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Thomas Fricke: Kohls Vermächtnis – Falsche Lehren aus Einheit und Euro

23. Juni 2017

Helmut Kohl hat Wiedervereinigung und Euro erfolgreich durchgezogen – so wie er das für richtig hielt. Ob das so gut und richtig war, ist eine andere Frage. Höchste Zeit für ein geprüftes Gütesiegel über historische Verdienste.

Wir haben ja für alles irgendwie Zertifikate und Gütesiegel, bei denen amtlich geprüfte Ingenieure lange überlegen, was genau erfüllt sein muss, damit etwas wirklich ausgezeichnet werden darf. Ob Kühlschränke, schadstoffarme Matratzen, fairer Kaffee oder Schnittblumen. Nur wer und was sich fürs Geschichtsbuch qualifiziert, scheint gemessen daran eher per Zuruf entschieden zu werden – unter Lemmingen und mit garantiertem Zuschlag für Gewinner, die einer alten Losung folgend den Ton der Geschichtsschreibung ohnehin stets bestimmen.

Jetzt wollen wir damit nicht die Ehrerbietung für Helmut Kohl miesmachen. Verrückt an dieser Art Geschichtsschreibung ist aber, dass Dinge und Leute ins Historische gehievt werden, bevor die Geschichte überhaupt genügend Abstand nehmen konnte. So wird es fast unmöglich, aus dem einen oder anderen historischen Unsinn noch die richtigen Schlüsse für künftige Generationen zu ziehen.

Sofort zertifizieren ließe sich im Falle Helmut Kohls, dass er die deutsche Vereinigung so durchgezogen hat, wie ihm das im Herbst 1989 in den Kopf kam: schnell und ohne Rücksicht auf Bedenkenträger. Oder dass er gegen Widerstand die Eurowährung beschließen ließ. Das hätte nicht jeder hinbekommen. Historische Leistung.

Nur heißt das noch nicht, dass das so richtig war und etwa die Einheit besonders gut gelungen ist – oder der Euro. Eine Leistung ist nicht zwingend ein Verdienst. Auch Donald Trump leistet gerade viel.

Würden politisch-ökonomisch hoch qualifizierte Ingenieure die Sache prüfen, kämen sie womöglich zu einem anderen Befund als die Schnappatmungs-Geschichtsschreiber: Dass es im Herbst 1989 vielleicht doch noch möglich gewesen wäre, Währungsunion und Einheit weniger brutal durchziehen zu lassen. Das hätte, wie es die sanftere Entwicklung in Tschechien oder Polen vermuten lässt, den Kollaps der ostdeutschen Wirtschaft vermeiden können.

Fünfzehn Jahre Krise

Das hätte verhindern helfen können, dass beide Teile Deutschlands ein gutes Vierteljahrhundert später noch in so vielem gespalten sind. Es hätte dem Westen gut 15 Jahre Finanzierungs- und Sozialkassenkrise ersparen können. Auch hätte die Konjunktur nicht zuerst so dramatisch überhitzt und es hätte nicht solche Lohnexzesse gegeben, die dann dazu beitrugen, dass Deutschland über viele Jahre zum „kranken Mann“ wurde.

Es hätte nach der hastigen Einheit auch nicht so eine Blase am Bau gegeben, deren Platzen danach zehn Jahre die gesamte Wirtschaft belastete. Und es hätte 1992/93 wohl auch keinen Beinahe-Kollaps des Europäischen Währungssystems gegeben, weil die Deutschen nicht mit so hohen Zinsen alle anderen mit ins Kriseln gezogen hätten.

Bei solider Prüfung würde sich womöglich herausstellen, dass die deutsche Wirtschaft nicht ganz zufällig ab Mitte der Nullerjahre wieder zu wachsen begann – genau zu der Zeit, als all die Nachwirkungen der Vereinigung nach 15 Jahren allmählich weg, die Baukrise ausgestanden und die Kostenlasten für Wirtschaft und Staat bewältigt waren. Das hatte mit Schröder und seiner Agenda nur bedingt zu tun (noch so ein Fall eiliger Geschichtsschreibung). Nur dass all das natürlich nicht als Folge der Einheit deklariert wurde – weil, na ja, Kanzler der Einheit, Verdienst, historisch, also, äh: keine Widerrede. Danke, „Bild“-Zeitung.

Es kommt einem Tabuisierungswunder gleich, dass die Geschichte-to-go-Schreiber über all das so gelinde hinweggegangen sind – um rosig dem Kanzler der Einheit zu lobhuldigen.

Jetzt könnte man noch sagen, dass das nicht mehr so wichtig ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns in absehbarer Zeit mal wieder ein Land beitreten will, ist ja eher überschaubar. Nur taugt das Beispiel vom deutschen Wiederaufstieg dann eben auch nicht so sehr als Vorbild für andere Länder – anders als es mancher hiesige Lehrmeister gerade Franzosen, Griechen oder Italienern erklärt. Auch eine mögliche Lehre zertifizierter Geschichte. Was sollen die aus unseren Einheitsfehlern lernen?

Von der Wirklichkeit überholt

Als relevanter könnte sich eine Gütesiegelprüfung für die Sache mit Kohl und dem Euro erweisen. Zumal hier, anders als bei der Einheit, sehr viel mehr Skeptiker unterwegs sind. Eine deutsche Erklärung lautet dabei, dass im Grunde alle Probleme am fehlenden Stabilitätseifer des Südeuropäers liegen – rums! Die haben sich nicht an unsere Regeln gehalten.

Eine andere Erklärung wäre, dass einfach die Regeln, die Gevatter Kohl einst unter lautem Stabilitätsgezeter durchdrücken ließ, von der Wirklichkeit im 21. Jahrhundert überholt wurden. Erst stellte sich heraus, dass es selbst die Deutschen inmitten einer tiefen Krise nicht schaffen, ihre Staatsdefizite so rabiat zu reduzieren und dass das im Aufschwung viel besser geht (weshalb der Deutsche die Regeln damals lockerte, nicht der Südeuropäer).

Dann kam die globale Finanzkrise – ein Systemschock, mit dem weder die Eurogestalter noch ihre zeternden Kritiker in den Neunzigern je gerechnet hatten. Seither gilt rund um den Globus, dass Regierungen angesichts akut drohender Depression besser Geld ausgeben – und es schlauer ist, Staatsdefizite für eine Zeit auszuweiten, um sie später zu senken, wie es die Amerikaner seitdem vorgemacht haben. Anders als es Kohls Stabilitätsapostel in der schönen Zeit vor sich hingeträumt hatten. Historisch daneben.

Ebenso abwegig wirkt in der neuen Finanzkrisenwelt, eine Schönwetterregel aus Kohls Zeiten einzuhalten, die per se verbietet, andere Länder zu retten (No-Bailout) – weil sich plötzlich zeigte, dass es in der zweifelhaft modernen Finanzwelt wieder zu Abwärtsspiralen kommen kann, die einzelne Länder und Banken gar nicht mehr in den Griff kriegen. Was passiert, wenn man die dann fallen lässt, hat sich 2008 nach der Pleite von Lehmann Brothers gezeigt.

Nicht immer neue Diktate

Kohl kommt in beiden Erklärungsvarianten nicht gut weg. Für die Frage nach den richtigen Reformen wäre es aber auch hier ganz gut, mal ein paar TÜV-Leute daranzusetzen. Sollten die alten D-Mark-Fans damit recht haben, dass die anderen einfach nicht zu uns passen, hätte das naheliegende Konsequenzen. Wobei sich diese sehr deutsche These als nicht richtig belastbar erweisen könnte und das Problem heute ja eben nicht in Hochinflation und -zinsen liegt, wie die Mark-affinen Professoren einst orakelten.

Sollte die historische Zertifizierung mehr dahingehen, dass Kohl und seine Leute vor lauter deutscher Manie einst Regeln festgelegt haben, die weder für uns, noch in der heutigen Finanzwelt und nach ökonomischem Kenntnisstand sinnvoll sind, ist die Lehre eine ganz andere. Dann bräuchte es nicht immer neue Diktate und Belehrungen und Rausschmissforderungen, sondern hilfreichere Ideen dafür, wie sich ein Auseinanderdriften künftig vermeiden ließe – ob über gemeinsame Eurobudgets, die in Krisenlagen genutzt werden können; oder eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung, die gewährleistet, dass Länder in konjunktureller Krise nicht auch noch Geldprobleme kriegen und alle anderen dann mit ins Verderben ziehen.

Klar, die Prüfung historischer wirtschaftspolitischer Verdienste ist nicht so ganz mit Tests zur Belastbarkeit von Matratzen oder Schnittblumen vergleichbar. Ein bisschen mehr Anspruch täte uns aber gut, wenn es ums Historische geht. Allein der Lernfortschritte wegen.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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