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Thomas Fricke: Sozialere Marktwirtschaft – Wenn Gerechtigkeit mehr Wachstum schafft

5. März 2017

Den Deutschen wird seit Jahren eingeredet, dass sie nur entweder eine solide Wirtschaft oder mehr Gerechtigkeit haben können. Das ist eine absurd überkommene Vorstellung. Zeit für ein Gegenmodell.

Jetzt haben wir also die Wahl. Entweder kriegen wir im Herbst den Schulz, dann wird alles gerechter, nur dass wir wirtschaftlich leider abstürzen, weil das natürlich alles teuer ist, was der machen will. Oder wir haben wieder die Merkel, dann behalten wir die tollen Wirtschaftsdaten, aber leider auch das Gefühl, dass vieles ungerecht ist.

So oder so ähnlich klingt das gerade, wenn man den einen oder anderen Kommentar zu diesem Prinzen namens Martin Schulz hört, der (nicht nur) die SPD wach küsst. Der Tenor passt zu dem, was handelsübliche Wirtschaftsexperten uns ewig schon erklären wollen: Man könne halt nur gut wirtschaften, wenn es nicht allzu gerecht zugehe. Weil Gerechtigkeit in der Regel teuer ist; und weil keiner sich mehr anstrengt, wenn, sagen wir, zu lange Arbeitslosengeld gezahlt wird.

Tatsächlich spricht eine Menge dafür, dass von Gerechtigkeit allein keine wirtschaftliche Dynamik entsteht – und dass man dann eben auch nichts an die Verlierer des (ausgebliebenen) Aufschwungs verteilen kann. Auch der SPD-Kanzlerkandidat hat noch nicht so viel Schlaues dazu gesagt, wie sich dieses Dilemma auflösen lässt.

Die Frage ist trotzdem, ob automatisch alles wirtschaftlich gut ist, was irgendwie mit Verzicht und ungleichen Verhältnissen zu tun hat. Hier ist nach Erfahrung der vergangenen Jahre dringend ein Umdenken geboten. Vielleicht brauchen wir hier eine modernere Philosophie – zum Wohle der Wirtschaft. Und für alle anderen.

Wo die alten Strategien an ihre Grenzen stoßen

Momentan ist die gängige Meinung so: Es ist angeblich gut, Arbeitslosengeld zu kürzen, weil dann die Betroffenen mehr Druck haben, schneller Jobs zu suchen. Wenn Beschäftigte auf Lohn verzichten, so heißt es, können Betriebe Kosten sparen und in der Not den eigenen Bankrott vermeiden. Überhaupt steigere höherer Leidensdruck die Kreativität. Außer bei Managern, natürlich, die besonders wenig Leidensdruck brauchten, also Top-Gehälter.

Tatsächlich lassen Studien vermuten, dass die Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld um einen Monat zwar dazu geführt hat, dass Arbeitslose im Schnitt zehn Tage länger Stütze beziehen. Und es gibt natürlich aus der Krisenzeit auch etliche Beispiele, in denen Lohnkürzungen (erst einmal) dazu beigetragen haben, Unternehmen zu retten. Die Erfahrungen zeigen allerdings auch, dass solche Strategien irgendwann an ihre Grenzen stoßen – und sich gelegentlich ins Gegenteil verkehren.

So zielten die Hartz-Reformen vor allem auf Langzeitproblemfälle, doch zehn Jahre nach ihrer Einführung sind in Deutschland nach wie vor mehr Menschen über mehr als ein Jahr länger arbeitslos als in vielen anderen Industrieländern. In den Arbeitsämtern hat sich die Einsicht verbreitet, dass der größte Druck nichts hilft, wenn etwa familiäre Umstände es unmöglich machen, normal zu arbeiten. Die bessern sich ja nicht dadurch, dass noch weniger Geld reinkommt.

Neuere Studien lassen zudem daran zweifeln, dass das Auseinanderdriften der Löhne, das in Deutschland schon in den Neunzigern eingesetzt hat, wirtschaftliche Vorteile hat. Laut Theorie hätte allein der Anreiz aufzusteigen für einen Leistungsschub sorgen müssen. Dem stehen aber ganz offenbar eine Menge negativer Begleiteffekte gegenüber, schreiben Enzo Weber und Christian Hutter vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer jüngst veröffentlichten Auswertung. Etwa, dass ohnehin Benachteiligte bei sinkendem Lohn noch weniger Geld haben sich fortzubilden – und dann noch mehr Schwierigkeiten haben, einen besser bezahlten Job zu finden.

Wie die beiden Ökonomen berechneten, hat das gestiegene Lohngefälle de facto sogar dazu geführt, dass alles in allem weniger gearbeitet und verdient wurde, als es sonst der Fall gewesen wäre – nicht mehr.

Auch die Produktivität ließ nach – eine Diagnose, die auch britische Forscher vor ein paar Jahren bei internationalen Vergleichen machten. Demnach bringt ein allzu steiles Reichtumsgefälle mehr wirtschaftliche und gesellschaftliche Nachteile mit sich – in Ländern mit sehr hoher Ungleichheit gibt es mehr Kriminalität, geringere Lebenserwartung und mehr Fettleibige. Selbst bei den Reichen. Neid macht auch nicht immer glücklich.

Leidensdruck macht unkreativ

Bezweifeln lässt sich heute auch, ob Leidensdruck stets so viel kreativer macht. Selten waren deutsche Unternehmen so zurückhaltend, in Forschung und Entwicklung zu investieren, wie in den düsteren Krisenjahren 2001 bis 2005. Der Druck schien eher zu lähmen. Und die Bilanz ist selbst jetzt noch eher ernüchternd: Zehn Jahre nach der Agenda 2010 machen die gesamten Zukunftsausgaben nach wie vor nur 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung aus – gerade drei Zehntel Punkte mehr als 2003.

Ein Widerspruch? Wo doch die Hartz-Reformen so gut auf den Arbeitsmarkt gewirkt haben – und die Wirtschaft stetig wächst?

Das Rätsel lässt sich auflösen. Wenn einem Betrieb der Absatz wegbricht, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder Kosten kappen und die Ware billiger anbieten; oder in bessere Produkte und neue Märkte investieren. Wobei Letzteres auf Dauer mehr bringt.

Mit den Agenda-Reformen der ersten Generation hat Deutschland, ganz grob gesagt, eher die erste Option gewählt: durch viel Kostenkappen und Verzicht dafür zu sorgen, dass mehr einfachere Arbeit geschaffen wird und sich das teure Made in Germany günstiger verkauft. Erfolgreich.

Die Kehrseite: Über Jahre hinweg gab es kaum Investitionen in die Zukunft; alles in allem wird heute real weniger in Ausrüstungen investiert als 2008. Und: Nach OECD-Schätzung ist das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft heute geringer als vor den Reformen in den Neunzigerjahren.

Entwurf eines Mittelwegs

All das ist kein Grund, die Agenda 2010 gleich rückabzuwickeln. Nur: Wenn all das stimmt, was Wissenschaftler herausgefunden haben, birgt das eine ganz neue Erkenntnis, wie die nächste Agenda-Runde aussehen sollte.

  • Dann ist es womöglich sinnvoll, den Leuten (auch mal) mehr Zeit zu lassen, um sich zu qualifizieren und den passenden Job zu finden – aus wirtschaftlichen, nicht (nur) aus sozialen Gründen.
  • Dann ist es nicht nur gutmenschlich, sondern für Wirtschaft und Wohlstand im Land sinnvoll, die unteren Löhne eine ganze Weile schneller zulegen zu lassen als die obersten – zumal die Reichen ohnehin immer nur einen kleinen Teil ihres Geldes ausgeben. Die deutsche Volkswirtschaft würde es bekanntlich robuster machen, wenn sie nicht mehr so relativ einseitig vom guten Export abhängen würde.
  • Dann geht es darum, viel mehr positive Anreize für Investitionen zu setzen, statt nur Kosten zu kappen – etwa dadurch, dass Investitionen schneller steuerlich abgeschrieben werden können.
  • Und dann ergibt es Sinn, Überschüsse im Staatshaushalt sehr viel mehr für bessere Straßen, Schienen, Schulen und Forschungsaufträge auszugeben – statt Steuern zu senken, was ohnehin nur den relativ Bessergestellten zugutekommt, die überhaupt so viel verdienen, dass sie Steuern zahlen müssen.

Das heißt nicht, dass alles gut ist, was gleichmacht. Höchste Zeit aber, mit dem altbackenen Geplapper aufzuhören, wonach gutes Wirtschaften immer irgendwie mit Verzicht und Entbehrung zu tun hat – und die Wirtschaft angeblich gleich kollabiert, wenn es weniger ungleich zugeht.

Viel Stoff für den Wahlkampf.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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