Symbol der USA und in der tendenziellen Abwertung des USD von 1985 bis ca. 2011 (mit Unterbrechung in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre), wurde von vielen als Anzeichen des wirtschaftlichen Niedergangs gesehen. Mitunter wurde kolportiert oder auch gehofft, die Ablösung des USD als globale Leitwährung sei nur noch eine Frage der Zeit und eine neue Goldwährung, der chinesische Yuan oder gar der Rubel würden den Dollar bald ablösen.

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Seit mehreren Jahren wertet der USD allerdings massiv auf und notiert gegenüber einem breiten Korb von Währungen (Währungen der Länder, mit denen die USA 1997 mehr als 0,5% Anteil ihres Export- oder Importvolumens hatten) knapp unter dem historischen Hoch von 2002. Die Aufwertung erfolgte gegenüber praktisch allen Währungen weltweit. Wenn die Entwicklung der Währung Zeichen der wirtschaftlichen Stärke oder Schwäche ist, kann von einem Bedeutungsverlust der USA nicht die Rede sein.

Nun sind Prognosen bekanntlich schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betroffen. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Europa und Japan die schwachen Wachstumszahlen bis auf weiteres erhalten bleiben und bei anhaltend hoher politischer Unsicherheit in vielen Teilen der Welt, die USA höchstwahrscheinlich der sichere Hafen bleiben, was für einen weiterhin starken USD spricht. Langfristig dürfte der Anteil der USA am Welt-BIP mit steigendem Anteil Ostasiens sinken, aber es ist auch 2017 noch viel zu früh, das amerikanische Jahrhundert für beendet zu erklären.

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