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Wirtschaftsdienst exklusiv – Wachstum: Wie die Angebotsökonomie sich selbst ein Bein stellt

Das Wachstum in Europa bleibt seit Jahren hinter den Erwartungen zurück. Gestützt auf sogenannte Angebotstheoretiker versuchte die Wirtschaftspolitik, diesen Trend durch Lohnzurückhaltung, Austeritätspolitik und eine Wiederentdeckung der Industriepolitik aufzuhalten und umzukehren, bekanntlich mit geringem Erfolg. Mit dem Mythos, dass die angebotsorientierte Politik in dieser Situation die einzig mögliche ist, räumt Alfred Kleinknecht nun gründlich auf. In einem Sonderheft des Wirtschaftsdienst, das auf eine Konferenz zum Thema ‚Neues Wachstum für Europa‘ zurückgeht, setzt er sich mit den Wachstumsstrategien der Angebotsökonomie auseinander.

Dass es gerade diese Instrumente sein könnten, die niedriges Produktivitätswachstum zur Folge hatten und damit eine Beschleunigung der  Wachstumsdynamik verhinderten, wurde von der Wirtschaftspolitik und deren Beratern gar nicht erst in Erwägung gezogen. Ausgehend von der deutlich abwärts verlaufenden Produktivitätsentwicklung in den USA, Japan, Deutschland und den Niederlanden seit 1950 zeigt Kleinknecht, inwiefern die negativen Trends durch Maßnahmen, die sich auf die Angebotstheoretiker berufen, verstärkt wurden. Er konzentriert sich dabei auf sogenannte Strukturreformen, die für eine Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte verantwortlich sind.

Kleinknechts Analyse greift auf Argumente der neoklassischen Theorie zurück, die selbst die Begründung für ein Sinken der Produktivität als Ergebnis der  verfolgten wirtschaftspolitische Strategie liefert: Niedrige Löhne zögern die Substitution von Arbeit durch Kapital und damit den Einsatz modernster Technik hinaus.  Produktivitätspotentiale werden so nicht ausgeschöpft. Damit können die von Schumpeter dargestellten Entstehungsfaktoren für Innovationen nicht zum Tragen kommen.

Dies gilt auch für die negativen Effekte eines gelockerten Kündigungsschutzes; dieser macht es zwar einfacher, flexibel auf schwankenden Arbeitskräftebedarf zu reagieren, dabei kommt es aber nicht zur Verdrängung der schlechteren durch eine bessere Technik (oder ein besseres Produkt). Durch häufigen Personalwechsel gehen bei lockeren Kündigungsschutzregeln vielmehr sowohl im Unternehmen akkumuliertes Wissen als auch die Routinevorteile etablierter Teams verloren. Investitionen in betriebliche Weiterbildung lohnen nicht mehr, und die Arbeitnehmer entwickeln eine geringere Loyalität zu dem Unternehmen, das sie gerade beschäftigt. Kleinknecht weist damit auf einen Grundkonflikt europäischer Wachstumspolitik hin: Hohe Fluktuation und ein daraus resultierender Mangel an kompetenten Mitarbeitern in hochgradig spezialisierten Teams wirken innovationshemmend.

Innovationen bilden jedoch die zentrale Variable, die die Wachstumsdynamik beschleunigen soll. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Vertrauen in die dominierenden Paradigmen neoklassischer Angebotspolitik, nämlich Reduktion der Personalkosten und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die Innovationskraft in Europa seit Jahrzehnten dämpft. Kleinknecht zeigt, wie insbesondere durch die in Europa flächendeckend eingeforderten Strukturreformen dieser Trend perpetuiert wird, indem eine liberale Marktwirtschaft als einziges Modell verfolgt wird, während in vieler Hinsicht historisch erfolgreichere Modelle einer ‚coordinated market economy‘ (Hall und Soskice) einfach ausgeblendet werden.

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