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Fabian Fritzsche: Zinsanstieg! Welcher Zinsanstieg?

Spätestens als gegen Ende 2016 die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen von negativen Werten relativ zügig auf satte 0,4% stiegen, waren sich die Kommentatoren einig: Die Zeit niedriger Zinsen sei nun vorbei. Selbst Ökonomen, die unverdächtig sind, überall Inflationsgefahren zu sehen und daher schon frühzeitig und in jeder Situation höhere Zinsen zu fordern, erwarteten für 2017 höhere Inflationsraten, eine Trendwende in der expansiven Geldpolitik der EZB sowie steigernde Langfristzinsen.

Als Argumente wurden der steigende Ölpreis, die sinkende Arbeitslosigkeit in der Eurozone und vergleichsweise kräftige Reallohnsteigerungen in Deutschland angeführt. Tatsächlich ist der Ölpreis im Jahresverlauf 2016 kräftig gestiegen, genau genommen allerdings vorwiegend in der ersten Jahreshälfte, seitdem bewegt sich der Preis eher seitwärts, so dass der Ölpreis lediglich in den ersten beiden Quartalen 2017 die Inflation erhöht. Auch der Verweis auf die sinkende Arbeitslosigkeit in der Eurozone ist nicht grundsätzlich falsch. Seit dem Hoch im April 2013 ist die Arbeitslosenquote von über 12% auf 9,5% gefallen (also um 0,057 Prozentpunkte pro Monat). Selbst die größten Nörgler, die die Arbeitsmärkte in der Eurozone für stark verkrustet halten, sehen jedoch die inflationsneutrale Arbeitslosenquote irgendwo zwischen 8% und 9%. Mit anderen Worten, nur wenn sich der zaghafte Aufschwung über 2017 und 2018 fortsetzt, könnte die Arbeitslosenquote 2018 oder auch erst 2019 möglicherweise so niedrig sein, dass die Löhne dann wieder so kräftig steigen, dass dadurch die Inflation anzieht. Das sind reichlich viele Konjunktive, um auf der Basis eine steigende Inflation und damit steigernde Zinsen 2017 zu begründen. Ähnlich verhält es sich bei dem Hinweis auf die angeblich so kräftig steigenden Löhne in Deutschland. Das ist nicht komplett falsch. Gemäß Zahlen der Bundesbank lagen die Nettolöhne 2016 um 3,2% höher als noch 2015. Zum einen war dies aber ein geringerer Anstieg als noch in den beiden Jahren davor, zum anderen ergab sich aus diesem Nominallohnanstieg ja gerade aufgrund der niedrigen Inflation ein relativ gutes Reallohnwachstum. Wie die Lohnabschlüsse 2017 aussehen werden, wissen wir noch nicht, aber wenn die Abschlüsse in etwa so aussehen werden, wie in den letzten Jahren, ist nicht ersichtlich, wieso nun auf einmal daraus eine Inflationsgefahr erwachsen sollte.

Die Märkte scheinen das mittlerweile ähnlich zu sehen. Der kurzzeitige Zinsanstieg Ende 2016, der von vielen als Beginn eines lang anhaltenden Anstiegs angesehen wurde, hat sich größtenteils in Luft aufgelöst. Da es keinerlei Anzeichen einer Inflation dauerhaft von über 2% gibt, hat die EZB keinerlei Druck, die Zinsen zu erhöhen und solange eine EZB-Zinserhöhung nicht im Raum steht, werden auch die langfristigen Zinsen nicht signifikant steigen. Da hilft auch kein Verweis auf die vergleichsweise guten deutschen Zahlen, die durchaus höhere Zinsen in Deutschland rechtfertigen würden. Die EZB muss ihre Geldpolitik an der ganzen Eurozone ausrichten und da gilt weiterhin und bis auf Weiteres, dass Zinserhöhungen unangemessen sind. Letztlich sollten die deutschen EZB-Kritiker aber ohnehin vorsichtig sein mit ihren Forderungen, die Geldpolitik sollte sich an Deutschland ausrichten. Im Durchschnitt waren die Leitzinsen seit Übernahme der Geldpolitik durch die EZB sogar höher als nach gängigen Modellen angemessen gewesen wäre. Anstatt also auf die EZB zu schimpfen, sollten wir uns über die eingesparten Zinsen im Staatshaushalt freuen und uns auf dauerhaft niedrige Zinsen einstellen.

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