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Thomas Fricke: Gerechtigkeit – Warum wir alle mehr verdienen sollten

7. April 2017

Gerechtigkeitsdebatte hin oder her – deutsche Arbeitnehmer leiden an den Spätfolgen der Agenda 2010: Ihre Löhne sind zu niedrig. Dabei gibt es ernste wirtschaftliche Gründe, den Menschen im Land mehr zu zahlen.

Jetzt wird bei uns ja schon seit Wochen überlegt, ob es im Land gerecht zugeht oder nicht. Wobei es ein klein bisschen häufiger vorzukommen scheint, dass Leute die Verhältnisse gerecht finden, die im Einkommen, sagen wir, eher am oberen Ende des Problems stehen. Aber das kann natürlich täuschen.

Dabei spricht einiges dafür, dass Deutschland tatsächlich eher zu schlecht zahlt als zu gut. Und dass es ziemlich ernst zu nehmende wirtschaftliche Gründe dafür gibt, alles in allem mehr Lohn und Gehalt zu zahlen. Was, keine Sorge, auch jenen zugutekäme, die gar nicht zu wenig haben. Gerechtigkeit hin oder her.

Der Befund mag überraschen, wo doch ständig zu lesen ist, dass die Deutschen wieder mehr verdienen. Die Reallöhne stiegen 2016 das dritte Jahr in Folge. Das ist allerdings ein bisschen so wie die Freude des Athleten, der nach langer Reha die ersten Schritte macht – toll, aber halt nicht unbedingt schon wieder normal.

Natürlich sollten Reallöhne bei wachsender Wirtschaftsleistung steigen – alles andere wäre ja absurd – und wann, wenn nicht nach ein paar Jahren Aufschwung. Nur stiegen in ähnlich langen Wachstumsphasen die Löhne in Ländern wie Schweden über mehrere Jahre mit Raten von real 2,5 bis vier Prozent.

Von wegen Boom. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft steigen die Lohnkosten selbst im siebten Jahr des Aufschwungs noch langsamer als die Umsätze der Unternehmen – sprich: Die Lohnstückkosten (Löhne je Umsatz) sinken in der Tendenz immer noch und liegen heute sechs Prozent niedriger als 1991. Das heißt: Die Beschäftigten bekommen nach wie vor nur einen unterproportionalen Teil von dem, was erwirtschaftet wird.

Andauernde Schockwirkung

Am mangelnden Geld kann es nicht liegen. Die Dividenden, die Dax-Unternehmen ihren Aktionären zahlen, wurden seit 2005 mehr als verdoppelt. Und auch der Konkurrenzdruck kann es – ungeachtet von Einzelfällen – nicht sein. Die Chinesen sind nach Jahren starker Lohnzuwächse selbst nicht mehr so billig. Gemessen an den Lohnkosten hat sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit seit Mitte der Neunziger um gut 30 Prozent verbessert – keine Umkehr erkennbar.

Wie kann das sein? Wo doch die Macht von Arbeitnehmern bei so deutlich gesunkener Arbeitslosigkeit und Vollbeschäftigung in vielen Regionen enorm gestiegen sein müsste?

Hier könnte die Sache mit der Agenda 2010 einsetzen.

Es spricht einiges dafür, dass ein paar der Reformen andauernde Schockwirkung haben – vor allem jener Mix aus einerseits all den neuen wackeligen Jobformen und andererseits der verkürzten Bezugsdauer von Arbeitslosengeld bei gleichzeitig gestrichener Arbeitslosenhilfe. Dass es seither in vielen Betrieben Leiharbeiter, Minijobber, Teilzeitkräfte und befristet Angestellte gibt, könnte den Druck auf Stammbelegschaften erhöht haben, bloß nicht zu viel Gehalt zu fordern. Noch stärker dürfte die Sorge wirken, bei einer Entlassung ziemlich schnell auf Hartz-Niveau zu landen. Auch das animiert nicht unbedingt, den Chef mal öfter nach mehr Geld zu fragen.

Wie einschüchternd das gewirkt hat, lässt sich an den Lohnkostentrends erkennen. Nach Schätzungen der Bundesbank hatte Deutschland um 1998 noch einen Kostennachteil von durchschnittlich 15 Prozent gegenüber der Konkurrenz, nachdem die Wirtschaft zu einem entsprechend überhöhten Wechselkurs in den Euro gegangen war. Nur war dieser Nachteil schon Anfang der Nullerjahre, vor der Agenda, wettgemacht – durch mäßige Abschlüsse bei uns und starke Zuwächse bei der Konkurrenz. Dann kam besagte Agenda, und die Lohnstückkosten stürzten 2005/06 noch einmal ab: in einer Zeit, in der im Land der Aufschwung schon einsetzte.

Das Ergebnis war eine Art Kostenunterbelastung, die das Hochschnellen von Gewinnen wie Dividenden erklärt und sich für Deutschlands Unternehmen in der Rezession 2009 unverhofft als Glück erwies. Nur so lässt sich erklären, warum die Betriebe trotz Auftragseinbruchs so viel Personal halten konnten.

Die Sache hat nur (mindestens) drei Tücken.

  • Erstens bedeuten durchschnittlich langsam steigende Löhne, dass viele Leute, die unter dem Schnitt liegen, Einkommen verlieren. Zumal wenn einige in der Zeit viel mehr bekommen. Hier kommt der Schulz-Effekt ins Spiel. Die entsprechend gestiegene Ungleichheit hat nach Schätzungen von Ökonomen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu weniger Wachstum und Produktivitätsfortschritt geführt. Nicht gut. Auf Dauer auch nicht für die Bessergestellten.
  • Zweitens hat der Lohnaussetzer zu jenem tückischen Mix aus nochmals verbessertem Export (dank schwacher Lohnkosten) und gleichzeitigem Konsumschwund im Land (wegen schwacher Lohneinkommen) geführt. Was erklärt, warum sich just in der Agenda-Zeit Deutschlands viel zitierter Leistungsbilanzüberschuss binnen vier Jahren mehr als verfünffacht hat – und sich Handelspartner entsprechend hoch verschulden mussten. Krisenalarm. Ein Problem auch für uns. Trump hin oder her.
  • Drittens kollidiert die pathologische Zurückhaltung selbst mit dem, was Ökonomen wollten, die in den Krisenjahren nach mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt zeterten – damals natürlich nach unten. Wenn man schon auf das Wirken von Angebot und Nachfrage von Menschen setzt, müsste das logisch in beide Richtungen gelten. Wenn bei hoher Arbeitslosigkeit die Löhne eher sinken als steigen sollen, muss bei drastisch gesunkener Arbeitslosigkeit und allmählich knapper werdenden Arbeitskräften der Preis für die Arbeit auch umso kräftiger steigen – um Anreize zu setzen, mehr zu arbeiten, sich besser zu qualifizieren und es für qualifizierte Kräfte aus der Ferne attraktiver zu machen, zu uns zu kommen. Hier ist die Sache danebengegangen.

Die Schockreformen haben zwar in der Krise vermeintlich erfolgreich dafür gesorgt, die Ansprüche im Land zu senken, Druck zu erhöhen, alte Sicherheiten zu beseitigen, kurz: für Angst zu sorgen. Jetzt geht nur die Angst nicht mehr weg. Zumindest scheint bei immer weniger Arbeitslosigkeit der Mut zu fehlen, mehr Lohn und Gehalt einzuholen. Zum Wohle aller.

Gleich Montag mal beim Chef vorbeischauen?

Wenn das stimmt, wäre es am besten, gleich Montag mal beim Chef vorbeizuschauen. Wenn das alle machen, hat der keine Chance. Die schlagenden Argumente kennen Sie ja jetzt (nationaler Nachfragemangel, Ungleichheit, Außenüberschussexzesse). Ok, kleiner Scherz.

Das Problem ist, dass man höhere Löhne schlecht verordnen kann (was auch gut ist). Lohnen könnte aber, das eine oder andere zu tun, um die arg einseitig geratene Flexibilität am Arbeitsmarkt sachte zu korrigieren. Etwa über den Mindestlohn – der weit weniger schlimm ist, als es die Löhne-müssen-eigentlich-immer-sinken-Ökonomen meinten. Oder darüber, Arbeitslosengeld wieder länger zu zahlen. Oder, Frevel, gar die alte Arbeitslosenhilfe für Längerarbeitslose wieder einzuführen, wie es der Sachverständige Peter Bofinger meint. Das würde nach empirischen Studien nicht groß schaden, aber womöglich als Angstlöser im Land wirken.

Es ergibt Sinn, Unternehmen Möglichkeiten zu geben, in Krisen flexibel reagieren zu können. Das sollte auch so bleiben. Es ergibt keinen Sinn, Gehälter nach oben systematisch zu bremsen. Weder wirtschaftlich. Noch für die Gerechtigkeit im Land. Wenn die Löhne wieder normaler steigen, wird das für viele Betriebe neue Nachfrage schaffen, sie zu mehr Investitionen animieren – und Gewinn mit sich bringen. Dann haben auch die Aktionäre etwas davon. Nicht dass die noch finden, es ginge nicht gerecht zu.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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