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Thomas Fricke: Deutschland gegen Eurobonds – Ökonomie mit Häkelschutz

19. Mai 2017

Das deutsche Nein zu Eurobonds und gemeinsamer Verantwortung zeugt von einem Ökonomieverständnis, das in den Sechzigerjahren steckengeblieben ist – als jeder noch irgendwie für sich selbst sorgen konnte.

Schön und gut, wenn da gerade ein französischer Präsident gewählt worden ist. Nur, damit das klar ist: Von uns gibt’s kein Geld. Und erst recht keine Eurobonds oder gemeinsame Budgets. So tönt es seit Tagen aus deutschen Lehrmeisterstätten. Mitverantwortung? Jeder für sich. German Lonelynomics.

Nun wirkt das per se natürlich ebenso menschlich nachvollziehbar, wie es für manchen im Ausland nach deutschem Empathiemangel klingt. Bedenklicher ist der Verdacht, dass der eine oder andere hierzulande doch noch gedanklich in einer Zeit hängengeblieben scheint, in der die Wirtschaftswelt so überschaubar und begrenzt war, dass jeder schnuckelig selbst vor sich hin wursteln und entscheiden konnte.

In den Sechzigern, als Oma und Opa noch die Klorolle mit Häkelschutz auf der Hutablage spazieren fuhren, lag Deutschlands Export unter zwanzig Prozent der Wirtschaftsleistung. Da lief die Konjunktur, weil vor allem im Inland Geld ausgegeben wurde. Und der deutsche Exportüberschuss erreichte süße 1,5 Prozent (1963). Damals wuchs die Wirtschaft fast automatisch mit real vier Prozent pro Jahr. Größere Geldbeträge gingen nur unter strengen Auflagen über Grenzen. Und die Finanzindustrie war noch keine.

Damals waren Exportüberschüsse mangels Masse eher egal. Da gab es keine Spekulationswellen oder Investoren, die gegen Währungen wetteten oder Regierende vor sich hertrieben. Kurz: Da konnte man noch meinen, dass sich halt jeder nur anstrengen muss, man nur die Ärmel hochzukrempeln hat. Und jeder selbst schuld ist, wenn die Wirtschaft Probleme hat. So wie das in den Statements mancher Regierungspartei noch heute zu lesen ist.

Die Welt hat sich bei uns verschuldet

Das Ding ist: Mittlerweile machen Deutschlands Exporte fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus. Da ist es wirtschaftlich einfach nicht mehr egal, ob es beim wichtigsten Handelspartner schlecht läuft – und vielleicht in ein paar Jahren eine Rechtsextreme regiert. Oder ob wir von den Nachbarn Austerität verlangen. Mal abgesehen davon, dass wir die Währung teilen. Ins kaputtgesparte Griechenland etwa exportieren deutsche Firmen heute massiv weniger als 2010.

Heute verkaufen deutsche Unternehmen für jährlich mehr als eine Viertelbillion Euro mehr ins Ausland, als sie dort kaufen – entspricht einem Überschuss von acht Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung. Was bedeutet, dass der Rest der Welt bei uns in der Summe von 2010 bis 2017 allein Waren und Dienstleistungen in Höhe von atemberaubenden 1,7 Billionen Euro mehr gekauft hat, als wir im Ausland gekauft haben. Das ist ökonomisch heller Wahnsinn, weil sich unsere Wirtschaft davon abhängig gemacht hat. Den Trumps und Le Pens dienen wir nicht ganz ohne Schuld als Sündenbock.

Den größten Unterschied zur deutschen Häkelrollenepoche macht die Finanzbranche. Nach Lehrbuch hätte auch in der Ultrageldwelt gelten sollen, dass jeder sich stets selbst verantwortet. Wie naiv das war, hat spätestens der große Crash von 2008 gezeigt. Als die US-Regierung Lehman Brothers eigenverantwortlich pleitegehen ließ, löste dies eine Schockwelle aus, die selbst Banken mitzog, die eigentlich noch relativ solide dastanden – und binnen Wochen eine fast weltweite Rezession, die Leute arbeitslos machte, die noch nie von Derivaten gehört hatten. Mit dem Folgeeffekt, dass vor lauter Banken- und Konjunkturrettung die Staatsschulden hochschnellten und die Krise in Europa zur Eurokrise mutierte.

All das hat mit klaren Verantwortlichkeiten nicht mehr viel zu tun. Da spielen Märkte irgendwann verrückt. Und das nicht nur in Extremlagen. Finanzinvestoren haben einen Hang, schon bei kleineren Geldbeben sichere Anlagehäfen anzusteuern. De facto gibt es im real existierenden Finanzkapitalismus Länder, die sich, weil sie ohnehin als sichere Häfen gelten, relativ viel leisten können – Beispiel USA oder Deutschland – und andere, denen schon bei kleineren Finanzbeben die hibbeligen Anleger weglaufen.

Womit wir bei der Eurokrise und Mario Sraghi und Emmanuel Macron wären – um nur einige zu nennen, die von deutscher Häkelökonomie nicht so viel halten. Wenn selbst relativ gut aufgestellte Länder durch die Eigendynamik von Finanzpaniken an den Rand des Staatsbankrotts geraten können, ist es absurd, blind auf eine No-Bailout-Klausel (also einer Regelung, die besagt, dass die Gemeinschaft nicht für die Schulden eines Landes aufkommt) zu pochen, wie sie in den Euro-Verträgen steht. Dann ist es in unserem Interesse, im akuten Fall andere zu retten (klar, nicht unter allen Umständen). Dann ist das eine nett gemeinte Klausel aus Zeiten, als man noch an die ewig effizienten Finanzmärkte glaubte – und an Omas Häkelkünste.

Gemeinsame Anleihen würden das Krisenrisiko reduzieren

Dann wird nachvollziehbar, warum es ernst zu nehmende Experten gut finden, ebenso ernst über Eurobonds nachzudenken – weil in der anfälligen Finanzwelt sonst immer wieder (vor allem) kleinere Länder mangels Bonus Opfer von unverhältnismäßig heftiger Kapitalflucht zu werden drohen und in der Rezession heillos Ausgaben kürzen – was alles nur noch schlimmer macht. Gemeinsame Anleihen auszugeben, würde das Risiko solcher Krisen reduzieren. Wer jedenfalls Eurobonds auf die plumpe Formel reduziert, dass da Schulden vergemeinschaftet werden, hat womöglich noch nicht ganz verstanden, in welcher Epoche wir heute leben.

Aus demselben Grund braucht es eine Notenbank als letzte Rettungsinstanz. Mario Draghi hat im Sommer 2012 zu Recht erklärt, dass er den Euro notfalls mit allen Mitteln retten wird: Damals drohte die Panikspirale eine immer tiefere Banken- und Staatsschuldenkrise zu bringen, die allmählich auch Länder wie Österreich und die Niederlande erfasste. Absurd.

Gerade die Deutschen sollten solche Bonds also nicht so schlecht finden – um nicht alle paar Jahre neue Euro-Dramen zu erleben. Und es ergibt auch einen Sinn, über ein größeres gemeinsames Budget der Euro-Länder nachzudenken, in das alle nach eigenem wirtschaftlichem Gewicht einzahlen – und das in Krisenfällen dann umso schneller genutzt werden kann, um Länder zu stabilisieren.

Zur Erinnerung: Es ist noch nicht so lange her, dass auch Deutschland über Jahre hinweg stagnierte – und sich totzusparen drohte. Da hätte so ein gemeinsames Budget geholfen.

Der AfD wird ja vorgeworfen, sie wolle wieder in die Sechzigerjahre zurück. Unser größeres Problem ist womöglich, dass maßgeblichere wirtschaftspolitisch Verantwortliche im Land die Zeitspanne mental noch gar nicht verlassen haben. Das könnte dann auch erklären, warum die halbe Welt über deutschen Hochmut und Ego-Reflexe staunt, als führe Opa bei uns noch mit der Häkelrolle auf der Hutablage durchs Land.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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