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Thomas Fricke: Deutsches Exportmodell – Wer nicht hört, kriegt Trump

21. Januar 2017

Über Jahre haben unsere Großökonomen die Kritik aus dem Ausland am deutschen Exportüberschuss verspottet. Jetzt droht Amerikas neuer Präsident, das Problem zu erledigen – ein deutsches Drama.

Der Hieb hat gesessen. Seit Donald Trump im Interview mit dem deutschen Fachorgan für Tiefenökonomie kundgetan hat, dass er notfalls auch deutsche Autobauer mit hohen Strafsteuern züchtigen will, wechseln sich helle Aufregung und stiller Trotz im heiligen Exportland ab. Wobei nicht ganz klar ist, was irrer ist: das, was Trump der „Bild“ da kurz vor seinem Amtsantritt über mangelnde deutsche Begeisterung für amerikanische Chevrolets gesagt hat – oder wie irrlichternd und ökonomisch hausbacken mancher hierzulande jetzt auf Chauvi-Tour macht. Motto: Der Deutsche ist halt beim Exportieren besser als ihr. Euer Problem.

Dass wir ein Problem haben, weil wir viel mehr exportieren als anderswo einkaufen, ist ja keine Erfindung von Herrn Trump. Die Kritik gibt es seit Jahren und fachlich deutlich solider begründet – von Nobelpreisträgern, der OECD, dem IWF, der EU-Kommission und etlichen anderen. Nur dass das hierzulande bisher kaum einen zu interessieren schien. Jetzt droht der neue US-Präsident die Störung in Revolverhelden-Manier zu beseitigen. Wer nicht hört, kriegt Trump. Das droht für Deutschlands Exportmodell weit fataler zu enden.

Von wegen postfaktisch. Es hat schon etwas Tragikomisches, wenn die Kollegen von der großen Volkszeitung zwar im Interview eifrig Trumps Aussagen richtigstellen, beim Fragen dann aber Deutschland einfach mal zum Weltmeister im Export machen – was wir bekanntlich seit Jahren nicht mehr sind. Das ist ja auch (beim Trump) nicht das Thema.

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In der Kritik steht, dass wir gemessen an der beeindruckenden Höhe unseres Exports viel zu wenig bei anderen einkaufen. Die Bilanz zählt. Da hilft auch der Halbstarkenspruch nur bedingt, dass sich die anderen halt „anstrengen“ sollen, damit sie auch so „tolle“ Sachen exportieren, wie diese Woche tatsächlich in einer deutschen Wirtschaftszeitung zu lesen war (das sind so Momente, wo man vor lauter Scham über so viel Piefkonomie und Überheblichkeit am liebsten kurzzeitig irgendeine Pazifik-Staatsbürgerschaft annehmen würde).

Wenn sich der deutsche Überschuss (Achtung: nicht der Export, sondern der Saldo zwischen Export und Import) mit den USA seit 2000 fast verdreifacht hat, dann liegt das ja nicht daran, dass sich die Amerikaner heute vier Mal weniger anstrengen als 2000. Oder dass die ganz plötzlich gemerkt haben, dass wir schöne Mercedes und so bauen. Das wusste J. R. Ewing schon in den frühen Achtzigern.

Das Auseinanderdriften hat ganz andere ökonomische Gründe. Etwa dass der Dollar seit 2010 im Schnitt um gut ein Fünftel teurer geworden ist – was deutsche Autos in den USA billiger macht (ohne dass wir uns dafür anstrengen müssen). Und dass Amerikas Regierende und Notenbanker die Konjunktur nach dem Crash 2008 ganz unschwäbisch angeschoben und gestützt haben – so dass die Leute mehr Geld hatten, ohne das sie ja auch keine deutschen Autos kaufen können. In dem irren Glauben, die Deutschen würden das umgekehrt auch machen. Nö, hier ist Schäuble-Doktrin. Ergebnis: Die Konsumausgaben der Amerikaner sind seit 2009 doppelt so schnell gewachsen wie die der Deutschen. Da ist es kein Wunder, dass wir so viel mehr in die USA verkaufen als die bei uns. Da können die sich eben noch so doll anstrengen.

Nimmt man alles zusammen, liegt der Exportüberschuss, den wir mit dem Rest der Welt mittlerweile haben, bei 278 Milliarden Euro – macht fast neun Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das ist mehr als die Finnen in einem ganzen Jahr erwirtschaften. Und das wäre selbst dann auch für uns ein Problem, wenn das allein an mangelnder Leistungsbereitschaft sämtlicher Menschen außer uns läge.

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Wenn wir so viel mehr Geld im Export verdienen als Amerikaner und andere bei uns, heißt das nichts anderes, als dass die anderen per Saldo ständig Kredit aufnehmen, um unsere Sachen kaufen zu können (da sie das Geld für den Import ja nicht durch ebenso hohen Export zu uns verdienen). Früher oder später geraten andere dann eben auch in (Schulden-)Krisen, was wiederum auf (vermeintliche) Erfolgsländer wie Deutschland zurückschlägt, die ihren halben Wohlstand darauf gebaut haben, dass anderswo Leute über ihre Verhältnisse leben, also auch weniger eigene Produktion und eigene Jobs haben. Womit wir wieder bei dem Herrn sind, der mit wüstem Poltern gegen so etwas und anderes die Wahl gewonnen hat und heute US-Präsident wird.

Die sanfte Methode wäre gewesen, unseren Import zu steigern, wie es die sachten Kritiker über Jahre angemahnt haben. Es gibt in den Schubladen weitsichtiger Ökonomen sogar Modelle, so dramatische Ungleichgewichte in den Handelssalden über gezielte Anreize gar nicht erst entstehen zu lassen.

Ein Modell für die Zeit nach Trump. Mit dem Antritt des polternden Milliardärs droht jetzt erst einmal die weit unsanftere Methode: der Ausgleich über Strafen auf deutsche Exporte und den einen oder anderen Handelskampf. Alarmstufe Rot.

Natürlich hätte es etwas Bizarres, wenn wir jetzt anfingen, aus Nettig- oder Unterwürfigkeit komische Autos zu kaufen. Und der Gedanke hat auch etwas Abenteuerliches, dass deutsche Autobauer bald Strafen zahlen, wenn sie aus Mexiko in die USA exportieren. Umso mehr würde sich lohnen, hierzulande noch einmal darüber nachzudenken, wie wir bei uns viel mehr Geld ausgeben und damit auch importieren können. Für unser Wohl – nicht für das des neuen US-Präsidenten. Da wird dann der eine oder andere sicher auch einen schönen Chevrolet kaufen. Die Alternative könnte das Ende vom deutschen Exportmodell sein.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Peter David Jaffé
    22. Januar 2017 um 12:52

    es geht nicht so sehr um das

    Befolgen einer vermeintlich „richtigen“ ökonomischen

    Theorie, sondern um die Anpassung von Ungleichgewichten

    auch dadurch, dass man „falschen“ Wegen anderer folgt,

    um die Ungleichgewichte nicht noch größer werden zu

    lassen! Das widerspricht natürlich der schwäbischen Hausfrau,

    ist aber eine m.E. enorm wichtige Konsequenz der Interdependenz

    der Wirtschaftsräume und des Übergewichts des Finanzsektors,

    auch durch die gigantische Fehl-Umverteilung zugunsten der

    Superreichen entstanden!

    Die andere mögliche Konsequenz: feste Wechselkurse, die aber von Zeit

    zu Zeit den Handelsdefiziten oder Handelsüberschüssen ange-

    passt werden …. (was das für den Euro bedeutete, ist ziemlich

    klar) .

  2. Heiko Tiedmann
    21. Januar 2017 um 15:34

    Sehr geehrter Herr Fricke,
    ich habe selbst bis letztes Jahr 9 Jahre für ein Amerikanisches Unternehmen gearbeitet und auch Einblick in den Amerikanischen Konsumgütermarkt. Praktisch alle Unternehmen haben in den letzten 10 Jahren alles daran gesetzt, die Produktion nach Mexico oder China zu verlagern. Noch dazu Verlagern die Konzerne die Gewinne in Steueroasen.

    Welche Amerikanischen Produkte sollen die deutschen Verbraucher denn kaufen?

    Die Elektronik kommt alle aus Asien, inklusive Iphone und Co. Auch die von Herrn Trump und Ihnen zitierten Chevrolet Modelle, die in Deutschland zu kaufen waren, kamen aus Korea, umgelabelte Daewoo. Die einzigen GM Fahrzeuge die in Europa offiziell verkauft und in Amerika gebaut werden, sind Cadillac und Corvette und die braucht nun einfach nicht jeder und sie wären in anbetracht des Klimawandels vielleicht auch nicht für jeden zu empfehlen.
    Die einzigen Konsumerprodukte die mir aus dem stegreif einfallen und tatsächlich noch in den USA produziert werden sind Kitchenaid Küchenmaschinen, aber die braucht man halt nicht jeden Tag neu.
    Die Deutschen und die Chinesen dafür verantwortlich zu machen, das Amerikanische Firmen die Produktion außer Landes verlagert haben greift für mich dann doch ein wenig kurz. Das hängt mit den Rahmenbedingungen vor Ort zusammen. In Deutschland gilt das Know How der Mitarbeiter etwas, auch des Maschinenbediener, deshalb ist bei uns der industrielle Kern noch in Takt.
    In Amerika schmeißt man auch schon mal den Direktor Entwicklung raus, bloss weil dann die Quartalszahl stimmt und stellt hinterher fest, das man die für Millionen neu angeschaffte Maschinen nur zu 50% Nutzen kann, weil niemand die Produkte die darauf laufen sollten fertig entwickeln kann. Dann macht man die Produktion halt zu. Traurig? Nicht zu glauben? – Ich hab das mehrfach erlebt! Und hinterher wird das der Börse als Restrukturierungserfolg verkauft.
    Wie passt das mit Ihrer Diagnose zusammen?

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