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Thomas Fricke: Streit um Elektromobil – Deutschlands naiver Glaube an den Autogott

18. August 2017

Seit Martin Schulz die Quote für Elektroautos fordert, poltern die deutschen Gralshüter: Der Staat könne doch nicht vorgeben, was ökonomisch richtig ist. Das regele schon der Markt. Wirklich?

Wenn es ums Auto geht, hört in Deutschland der Spaß schnell auf. Etwa, wenn wie dieser Tage debattiert, ob, wie und wie schnell bei uns künftig (alle) Autos mit Elektromotoren fahren sollten – und ob der Vorschlag vom Kanzlerkandidaten der SPD, eine feste Quote für E-Mobile einzuführen, nicht völlig irre ist.

Gepoltert haben vor allem die Gralshüter des marktwirtschaftlichen Reinheitsgebots. So eine weit reichende Entscheidung könnten (und dürften) staatliche Institutionen (und Kanzlerkandidaten) gar nicht treffen. Das sei doch „Planwirtschaft“, ängstigt sich eine Dame von der ganz schön liberalen FDP. Da sind die Sowjets nicht mehr weit.

Klar. Nicht ganz auszuschließen. Mit ein bisschen Fantasie. Nur: Was ist, wenn sich bei so einer Entscheidung nach etlichen Jahren mittlerweile abzeichnet, dass die freie Wirtschaft es auch nicht so recht weiß – und in ewigem Warten darauf zu erstarren droht, dass der liebe Autogott jetzt mal sagt, wo’s hingehen soll. E-Auto oder doch nicht E-Auto. Oder nur bessere Altautos. So wie das im realen Leben gerade tatsächlich der Fall zu sein scheint.

Klar ist einem jetzt nicht so ganz und gar wohl bei dem Gedanken, dass ein oder mehrere Beamte in einem Ministerium aus gesicherter Distanz zur Werkshalle festlegen könnten, welche Motoren künftig zu bauen sind und wie viele wir davon kaufen müssen (wobei das ohnehin ja so nicht geht).

Nach Lehrbuch Marktwirtschaft ist es besser, wenn sich Produktion und Absatz irgendwie automatisch daraus ergeben, wer im Land was nach freien Stücken nachfragt – und wer was für wie viel anbieten kann. Dann sollten all die Kenntnisse und Möglichkeiten wie wundersam wuselig einen neuen Fuhrpark gebären. Super Idee.

Große Innovationen kamen häufig vom Militär

In den allermeisten Fällen funktioniert das heilige Prinzip auch super. Das Problem beginnt, wenn auch die Marktkräfte beim Wuseln nicht so richtig zu Potte kommen. Dass große Innovationen wie vom Marktgott in die Welt kommen, ist eine zwar eifrig gelehrte, aber gewagte These. Es gibt in der Geschichte nicht so viele Beispiele von großen technologischen Neuerungen, in denen staatliche Stellen nicht mindestens mitgewirkt haben – und bei denen diese öffentlichen Einrichtung mit der mehr oder weniger aktiven Verteidigung des Landes betraut waren.

Dass das de facto selbst fürs iPhone gilt, hat die Ökonomin Mariana Mazzucato in ihrem Buch (Deutsch: „Das Kapital des Staates“) eindrucksvoll dargelegt. Ohne entsprechende Basisforschung unter Militäraufsicht hätte es maßgebliche Bestandteile gar nicht gegeben, die Apple dann nutzen konnte, um ein schickes Ding draus zu machen – oder zumindest nicht so früh. Da hat Väterchen Staat in den USA ordentlich nachgeholfen. Diese Forschung selbst zu betreiben, wäre für Apple viel zu teuer gewesen. Ein typischer Fall. Oft sind die Anfangsinvestitionen für einzelne Unternehmen viel zu hoch – angesichts der zu Beginn oft unsicheren Gewinnaussichten.

Warum die Wirtschaft an der Aufgabe wirklich großer Innovationen häufig scheitert, lässt sich am akuten Automobil-Fall toll zeigen. Was es kosten würde, am ollen Verbrennungsmotor allzu lang festzuhalten, ist so schwer zu berechnen, dass es beim täglichen Wirken der Marktkräfte kaum eine Rolle spielt – also beim Anbieten und Nachfragen von Autos. Damit fehlt aber auch ein akuter Anreiz, in neue Technik zu investieren.

Das wirkt fatal, weil gerade am Anfang ziemlich große Investitionen nötig wären: Damit sich die vermeintlich bessere Technologie durchsetzt, müsste so viel in ein neues Elektro-Tankstellennetz oder neue bessere Batterietechnologie oder emissionsärmere Energiequellen für die Batterien investiert werden, dass die Sache schnell zum Dilemma wird – und geworden ist.

Atemberaubend naiv

Solange es kein ausgebautes Stromtankstellennetz gibt, werden nur Exoten ihr Geld für ein Elektroauto ausgeben (oder solche, die gar kein Auto brauchen). Solange aber die Nachfrage fehlt, lohnt es auch nicht, so viel mehr Geld in die Entwicklung besserer Elektroautos zu investieren. So lange bleiben die Dinger auch ziemlich teuer. Und so lange gibt es auch nur eine begrenzte Zahl von Leuten, die solche Kisten kaufen. Und so weiter. Was auch das vermeintliche Zaubermittel Quote ein bisschen entzaubert – solange es kein Tankstellennetz gibt.

Da hilft auch der penetrant nölige Verweis wenig, dass Elektroautos auch keine bessere Umweltbilanz haben, wenn der Strom noch aus Kohle oder ähnlichem Zeug kommt. Ja, klar. Nur muss dann halt beides vorangetrieben und noch mehr erneuerbarer Strom produziert werden. Selbst die Energiewende taugt als Abschreckungsbeispiel für staatliches Steuern nur bedingt. Da wurde zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Geld in Subventionen für Erneuerbare gesteckt als nötig. Nur ist die Frage grundsätzlich ja, ob es den Technologieschub bei Solar- und Windanlagen nach freiem Marktwirken überhaupt gegeben hätte. Die Kinder danken.

Unter solchen Umständen einfach auf das freie Wirken des Marktes zu zählen, wie es vermeintliche Wirtschaftsexperten aus Union und FDP vor sich her poltern, hat etwas ziemlich atemberaubend Naives. Zumal andere da mittlerweile davon ziehen. Die Chinesen haben nicht lange gefragt, ob die Sache mit den Grundsätzen ordnungspolitischer Lehren vereinbar ist – da gibt die Regierung die Quote jetzt einfach vor. Mit potenziell schwerwiegenden Folgen für deutsche Anbieter. Und: Druck gibt es auch von Marktseite – von Tesla aus Amerika.

Die Frage ist nicht mehr, ob der Staat, sprich: die gewählten Volksvertreter, sich bei solch großen Fragen einmischen sollten, sondern wie – und wie sie das besser hinbekommen. Das neu zu definieren, ist schon eine große Aufgabe. Wie Mariana Mazzucato eindrucksvoll dargelegt hat, hat das naiv-liberale Doppeldogma vom schlauen Markt und dummen Staat über zwei Jahrzehnte so zweifelhaft (nach-)gewirkt, dass in den Behörden tatsächlich heute immer weniger und weniger kompetente Leute sitzen – die in der Tat dann zunehmend überfordert sind mit weitreichenderen technologischen Fragen.

Dringend nötig wäre es deshalb, Top-Leute aus der Wissenschaft anzuwerben, so Mazzucato. Und besser zu verstehen, bis zu welchem Punkt staatliche Hilfen sinnvoll sind, um private Innovationen anzutreiben oder Blockaden zu lösen. Und wie sich das Risiko falscher Anreize trotzdem auf ein Minimum reduzieren lässt. Wie bei der großen Frage nach dem Automobil der Zukunft.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Olaf Schilgen
    19. August 2017 um 14:23

    Wunderbare Kolumne – sehr gut, Finger liegt genau in der Wunde. Genau das ist nötig, mehr gute Regierungsarbeit -.leider aber verrennen sich die Top-Politiker lieber in einem nie zu gewinnenden Wettlauf der höchsten Versprechungen für (je nach Klientel) das meiste mehr an Geld …

    Stattdessen wäre es wichtiger und rictiger, wirklich überzeugende Politik auch umzusetzen.

    Bei der E-Mobilität beispielsweise das mindestens so große Problem des Aufbaus der Ladeinfrastruktur mal konsequent anzugehen.

    Denn eines ist klar, die Schnellladesäulen europaweit, die können die Hersteller selbst noch installieren. Aber die Nachladeinfrastruktur in den Millionen von Parkplätzen Zug um Zug mal mit einfachster Lademöglichkeit für das Übernacht-Laden auszustatten, geht nicht ohne staatliche Regulierung.
    Denn dort ist das Problem: Es wird keinen Investor geben, der das tut – da es bei Vollkostenrechnung schlicht kein Geschäftsmodell aus dem Betrieb solcher Übernachtlader gibt.

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