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Fabian Fritzsche: Aufstieg und (absehbares) Ende der BRICS

14. Juli 2017

Wer der Meinung ist, Worte allein können nicht viel bewegen, sollte sich die Geschichte der BRIC(S) ansehen. Ende 2001 führte Jim O’Neill, der Chefvolkswirt von Goldman-Sachs das Akronym BRIC für die drei Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien und China ein und verwendete diese Bezeichnung in einer Reihe von Veröffentlichungen. Die damalige Überlegung war, dass diese vier Staaten in praktisch allen von O‘Neill unterstellten Szenarien künftig ein größeres Gewicht an der Welt-Wirtschaftsleistung haben werden als bisher und vor allem mehr als manch G7-Staat.

Die Abkürzung kam dann immer mehr in Mode und wurde auch von verantwortlichen Politikern der entsprechenden Staaten immer wieder aufgegriffen und nachdem es zunächst eher informelle Treffen gab, finden seit 2009 formelle, jährliche Gipfeltreffen statt. Als Jim O’Neill das Akronym einführte, hatten diese fünf Staaten zusammen ein Gewicht von 8% am Welt-BIP, Ende 2016 waren es 22%. Aus einem Akronym in einem volkswirtschaftlichen Arbeitspapier einer Bank wurde so ein formeller Zusammenschluss von – zumindest damals – aufstrebenden Industrienationen. Ende 2010 wurde zu dieser Vierergruppe auch noch Südafrika aufgenommen, so dass aus den BRIC die BRICS wurden. Diese Gruppe ist mittlerweile allgemein als Zusammenschluss akzeptiert und strebt regelmäßig eigene Initiativen wie etwa die Gründung der New Development Bank als Alternative zur Weltbank an. Weitere Staaten haben Interesse signalisiert, sich der Gruppe anschließen zu wollen.

Wortschöpfung und Zusammenschluss können bislang also als voller Erfolg angesehen werden. Ein – wenn auch weiterhin eher lockerer – Zusammenschluss von mehreren Volkswirtschaften ist an sich noch nichts außergewöhnliches, davon gibt es schließlich viele. Dass aber die BRICS ein Erfolg sind, ist dann doch ungewöhnlich, denn es handelt sich um fünf in jeder Hinsicht komplett unterschiedliche Volkswirtschaften. Sowohl ökonomisch als auch politisch gibt es eher wenige gemeinsame Interessen, außer derjenigen, einen Gegenpol zu den großen westlichen Industrienationen plus Japan zu bilden. Solange es für alle bergauf geht und es keine größeren Interessengegensätze gibt, sind wenige Gemeinsamkeiten noch kein grundsätzliches Problem. Als die BRIC(S) in Mode kamen, wiesen alle vier bzw. fünf überdurchschnittlich hohe und recht stabile Wachstumsraten auf, die Kluft zum Westen wurde immer kleiner. Gemessen in USD blieben zudem die Anteile innerhalb der BRICS recht konstant. Chinas Anteil schwankte lange Zeit um 50%, während Brasilien, Indien und Russland jeweils zwischen 15% und 20% Anteil am „BRIC-Kuchen“ hatten.

Diese Voraussetzungen haben sich aber in den letzten Jahren massiv verändert. Brasilien und Russland verlassen gerade ganz langsam eine Dauerrezession, ohne dass jedoch das Dauerchaos in Brasilien und die Abhängigkeit Russlands von den – zuletzt erneut gesunkenen – Rohstoffpreisen beendet wären. Russlands Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung der BRICS lag zuletzt bei nur noch 7,6%, der Anteil Brasiliens bei 10,7% und Südafrika war von Anfang an selbst innerhalb dieses Kreises ökonomisch nahezu irrelevant. Und trotz relativ hoher Wachstumsraten ist der Anteil Indiens von rund 18% auf gut 13% gesunken. China hingegen dominiert immer mehr.

Das spiegelt sich nicht nur in den Anteilen am BIP wider, sondern auch im Handel unterer einander. Brasilien wickelt zwar mittlerweile ein Drittel seiner Exporte und über ein Viertel seiner Importe mit den anderen BRICS-Ländern ab, allerdings nahezu 90% davon mit China. Russland wiederum wickelt gerade einmal 13% seiner Exporte und gut ein Fünftel der Importe mit anderen BRICS-Ländern ab, die BRICS spielen für den russischen Handel also ohnehin schon eine untergeordnete Rolle. Von diesen eher geringen Exporten gehen knapp 90% nach China und von den Importen aus den BRICS stammen über 70% aus China. Im Falle von Indien gehen zwar „nur“ 60% der BRICS-Exporte nach China, aber lediglich 7% aller indischen Exporte gehen überhaupt in die BRICS. Ohne Berücksichtigung von China gibt es nur minimalen Handel untereinander, gerade einmal 5% bis 10% des jeweiligen Handelsvolumens entfallen auf die BRICS und dies mit bestenfalls stabiler, eher sinkender Tendenz.

Bekanntermaßen sind Prognosen immer dann besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen, es spricht allerdings sehr viel dafür, dass China und möglicherweise Indien bis auf weiteres deutlich stärker wachsen werden als die anderen in dieser Gruppe. Ökonomisches Gewicht bringt aber üblicherweise politisches Gewicht mit sich. Die BRICS werden so immer mehr zu einer Gruppe, in der ein Land die gesamte ökonomische und einen immer größeren Teil der politischen Macht auf sich konzentriert und in der die anderen Mitglieder zudem wenig miteinander zu tun haben. Eine solche Organisation ist aber kaum auf Dauer als aktive Organisation vorstellbar. Schon jetzt ist eine Entscheidung gegen China selbst bei Übereinstimmung der anderen vier Mitglieder praktisch ausgeschlossen, während China umgekehrt keinerlei Rücksicht nehmen muss; entweder tragen die anderen vier eine Initiative mit oder China führt diese alleine aus. Da die anderen vier zudem sehr wenig Handel miteinander treiben und praktisch keine gemeinsamen (geo-)politischen  Interessen haben, wird sich immer mehr die Frage stellen, welchen Sinn dieses Bündnis hat. Spätestens wenn es zu territorialen Spannungen zwischen Indien und China kommt, wird es die erste Belastungsprobe geben.

Anders als sich gerade im alternativen Lager viele erhoffen, werden die BRICS somit kein Puzzlestein in einer neuen, multi-polaren Welt sein, sondern eine Zwischenetappe zu einer neuen bi-polaren Welt mit China als zweitem Schwergewicht. Das muss weder politisch noch ökonomisch für den Rest der Welt zum Problem werden. Es wird sich aber voraussichtlich zeigen, dass etwa die zukünftigen Bedingungen des Welthandels nicht etwa in einem multi-polaren Dialog bestimmt werden, sondern von zwei Großmächten und vielleicht noch der EU.

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