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Thomas Fricke: G20-Gipfel – Deutschland, ein vorbildlicher Problemfall

7. Juli 2017

Exportrekorde, kein Staatsdefizit, eine krisenfeste Kanzlerin: Gut möglich, dass mancher G20-Gast beim Deutschlandbesuch vor Neid platzt. Den Eindruck sollten wir dringend zurechtrücken.

Wenn die buckelige Verwandtschaft kommt, muss alles schön aufgeräumt sein. Da kriegen Peter und Ilse weiße Hemdchen an. Der schrullige Opa erhält Redeverbot. Die nöligen Kids von Stiefonkel Gerd kommen zum Spielen so lange in den Keller. Und der gute Gastgeber übt sich natürlich vornehm selbstbescheiden.

So ähnlich ist das auch bei G20-Gipfeln, wenn Besuch aus aller Welt kommt. Da heißen Peter und Ilse Olaf und Angela. Die vorlaute Verwandtschaft kommt nicht in den Keller, kriegt aber Zeltverbot im Park. Perfekt. Nur was die bescheidene Selbsthervorhebung angeht, gibt es imGastgeberland gerade gelegentlich noch etwas – sagen wir – Potenzial.

Sollte der eine oder andere G20-Delegierte zur Vorbereitung seines Deutschlandbesuchs die hiesigen Zeitungen konsultiert haben, kann der Eindruck eines nahezu unerträglich perfekten Gastlandes entstanden sein: Das Exportmeister ist, keine neuen Staatsschulden macht, (fast) keine Populisten mehr hat und im Grunde auch weit fortgeschritten ist bei der Entwicklung ewigen Lebens – zumindest im Kanzleramt. Mehr politische Stabilität geht eigentlich gar nicht. Ein Land, wo Meisterfußballer und Kanzler der Einheit geboren werden. Und wo Leute nur deshalb keine vernünftige Arbeit haben, weil sie sich nicht richtig ausbilden.

Wer kann schon behaupten, dass es seinem Land einfach „gut geht“ (amtliche CDU/CSU-Diagnose)? Mit so einem Satz wäre Donald Trump nie US-Präsident geworden.

All das ist natürlich schön, schafft allerdings auch Neid – wenn ungefähr 99 Prozent der Gäste weder Exportrekorde noch schwarze Nullen, dafür aber Probleme mit Populisten haben. Wirklich? Vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt dafür, den Eindruck zurechtzurücken.

Wir könnten neidische Delegierte zum Beispiel darauf aufmerksam machen, dass unsere Kanzlerin tief im Inneren eine Art höchste Repräsentantin des Understatements ist, bei uns aber nun mal gerade Wahlkampf sei – und dies bei einem Teil der Regierungsanhängerschaft zu der einen oder anderen Wahrnehmungsstörung führt.

Etwa zu diesem Gefühl, dass es den Menschen bei uns besser geht als allen, die jemals hier gelebt haben. Obwohl ja Forscher sagen, dass es gar nicht so sicher ist, ob die Menschen in der Steinzeit nicht glücklicher waren (sogar ohne Merkel). Und dass wir überhaupt keine Probleme mit dem Globalisieren haben. Was natürlich auch nicht stimmt – in einem Exportland, in dem ein großer Teil der Leute denkt, dass die Globalisierung für sie keine Vorteile bringt.

Ziemlich viele Niedriglöhner

In Wirklichkeit hätten wir, so könnte man entgegnen, ähnlich viele Bevölkerungsgruppen wie in den USA von Trump oder in Brexitannien, die seit Jahrzehnten keine realen Einkommenszuwächse mehr hatten. Und dass wir international sogar vorbildlich sind, was den Anteil derer angeht, die Niedriglöhne beziehen, von denen kein Mensch auf Dauer gut leben kann. So etwas schaffen sonst nur Entwicklungsländer. Schon ist der Delegierte wieder im Boot.

Zu den kuriosen Irrtümern zähle zudem, dass wir angeblich immer noch Exportweltmeister seien – kleines Bildungsproblem. Die meisten Exporte von Waren machen – mit Unterbrechungen – seit Jahren schon die Chinesen, nicht wir. Und nimmt man dazu, was an Dienstleistungen exportiert wird, sind derzeit Amerikaner und Chinesen mit einer globalen Quote von 10,8 Prozent klar vorn – und wir mit 7,6 Prozent ziemlich klar dahinter. Was nicht schlimm ist, da wir als Land de facto ja auch ein bisschen kleiner sind.

Wenn wir vorn liegen, dann dabei, sehr viel mehr zu exportieren als zu importieren: also beim Leistungsbilanzüberschuss, der mit umgerechnet 260 Milliarden Dollar dieses Jahr fast 100 Milliarden höher ausfällt als bei den Chinesen. Was weniger daran liegt, dass unsere Industrie immer wettbewerbsfähiger geworden ist, wie hiesige Kirmesökonomen immer wieder verlautbaren – sondern weil wir einfach für so ein großes Land viel zu wenig im Ausland kaufen. „The German problem“, wie der britische „Economist“ pünktlich zum Gipfel heute titelt.

An Wettbewerbsfähigkeit haben wir im Gegenteil in den vergangenen Jahren kaum noch gewonnen – die Exporte stiegen seit 2012 in etwa so, wie die durchschnittliche Importnachfrage auf allen Absatzmärkten im Ausland. Seit 2011 lag das Plus bei jährlich etwas mehr als mickrigen zwei Prozent – auch eine Folge der schleichenden Entglobalisierung.

Auch dies mag den einen oder anderen noch neidisch machen. Die Frage ist nur, ob Deutschlands Modell in der neuen Zeit gedämpfter Globalisierung und beschleunigter Digitalisierung noch funktioniert.

Es gibt also genug Anlass für eine sehr viel kritischere Betrachtung Deutschlands. Und die Liste etwas weniger glorreicher Befunde ließe sich bei Bedarf natürlich noch verlängern.

Klar haben wir einen ausgeglichenen Haushalt. Nur hat unser Finanzminister hierzulande dafür nie die Austerität gemacht, für die er sich gern feiern lässt. Ohne die unverhofften mehr als 200 Milliarden Euro, die Schäuble dank der Niedrigzinsen gespart hat, für die er Europas Notenbankchef Mario Draghi so sparpublikumswirksam ausschimpft, hätten wir Deutschen natürlich auch keine schwarze Null. Weshalb wir deshalb auch nur sehr bedingt als Vorbild taugen. Glück gehabt.

Im Grunde sind wir gerade zwar in einer schönen Lage, ansonsten aber ein eigentlich doch auch recht normales Land. Das wird viele Delegierte freuen.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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