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Thomas Fricke: Unmut über Globalisierung – Kommerzbremse für den Fußball

27. Mai 2017

In Zeiten des Unmuts über die Globalisierung braucht es dringend kommerzreduzierte Zonen. Wie wäre es, wenn wir zunächst im Großgeld-Fußball den Kapitalismus mäßigen?

Es gibt gerade zwei wichtige Probleme. Das eine ist die Sache mit der Globalisierung und der Ungleichheit und den Auswüchsen des Primats der Wirtschaft. Das andere ist, dass zum Ende dieser Saison in Sachen Fußball allmählich ein gewisses Maß an Langeweile heranwächst.

Vielleicht wäre es gut, den Fußball zu einer Art kommerzreduzierter Zone zu machen. Das könnte den schleichenden Spannungsverlust umkehren – und so eine, sagen wir, kollektive Relaxzone bieten, in der es ausnahmsweise mal nicht so funktioniert, dass der, der ohnehin schon am meisten Geld hat (also einen reichen Onkel in Arabien oder die bayerische Version der schwäbischen Hausfrau), die anderen immer mehr abhängt.

Das Ding ist ja: Der FC Bayern München ist seit fünf Jahren nicht mehr kein Meister geworden, der Hamburger SV auch im gefühlt 897. Jahr nicht abgestiegen, derweil ein Getränkekonzern gezeigt hat, dass man einen Verein mit viel Geld in fünf Jahren aus der Regionalliga in die Champions League zwangsversetzen kann. Aus ähnlich schnöden Gründen gibt es in den beiden ersten Ligen Vereine, von denen man vor Kurzem noch nicht wusste, dass es die Örtchen überhaupt gibt oder dass dort gekickt wird. Während alte Traditionsvereine mangels Großgelds um die Existenz kämpfen und regelmäßig in Abwärtsspiralen geraten, weil mit jedem Abstieg wieder weniger Geld da ist – und weil es zu wenig irre Brausehersteller gibt.

In Europas großen Ligen gibt es 2017 keinen einzigen Meister, der nicht auch zu denen zählt, die dank Ölscheichs, anderer Magnaten oder Weltkonzernen das mit Abstand größte Geld hat. Von wegen Kultur.

Vereine mit ausgewiesener Fußballkultur

Jetzt wollen wir nicht wieder motzen, dass Fußballprofis am Tag gelegentlich mehr verdienen als die meisten Normalos in Jahren. Wer weiß, ob sich Cristiano Ronaldo sonst noch so hübsch anstrengen würde. Auch können wir keinem Verein verbieten, sich von politisch vergleichsweise unkorrekten Scheichs, Oligarchen oder Vertretern des Fußballhochkulturlands China kaufen zu lassen.

Vielleicht würde es aber schon ein bisschen helfen, einfach künftig zwei mehr oder weniger geschlossene Ligen zu machen, in denen nur Vereine mit ausgewiesener Fußballkultur spielen – nach festen Kriterien. Und aus denen auch keiner mehr absteigt, nur bei besonderer Befähigung einmal ein neuer dazu kommt. Mitspielen könnten dann nur noch Klubs, die nachweislich Fans haben, die auch zu den Spielen kommen.

Im Ernst: Wenn in der ersten Liga der großen Fußballnation Deutschland die Paarung Ingolstadt gegen Hoffenheim aufgerufen wird, elektrisiert das – außer in den anliegenden Dörfern – so gut wie keinen Menschen. Wobei das selbst auf den umliegenden Dörfern umstritten zu sein scheint: Der FC Ingolstadt brachte es diese Saison auf 14.600 Zuschauer im Schnitt. Da gibt es selbst in Liga drei noch etliche Vereine mit mehr Kultur. In der Autostadt Wolfsburg bemühten sich selbst bei Europapokalspielen gelegentlich weniger Leute ins schmucke Stadion als bei mancher Regionalligapartie.

Fast noch trauriger ist, wenn in der zweiten Bundesliga Vereine wie der SV Sandhausen spielen, zu deren Heimspielen im Schnitt diese Saison sage und schreibe 6730 Zuschauer kamen – und die, wenn sie auswärts auftreten, die Sogkraft eines Wattebällchens haben. Da gehen weniger Leute hin als zu den Spielen abgeschossener Traditionsvereine wie Rot-Weiss Essen oder Alemannia Aachen in der vierten Liga. Die Aachener brachten es in besagter Regionalliga vor zwei Jahren noch auf mehr als zehntausend – im Schnitt. Nicht so viel weniger als Ingolstadt in Deutschlands Top-Liga. Nur dass es aus Liga vier kaum noch möglich ist, wieder hochzukommen – wenn die Geldabwärtsspirale erst einmal in Gang gekommen ist.

Vorbild: Ausgerechnet Amerika

Wer mitspielen will, sollte auch sonst bewährte Kriterien des Fußballs erfüllen. Etwa dass die Fans auch zum Verein halten, wenn mal zwei Spiele nicht gewonnen werden – also die Zuschauerzahl in so einem Fall nicht um mehr als zehn Prozent zurückgehen darf. Oder man nicht vor Schlusspfiff geht, um schön schnell zu Hause zu sein (kleine Herausforderung an den FC Bayern). Dass mehr als fünf Leute zu Auswärtsspielen nach Aue fahren. Und dass die eigene Mannschaft nicht ausgepfiffen wird. Dann muss auch ein Verein aus Leipzig mitspielen – wegen der überragenden Fußballkultur, nicht weil sich ein Konzern da mal auspowern wollte.

Irre? Dass mit einer festen Zahl von Mannschaften gespielt wird, es also weder Auf- noch Absteiger gibt, ist beim Eishockey ja auch so, seit jeher etwa in der amerikanischen NHL (auch wenn das ansonsten, zugegeben, jetzt nicht der Idealfall einer unterkommerzialisierten Leibesübung ist). Der eindeutige Vorteil: Es gibt wieder mehr Spiele, die schon der Vereinsnamen wegen für Aufregung sorgen – was umgekehrt Kalkulationssicherheit schafft und dazu beiträgt, dass finanziell schwächere Klubs mit großer Tradition nicht so schnell unter die kommerziellen Räder kommen.

In der NHL gibt es übrigens auch Regeln, die dafür sorgen sollen, dass junge Talente über alle Vereine so verteilt sind, dass es spannend bleibt: Da dürfen die schlechtesten Vereine der Vorsaison sich als Erstes Spieler aus dem Pool der größten Talente aussuchen – meist die besten. Und es gibt diese Playoffs, in denen erst am Ende der Saison in Finalspielen ermittelt wird, wer Meister wird. Was wiederum verhindern würde, dass schon kurz nach Weihnachten wieder feststeht, dass der FC Bayern München, huch, Meister wird – und die Spannung am Ende der Saison sich nicht darauf reduziert, ob der Hamburger SV in die Relegation muss oder knapp nicht. Nur so als Vorschlag.

Jetzt würde das natürlich nicht alle Probleme lösen, die mit der Globalisierung verbunden sind. Und es wäre gerade für uns Deutsche ja die schlechteste Lösung, die Globalisierung jetzt wieder abzuschaffen (auch im Fußball). Aber vielleicht wäre es ein großartiger Beitrag, solche Inseln zu schaffen, auf denen Geld nicht alles andere platt macht. Nicht um von den wahren Problemen dramatisch gestiegener Ungleichheit und Ähnlichem abzulenken. Sondern um sich auf die wirklichen Probleme zu konzentrieren – und die Globalisierung nicht deshalb ganz kollabieren zu lassen, weil es dieses diffuse Gefühl gibt, dass alles nur noch von denen mit dem großen Geld bestimmt wird.


Offenlegung: Der Autor ist Mitglied des FC Barcelona und gebürtiger Anhänger von Alemannia Aachen.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Peter Heesch
    8. Juni 2017 um 11:18

    Wie wäre es mit einer Kapitalsteuer, gern Transaktionssteuer auf alle Kapitalansammlungen von Handel bis Maschinen, von Devisen bis Derivaten. Umso höher je unanständiger und bei Wucher und Straftat gern 100 %! Bei allgemeinnützlichen Transaktionen gern nahe Null. In Zeiten zunehmender Digitalisierung (ja auch in Deutschland spät aber es kommt so) ist dies ja autonom algorithmisch hinterlegbar. So ersparen wir uns auch unnötige Differenzierungen nach Fussball, Kultur … denn Arbeit ist als Produktionsfaktor humansystemrelevant, Kapital muß ansonsten Arbeit finanzieren, sofern obsolet z.B. durch Maschinen/ Künstliche Intelligenz als Ersatz.

    mfG
    PH

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