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Thomas Fricke: Kritik an Draghi – Wer zu spät kommt, kriegt länger Nullzins

14. April 2017

Das Zetern deutscher Stabilitätsapostel gegen die Europäische Zentralbank wird immer grotesker. Hätten Deutschlands ewige Nöler nicht so lange verhindert, dass die Zinsen sinken, würden sie auch längst schon wieder steigen.

Es gibt in Deutschland so einen Volkssport: Hau den Draghi! Sie wissen schon: wegen der Nullzinsen. Was der arme deutsche Sparer da verliert, weil der Chef der Europäische Zentralbank (EZB) so stur ist! Nur damit diese Südeuropäer billig weiter schludern dürfen. Was Quatsch ist, aber egal. Da kann jeder mitschimpfen, selbst ökonomisch bildungsferne Feuilleton-Kolumnisten.

Richtig surreal wird es, seit selbst die kürzlich hierzulande noch beschimpfte US-Notenbank zur Vorhut stabilitätspolitischer Brillanz verklärt wird – weil die ja nun ihre Zinsen anhebt, während der EZB-Chef „stoisch“ bleibe, wie eine hiesige Wirtschaftszeitung kürzlich wehklagte.

Halt, Moment! Wenn die US-Notenbank ihre Zinsen wieder steigen lässt, liegt das ja nicht daran, dass dort beim letzten Abendmahl die Orthodoxie oder Bundesbankchef Jens Weidmann Einzug gehalten haben. Sondern dass die US-Währungshüter nach dem epischen Crash 2008 im Gegenteil viel früher und radikaler die Zinsen gesenkt und die Wirtschaft mit Geld versorgt haben – als in Deutschland noch Stabilitäts-Rumpelstilzchen zurücktraten, um gegen jedwede Zinssenkung und Geldflutung zu protestieren. Das hat halt – logisch – in den USA umso schneller dazu beigetragen, den Krisenschock und seine Nachwirkungen zu überwinden, sodass jetzt auch die Zinsen früher wieder steigen. Während wir umso länger auf den Beginn einer Normalisierung warten müssen.

Nur zur Erinnerung: Als im September 2008 die Investmentbank Lehmann Brothers spektakulär pleiteging – und der Weltwirtschaft ein Absturz wie in den Dreißigerjahren drohte – senkte die Fed ihre Zinsen binnen Monaten auf nahe Null. Schon im März 2009 begannen die US-Währungshüter, massiv Staatsanleihen zu kaufen. Ziel: Die Zinsen auf jene Anleihen zu senken, die am meisten gehandelt werden – um damit die beste Wirkung auf die Wirtschaft insgesamt zu erzielen und die Entschuldung zu beschleunigen. Zwischen Anfang 2010 und Ende 2014 hat sich die Bilanzsumme der Fed durch die Aufkäufe in etwa verdoppelt. Die Leitzinsen blieben über fast sieben Jahre praktisch bei Null.

Und die EZB? Brauchte im Herbst 2008 bereits Wochen, bevor sie auf den drohenden Kollaps des Weltfinanzsystems mit einer Neudefinition ihrer Politik reagierte. Dann folgten zwar Zinssenkungen, aber weit moderater als bei der Fed. Schlimmer noch: Anfang 2011 versuchten sich die Euro-Hüter sogar darin, die Zinsen wieder anzuheben – was dazu beitrug, dass danach die Euro-Krise eskalierte und die Euro-Wirtschaft in die Rezession zurückfiel. So analysiert es etwa Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank.

Die US-Wirtschaft dagegen erholte sich stetig. Zwischen Mitte 2012 und Mitte 2014 ließen die Euro-Hüter in nochmals verfrühter Zuversicht die EZB-Bilanz wieder schrumpfen, auch das anders als die Fed – erneut eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellte.

Jedes Mal musste die EZB wieder korrigieren – und landete dann irgendwann doch dort, wo die Amerikaner schon längst waren. Es sollte ganze sechs Jahre dauern, bis die EZB Anfang 2015 der Fed folgte und begann, massiv Anleihen zu kaufen.

Jetzt kann man Kritisches daran finden, wie die Amerikaner das (vor-)gemacht haben. Womöglich wäre es besser gewesen, einen Teil des Geldes, das die Fed unter die Banken gebracht hat, direkt unter die Leute zu bringen. Das hätte vielleicht noch schneller dazu geführt, dass die Wirtschaft aus der Depressionsgefahr kommt. Und weniger dazu, die Aktienmärkte hochzupäppeln.

Spätfolgen des deutschen Widerstands

Die Ergebnisse sprechen allerdings für sich – nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien und Japan, deren Notenbanker in der Krise ähnlich rabiat reagierten; und denen Desaster wie das in der Eurozone nach 2010 erspart blieben.

Wenn es eine Lehre aus großen Finanzkrisen gibt, dann die: Danach brauchen Wirtschaft und Banken erst einmal viel Geldzuschuss, weil alle Welt Schulden abzubauen versucht und kein Geld ausgeben will – und dies nach aller historischer Erfahrung in Depression und Deflation enden kann.

Die Fed habe Erfolg gehabt, das schnell zu verhindern, so Ökonom Schmieding. Und: Weil die Wirtschaft sich schneller erholte, konnten die Währungshüter ihr Programm zum Ankauf von Anleihen schon im Oktober 2014 stoppen – vor dreieinhalb Jahren. Im Dezember 2015 kam die erste Erhöhung der Leitzinsen, zwei weitere folgten.

Was die Eurozone erlebt hat, spiegelt umgekehrt die Spätfolgen des ewigen deutschen Widerstands. Gerade weil die Euro-Notenbanker anfangs so zaudernd reagierten und die Krise verschlimmerten, mussten sie danach umso heftiger intervenieren und den Aufkauf von Staatsanleihen im vergangenen Jahr noch einmal verlängern – als die Fed längst wieder Anleihen verkaufte.

Das Bizarre ist, dass die selbsterklärten deutschen Sparerretter genau das Gegenteil davon (mit-)bewirkt haben, was sie wollten. Sie wollten, dass die Zinsen schnell wieder steigen. Jetzt haben sie zur Strafe umso länger umso niedrigere Zinsen. Beschweren sollten sich die Sparer bei Bankenverband und bei Bundesbankchef Weidmann.

Steigende Zinsen werden auch in Europa kommen

Das Gute ist, dass die EZB dank Mario Draghi mittlerweile nachgeholt hat, und dies – wenn auch umständehalber später als bei der Fed – allmählich zu höheren Zinsen führen wird. Von wegen Ende des Kapitalismus.

Fast überall legen im Euro-Raum seit Monaten die konjunkturellen Frühindikatoren zu, selbst in Italien. In einigen Ländern wächst die Wirtschaft schon wieder mit zwei oder mehr Prozent. Und selbst die Kreditvergabe zieht wieder etwas an. Alles auch Zeichen dafür, dass Nullzinsen und EZB-Eingriffe allmählich wirken.

Auch in den USA hat es in ähnlicher Lage einst noch gedauert, bis die Zinsen wieder stiegen. Der erste Versuch, die lockere Politik zu beenden, erschreckte 2013 die Finanzmärkte so sehr, dass die Fed erst einmal abwartete. Am Ende war es aber nur eine Frage der Zeit. Kein Grund, kompetenzfreie Feuilletonisten oder andere Wutbürger über den EZB-Chef herziehen zu lassen.

Eher ein Grund, bei der nächsten Großkrise aufzupassen, dass nicht wieder großtönende Stabilitätsapostel alles nur noch schlimmer machen. Auch und gerade für das deutsche Nationalheiligtum: den armen Sparer.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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