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Thomas Fricke: Währung in der Krise – Der Euro – funktioniert doch

11. Februar 2017

Die Eurogegner sehen sich in allen Krisen der Währung bestätigt. Dabei haben sie alles prophezeit, nur nicht das, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Zeit für die wahren Lehren.

25 Jahre ist es diese Woche her, dass im niederländischen Maastricht der Vertrag zur Gründung einer Wirtschafts- und Währungsunion unterschrieben wurde. Ziemlich genauso lang poltert ein lautstarker Teil der deutschen Ökonomen und Stabilitätsapostel gegen ebendiese Währung – ob in Memoranden wie 1992 und 1998 oder vorm obersten Verfassungsgericht.

Und die Frage liegt 2017 nahe, ob diejenigen nicht Recht hatten, die schon immer meinten, dass die Sache früher oder später scheitert? Nach all den Regelbrüchen der Euro-Zentralbank? Und vielleicht schon bald, wenn in Frankreich die rechte Marine Le Pen Präsidentin wird.

Das Erstaunliche bei näherem Hinsehen ist, dass das meiste, was einige eifrige deutsche Professoren dereinst an Fehlern prophezeit haben, in Wahrheit gar nicht eingetreten ist. Und das, was in den vergangenen Jahren in der Eurozone wie weltweit eskaliert ist, von den Damen und Herren gar nicht prophezeit wurde – zumal vieles davon auch Länder trifft, die keinen Euro haben (wie das Land mit dem irren Milliardär). Da kann der Euro nicht schuld sein. Was einen großen Unterschied macht – bei der Frage, ob der Euro noch zu retten ist. Und vor allem: wie.

Es lohnt nachzulesen, was unsere Euroskepsis-Professoren sich damals an drohenden Fehlentwicklungen so ausgedacht haben.

Zum Beispiel, dass die Eurozone zum Hochzinsgebiet werde – was ja jetzt nicht wirklich eins zu eins so gekommen ist. Heute schimpfen (teils) dieselben Weisheiten, dass die Zinsen viel zu niedrig sind (für die deutschen Sparer). Wie man’s macht.

Die Inflation – mal zu hoch, mal zu niedrig

Ähnliches gilt in Sachen Inflation, die nach allen Diagnosen von damals steigen sollte. Der Euro werde zur Inflationsgemeinschaft. Weil es am Konsens darüber fehle, wie wichtig stabile Preise sind. De facto war die Inflation in der Zeit seit dem Eurostart so niedrig wie selten in der (moderneren) Geschichte der Menschheit, niedriger als zu heiligen Bundsbank-Zeiten. Das wird auch durch den etwas bemühten Verweis nicht weniger beeindruckend, dass die Inflation in dieser Zeit anderswo auch relativ niedrig war. Plötzlich heißt es von deutschen Stabilitätsaposteln, ob man da nicht sogar das Inflationsziel nach unten revidieren müsse. Das hat schon ein klein bisschen etwas von trumpscher Tiefenanalytik.

Im Manifest von 1992 unkten die Ökonomen noch, durch das Maastricht-Werk bestehe die Gefahr, dass Europas Politiker anfangen würden, den Wechselkurs zu steuern – was so irre ist, dass es seither nur Donald Trump wieder behauptet hat. Vergangene Woche. Beleglos.

Abgesehen davon sei auch die Unabhängigkeit der Euro-Notenbanker nicht gewährleistet, so die Professoren dereinst.

Von wegen. Im Gegenteil: Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hält gerade so unbekümmert an seinem Kurs fest, dass – kurios, aber wahr – seit Kurzem aus deutschen Stabi-Stuben schon mal zu hören ist, man müsse doch die Notenbank stärker kontrollieren. Unabhängigkeit nach Gutsherrenart: bitte nur, wenn sie die (aus Sicht unserer Ultras) richtige Politik macht.

Deutsche Überheblichkeit

Als Deutschlands Professoren 1998 kurz vorm Euro-Start mit einem weiteren Appell nachlegten, hieß es darin, Deutschland sei für den Wettbewerb in der Währungsunion nicht gerüstet. Witzig. Heute heißt es, dass das ganze Ding nicht funktioniert, weil die Südländer für uns einfach nicht gut genug sind. Modeökonomie.

Dass die anderen Europäer nicht dieselbe Stabilitätskultur haben, dürfte zu den am meisten überschätzten Diagnosen deutscher Überheblichkeit gehören. Das mag in den Sonntagsreden so sein. Da kann keiner so schön über Stabilität reden wie unsere Gralshüter.

In der Praxis ist von dem Unterschied zwischen uns Göttlichen und den anderen so endlos viel nicht zu erkennen. Vergangenes Jahr lag die Inflation in Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland und Irland niedriger als in Deutschland.

Und beim Haushalten stehen die Euroländer trotz Krise immer noch besser da als andere. Selbst die Griechen haben heute deutlich weniger Staatsdefizit als Amerikaner und Briten. Die Italiener fahren vor Zinsen seit Jahren Überschüsse im Etat ein. Vor dem Crash hatten Spanier und Iren jahrelang sogar Überschüsse. Und auch in Frankreich gibt es seit Ewigkeiten keine Anzeichen mehr für höheren Inflations- und Lohndruck, geschweige denn exzessive Staatsausgabenzuwächse.

Die Wahrheit ist: Es gibt kaum ein (Krisen-)Land in der Eurozone, in dem relativ gesehen so wenig Sparpolitik praktiziert wurde wie in Deutschland, selbst zu Schröder-Zeiten nicht – und erst recht nicht unter Merkel. Was das angeht, ist unser Finanzminister vor allem Lehrmeister für andere. Als hier reformiert wurde, gab es irgendwann Montagsdemos, und der Kanzler wurde vom Feld gejagt. So viel zum deutschen Askese-Vorbild.

Die Krisen lagen an Dingen, die relativ wenig mit dem Euro zu tun haben

Wenn die Eurozone ins Kriseln kam, dann lag das weder an Hochinflation noch an Hochzinsen, mangelnder deutscher Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig Stabilitätskultur oder politisch abhängigen Notenbankern. Und auch nicht daran, dass die Staatshaushaltsregeln per se nicht eingehalten wurden – vor Ausbruch der Finanzkrise lagen die Quoten so niedrig wie lange nicht. Heute sind sie im Schnitt auch niedriger als in den USA, Großbritannien und Japan.

Es lag stattdessen an Dingen, mit denen die Auguren weder 1992 noch 1998 rechneten – und die zu einem gewichtigen Teil relativ wenig mit dem Euro an sich zu tun haben: von Immobiliencrashs, die es auch bei Amerikanern, Briten und Isländern gab, über deutsche Exportexzesse, die es mittlerweile vor allem gegenüber Nichteurogebieten wie den USA gibt (weshalb es ja jetzt auch Schimpfe vom Weltökonom Trump gibt), bis hin zu einer Jahrhundertbankenkrise, auf die deutsch-europäische Notenbanker verglichen zu den Kollegen international viel zu zögerlich reagiert haben. Da musste erst Draghi kommen.

Menschliches Versagen. Kann passieren. Aber auch kein inhärenter Eurofehler, eher Fehleinschätzung hiesiger Stabilitätswächter. Das ließe sich beheben. Ohne den Euro aufzuheben.

Fortsetzung folgt.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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