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David Milleker: Beginnender (Konjunktur-)kater in Großbritannien

1. August 2017

Nach der Entscheidung der Briten im Juni 2016, die EU zu verlassen, wurde vielerorts zunächst ein unmittelbarer Konjunktureinbruch prognostiziert. Stichwort Unsicherheitsschock. Gute sechs Monate lang schien die britische Wirtschaft oberflächlich betrachtet „über Wasser laufen zu können“ – die Wachstumsraten blieben auf anhaltend hohem Niveau. Seit Jahresbeginn 2017 läuft es aber nicht mehr rund, Tendenz deutlich abnehmend.

Hier lohnt es sich, ein bisschen tiefer zu schauen. Den Unsicherheitsschock gab es tatsächlich – bei den Investitionen der Unternehmen. Der britische Außenhandel reagiert typischerweise wenig bis gar nicht auf den Wechselkurs und dann auch mit langer Verzögerung, die Pfund-Abwertung seit dem Brexit-Votum hilft also kaum. Was die britische Konjunktur am Laufen gehalten hat, waren primär die privaten Haushalte mit ihrem Konsum. Die werden aber derzeit nicht nur von langsamer wachsenden Löhnen und abwertungsbedingt anziehenden Verbraucherpreisen in die Zange genommen. Ihnen geht auch dadurch die Luft aus, dass die Sparquote sehr schnell und deutlich von 5,9% auf 1,7% (den tiefsten je gemessenen Stand) gefallen ist. Selbst wenn die Sparquote auf dem heutigen Niveau verharrt, bedeutet dies bei realen Einkommenszuwächsen von 0% eine Stagnation im letzten verbliebenen Wachstumstreiber der britischen Wirtschaft.
An dieser Stelle bestätigt sich wieder einmal das Diktum des deutsch-amerikanischen Ökonomen Rüdiger Dornbusch: Krisen lassen länger auf sich warten als man denkt, und dann passiert alles viel schneller als gedacht.

So wurde unser eigenes Szenario einer merklichen, aber eher korrosiven Abschwächung (gegenüber dem unmittelbaren Zusammenbruch) der Wirtschaftsdynamik durch die Brexit-Entscheidung zunächst von der Realität deutlich übertroffen. Jetzt stehen wir aber wohl vor einer deutlich stärkeren Abschwächung, als mit diesem Szenario vereinbar ist.

Die Bank of England hat es mit einer sehr unerquicklichen Gemengelage zu tun. Die Inflationsraten sind abwertungsbedingt deutlich angestiegen. Zusätzlich verkomplizieren dies die nicht besonders gut verankerten Inflationserwartungen der Verbraucher, die zuletzt deutlich angestiegen sind. Einen recht ähnlichen Anflug von Stagflation hatten wir auf den Inseln auch schon einmal 2010 bis 2012. Auch die Treiber waren die gleichen. Erst Abwertung und dann eine hartnäckig erhöhte Inflation aufgrund gestiegener Inflationserwartungen. Die tröstliche Botschaft von damals: Ohne kräftige Lohnanstiege bildet sich die Inflation über kurz oder lang auch wieder zurück.

Rein konjunkturell wäre die britische Zentralbank also mit dem gleichen Kurs wie damals gut beraten. Auch damals gab es Stimmen, die transitorischen Inflationseffekte mit Zinserhöhungen zu bekämpfen. Trotz realwirtschaftlicher Stagnation. Natürlich stimmt das Argument, dass die Dynamik der Verbraucherkredite stark zugenommen hat – als logischer Gegenposten zur fallenden Sparquote. Eine steigende Sparquote kann sich Großbritannien allerdings nur um den Preis einer weiter einbrechenden Konjunktur leisten.
Wie man es auch dreht und wendet: An einem konjunkturellen Kater führt kein Weg mehr vorbei.

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