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Wirtschaftsdienst exklusiv – Wachstum: Wie die Angebotsökonomie sich selbst ein Bein stellt

17. März 2017

Das Wachstum in Europa bleibt seit Jahren hinter den Erwartungen zurück. Gestützt auf sogenannte Angebotstheoretiker versuchte die Wirtschaftspolitik, diesen Trend durch Lohnzurückhaltung, Austeritätspolitik und eine Wiederentdeckung der Industriepolitik aufzuhalten und umzukehren, bekanntlich mit geringem Erfolg. Mit dem Mythos, dass die angebotsorientierte Politik in dieser Situation die einzig mögliche ist, räumt Alfred Kleinknecht nun gründlich auf. In einem Sonderheft des Wirtschaftsdienst, das auf eine Konferenz zum Thema ‚Neues Wachstum für Europa‘ zurückgeht, setzt er sich mit den Wachstumsstrategien der Angebotsökonomie auseinander.

Dass es gerade diese Instrumente sein könnten, die niedriges Produktivitätswachstum zur Folge hatten und damit eine Beschleunigung der  Wachstumsdynamik verhinderten, wurde von der Wirtschaftspolitik und deren Beratern gar nicht erst in Erwägung gezogen. Ausgehend von der deutlich abwärts verlaufenden Produktivitätsentwicklung in den USA, Japan, Deutschland und den Niederlanden seit 1950 zeigt Kleinknecht, inwiefern die negativen Trends durch Maßnahmen, die sich auf die Angebotstheoretiker berufen, verstärkt wurden. Er konzentriert sich dabei auf sogenannte Strukturreformen, die für eine Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte verantwortlich sind.

Kleinknechts Analyse greift auf Argumente der neoklassischen Theorie zurück, die selbst die Begründung für ein Sinken der Produktivität als Ergebnis der  verfolgten wirtschaftspolitische Strategie liefert: Niedrige Löhne zögern die Substitution von Arbeit durch Kapital und damit den Einsatz modernster Technik hinaus.  Produktivitätspotentiale werden so nicht ausgeschöpft. Damit können die von Schumpeter dargestellten Entstehungsfaktoren für Innovationen nicht zum Tragen kommen.

Dies gilt auch für die negativen Effekte eines gelockerten Kündigungsschutzes; dieser macht es zwar einfacher, flexibel auf schwankenden Arbeitskräftebedarf zu reagieren, dabei kommt es aber nicht zur Verdrängung der schlechteren durch eine bessere Technik (oder ein besseres Produkt). Durch häufigen Personalwechsel gehen bei lockeren Kündigungsschutzregeln vielmehr sowohl im Unternehmen akkumuliertes Wissen als auch die Routinevorteile etablierter Teams verloren. Investitionen in betriebliche Weiterbildung lohnen nicht mehr, und die Arbeitnehmer entwickeln eine geringere Loyalität zu dem Unternehmen, das sie gerade beschäftigt. Kleinknecht weist damit auf einen Grundkonflikt europäischer Wachstumspolitik hin: Hohe Fluktuation und ein daraus resultierender Mangel an kompetenten Mitarbeitern in hochgradig spezialisierten Teams wirken innovationshemmend.

Innovationen bilden jedoch die zentrale Variable, die die Wachstumsdynamik beschleunigen soll. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Vertrauen in die dominierenden Paradigmen neoklassischer Angebotspolitik, nämlich Reduktion der Personalkosten und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die Innovationskraft in Europa seit Jahrzehnten dämpft. Kleinknecht zeigt, wie insbesondere durch die in Europa flächendeckend eingeforderten Strukturreformen dieser Trend perpetuiert wird, indem eine liberale Marktwirtschaft als einziges Modell verfolgt wird, während in vieler Hinsicht historisch erfolgreichere Modelle einer ‚coordinated market economy‘ (Hall und Soskice) einfach ausgeblendet werden.

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  1. Thomas Schon
    24. März 2017 um 17:38

    Sehr geehrter Herr Fricke,

    bitte verzeihen Sie mir, dass ich hier (aus Zeitgruenden) einen Kommentar
    pla(t)ziere, der sich auf Ihren Beitrag im SPIEGEL (einer Vergleichsstudie
    nord- vs. suedeuropaeischer Lebensart) bezieht.

    Bitte transportieren Sie diesen Kommentar aus diesem Forum
    heraus und in die entsprechend zutreffende Rubrik zum Sued-Nord-Thema.

    1) Solange Bruessel nicht endlich die europaweite Einfuehrung des Lernens
    der englischen Sprache im Kindergarten bzw. den Vorschulen „diktiert“, so
    lange wird es zu keiner Annaeherung der Mentalitaeten kommen. Und also
    auch niemals zu einer Art „USE“(United States of Europe).

    2) Die Menschen im Sueden (jedenfalls hier In Portugal, wo ich seit 10
    Jahren lebe) hatten nie unter Hungersnoeten und bitterer Kaelte zu leiden.

    Dies hatte GRAVIERENDE Aenderungen der Epigenetik und der geistigen
    Verfasstheit zur Folge, was sich unmittelbar auf die Arbeitsethik
    (*Vorratswirtschaft Puenktlichkeit Zuverlaessigkeit) ausgewirkt hat.

    Bitte, ich spreche nicht von den Eliten, sondern quasi vom statitischen
    Mittelwert der Bevoelkerung.

    Laecheln Sie bitte nicht. Ich weiss sehr genau wovon ich spreche.Ich habe
    auch ein paar Jahre auf der anderen Seite der iberischen Halbinsel
    gelebt, an der Costa Brava. Im Wesentlichen, meine ich, findet sich ein
    durch die klimatischen Verhaeltnisse verursachtes Gefaelle in allen Bereichen
    der „Arbeitsethik“, das von Norwegen bis Sizilien geht. Je weiter Sie sich
    nach Sueden bewegen, desto unzuverlaessiger werden die Handwerker.
    Das habe ich auch landesintern immer wieder beobachtet, immer wieder.

    Die Katalonen beschweren sich ueber die Castillianer und die Mailaender
    beschweren sich ueber die Sizilianer. Bitte, nochmals, belaecheln sie
    mich nicht. Ich haette Ihnen 1000 Beispiele anzubieten. Das mit dem
    Alkohol ist meiner Ansicht nach ein Nebenthema, Stress waere eventuell
    ein interessanterer Aspekt. Warum werden die Italiener und die Sued-
    franzosen und sogar die Spanier trotz viel schlechterer medizinischer
    Versorgung eigentlich statitisch alle aelter als die Deutschen?

    Stress. Versorgungsstress. Kaeltestress. Angststress, Kontrollstress.

    Ich wuerde mich ueber eine kurze Antwort Ihrerseits sehr freuen und
    waere in der Lage, Ihnen mittels recht plastischer Beispiele meine
    Thesen zu untermauern.

    Thomas Schon

  2. Habnix
    20. März 2017 um 17:12

    Das Konsum Angebot ist hoch genug, der Lohn niedrig und der Lohn wird sich auf absehbare Zeit nicht Wesentlich erhöhen um das Existenzminimums zu sichern.Einem Arbeitnehmer der das erkannt hat, so wie mir es bekannt ist, der wird sich, so gut es geht, vieles selbst machen und stellt sich auf ein Leben ohne Ansprüche ein. Wen interessiert da noch ein Wachstum?

    Verwechseln wir bitte nicht unseren vom Konzern-Kapital erlaubten Freiraum nicht mit Freiheit, denn der erlaubte Freiraum ist nur ein Knast ohne Gitter der mit Freiheit nichts zu tun hat, aber die Kunst zu beherrschen sich Unabhängig zu versorgen ist die wahre Freiheit. Wir, das sind über 90% der Weltbevölkerung, dürfen nicht von Freiheit reden, da über 90% der Weltbevölkerung Lohnabhängig sind, was gleichbedeutend ist mit Versklavung durch Lohnabhängigkeit.

    Die beste Demo gegen Kernkraft ist,wenn man sich den Strom mit Solar oder/und Wind oder Bachlauf,wenn möglich selbst macht.Der beste Widerstand gegen eine Diktatur ist es, wenn man sich so viel wie möglich das nötige zum Leben selbst macht.

  1. 27. März 2017 um 11:09
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