Startseite > Gästeblock > David Milleker: Der neue Protektionismus und der Blick auf die Vorleistungsketten

David Milleker: Der neue Protektionismus und der Blick auf die Vorleistungsketten

8. Februar 2017

Mit Präsident Trump in den USA scheint die Ära der zunehmenden Globalisierung zumindest unterbrochen, wenn nicht gar beendet. Jetzt geht es erstmals wieder darum, die Wirkung der Einführung dauerhafter Zollschranken ernsthaft zu analysieren. Die traditionelle Handelstheorie aus dem Lehrbuch ist hier freilich nur bedingt hilfreich. Denn faktisch reden wir beim internationalen Handel eigentlich nicht (mehr) darüber, dass ein Land besser Autos und ein anderes besser Computer herstellen kann. Vielmehr sind heute verschiedene Fertigungsstufen über viele verschiedene Länder verteilt. Hans-Werner Sinn hat hierfür einmal den Begriff der Basarökonomie eingeführt. Und eigentlich sind inzwischen die meisten Volkswirtschaften auf der Welt davon geprägt.

Wenn nun wieder Zollschranken zwischen Staaten hochgezogen werden sollten, wird dies zwingend auch das komplexe Geflecht der Vorleistungsketten von Unternehmen treffen. Wie so häufig im Leben merkt man erst, wie wichtig etwas ist, wenn es nicht mehr funktioniert. Ein Beispiel: Als nach dem Tsunami im Fukushima wichtige Komponenten fehlten, kam es kurzfristig zum Produktionsstillstand in Teilen der internationalen Automobilindustrie.

Das ist so wegen der Einfuhr von Zöllen nicht zu befürchten. Wohl aber, wenn Produktionsprozesse aufgrund veränderter Rahmenbedingungen grundsätzlich angepasst werden. Bei ökonomischen Fragestellungen lässt sich der langfristige Effekt oft besser abschätzen als der kurzfristige.

Wenn wir unterstellen, dass Vorleistungsketten sich durch die Einführung von Zöllen nachhaltig verkürzen, hat dies unweigerlich Effizienzverluste zur Folge. Dies wird sich zwingend wahlweise in niedrigerer Wirtschaftsleistung, höherer Inflation oder einer Kombination aus beidem niederschlagen. Übrigens nicht notwendigerweise in einer höheren Lohnsetzungsfähigkeit der Arbeitnehmer. Ob und inwieweit dies die Margen von Unternehmen tangiert, hängt von deren Preissetzungsfähigkeit sowohl gegenüber Lieferanten und Endabnehmern ab.

Die kurzfristigen Effekte sind dagegen erst einmal fast nicht abzuschätzen. So würden etwa selektive Zollschranken gegenüber bestimmten Ländern wohl primär zur Handelsumlenkung, nicht aber zur Einschränkung führen. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass etwa Wechselkurseffekte im Extremfall den Zolleffekt vollständig kompensieren könnten. Reden wir über breitflächig angelegte Zölle und unterstellen als Folge ebenso breitflächig angelegte Verlagerungen von Produktionsstätten, kann es sogar sein, dass zwischenzeitlich erhöhte Investitionstätigkeit zumindest konjunkturell einen positiven Impuls auf die Wirtschaftsleistung leistet. Mit anderen Worten: Auch wenn es langfristig problematische Wirkungen mit sich bringt, kann es sich möglicherweise kurzfristig positiv anfühlen.

Abschließend noch ein quantitativer Hinweis: Die Vorleistungsketten können wesentlich bedeutsamer sein, als dies etwa bilaterale Außenhandelszahlen nahelegen. So betragen etwa die Importe aus Mexiko gerade einmal 1,6% der US-Wirtschaftsleistung. Andererseits kommt aber nach einer OECD-Datenbasis ein Anteil von 18,9% der Wertschöpfung von Transportgütern, die als Endnachfrage in den USA abgesetzt werden, aus Mexiko. Für die Gesamtwirtschaft immerhin noch 6,9%.

Die Einführung von Zöllen kann also viel weitreichendere Auswirkungen auf Wertschöpfungsketten haben, als sich aus den reinen Handelszahlen ablesen lässt. Und durchaus mit so nicht intendierten Wirkungen: So ist davon auszugehen, dass etwa ein US-Importzoll gegenüber Mexiko nicht zuletzt wieder die US-Autoindustrie treffen wird, die dorthin Produktionsprozesse ausgelagert hat.

Advertisements