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Thomas Fricke: Zehn Jahre Finanzkrise – Der nächste Kollaps kommt bestimmt

27. August 2017

Zehn Jahre nach dem Beginn des Jahrhundert-Crashs herrscht trügerische Ruhe – und der Finanzstaatssekretär kümmert sich lieber um die Hipster. Dabei hat sich an den tieferen Ursachen des Finanzdesasters so gut wie nichts geändert.

Jens Spahn ist Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen. Das ist nicht immer sofort erkennbar, wenn man liest, womit der CDU-Politiker so Schlagzeilen macht. Also etwa der Eingebung, dass Hipster zu viel Englisch sprechen. Eine Frage, die sehr wichtig ist, aber zum Beispiel die Krisenanfälligkeit des globalen Finanzsystems nur sehr indirekt beeinflusst.

Dabei gäbe es für Herrn Spahn gerade Potenzial, mit ministerial-fachgerechten Vorschlägen Schlagzeilen zu machen, was wir zehn Jahre später aus einer Finanzkrise zu lernen haben, die uns um ein Haar in die Dreißigerjahre zurückgeworfen hätte – und wie sich mit richtig großen Reformen so etwas künftig verhindern ließe. Der Mann hat immerhin mal bei einer Bank gelernt. Und es ist ja nicht so, dass der Aufbau eines vernünftigen Finanzsystems ohne Krisenautomatik in den vergangenen Jahren so viel eindrucksvoller vorwärts gekommen wäre als, sagen wir, der mögliche Berliner Flughafen. Kein gutes Omen für die Zukunft unserer Kinder.

Das Irre ist, dass es – selbst zehn Jahre, nachdem im Sommer 2007 das historische Desaster mit folgenden Bankenpleiten und globaler Rezession begann – noch ziemlich abenteuerlich profane Vorstellungen davon gibt, was der Grund für die Krise war.

In Deutschland, mehr als anderswo, scheint vor allem die Deutung hängen geblieben, dass es am Ende um das Fehlverhalten einzelner Banker oder (aller) Griechen ging – und dass man die nur ordentlich maßregeln muss, dann ist die Welt wieder gut. Bosbachnomics. Rührend.

In der Zeit seit 2007 hat sich etliche Male gezeigt, wie viel mehr dahinter steckt, wenn Finanzmärkte verrückt spielen. Dass nicht nur einzelne Halunken dem Hype vor dem Crash gefolgt sind, sondern auch ganz nette Sparer. Dass noch in den Tagen vor der Eskalation 2008 die Ausfallrisiken für Banken als historisch minimal gehandelt wurden. Oder dass es nach dem Crash plötzlich auch jene traf, die vorher gar nichts groß falsch gemacht hatten – kleinere Banken, Sparkassen, Mittelständler und viele Normalos, die rund um den Globus wegen der Folgen des Crashs ihren Job verloren. Eine sich verselbstständigende Panikspirale, wie sie Banken und Finanzmärkte seit jeher immer wieder produzieren.

Falsche Kritik an Draghi

Natürlich hat auch das, was die Griechen erleben, nur zu einem Teil mit ihrem eigenen Fehlverhalten zu tun – dass die Eurokrise eskalierte, lag auch am typischen Verhalten von Finanzmarktjongleuren, wenn Panik ausbricht (da wird rasch fast alles abgestoßen); und daran, dass gerade deutsche Politiker lange zu verhindern versuchten, die Panik mit unkonventionellen Hilfen zu stoppen. In dem fatalen Glauben, dass die Griechen nur genug sparen müssten, damit die Krise aufhört. Natürlich war es da Gold wert, dass die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Chef Mario Draghi interveniert haben, um die immer gefährlicher werdende Euro-Panik zu stoppen. Es gehört zu den Grotesken dieser Zeit, dass Draghi dafür in deutschen Landen gescholten wird, als wäre er Mitglied einer geldpolitischen Terrorzelle.

Der tiefere Grund für die stetig gewachsenen Finanzdesaster der vergangenen Jahrzehnte liegt in eben jenem fatalen Mix aus irrer Masse der täglichen Finanzgeschäfte einerseits und sporadischem Wechsel zwischen Exzessen und anschließenden Panikkrisen andererseits. Anders als die Vordenker der Finanzglobalisierung einmal versprochen hatten, neigen Finanzmärkte eben nicht dazu, stets einigermaßen rational anzubieten und nachzufragen – und daraus einen heiligen richtigen Preis für Finanzwerte zu erzeugen. Stattdessen folgen die Finanzanleger gerne der Herde, neigen dazu, etwas hochzuhypen und anschließend davonzurennen. Das ist menschlich. So wie beim Aktiencrash 1987, dem Immobiliencrash in Japan Ende der Achtzigerjahre, der Schwellenländerkrise 1997 und 1998, der New-Economy-Krise 2000 – oder dem Crash ab 2007 eben. Trend: zunehmend fatal. Was vor allem an den irre gewachsenen Ausmaßen der Finanzgeschäfte liegt.

Abgekoppelt von der realen Welt

Zu den großen Problemen unserer Zeit zählt seither, dass die Finanzwelt ziemlich abgekoppelt von der Realwelt ist. Und dass es dank reichlich Kreativität und Fantasie für professionelle Finanzzauberer immer wieder höhere Renditen verspricht, Geld und Gewinne in Finanzprodukte zu investieren – statt damit neue Werkshallen, Büros und reale Jobs zu schaffen. Und dass diese gelegentlich ziemlich erratisch reagierenden Finanzmärkte (trotzdem) Regierungen vor sich hertreiben – wenn diese nicht das ein oder andere reformieren. Ohne dass diese Finanzleute wirklich besser zu wissen scheinen, ob diese oder jene Reformen helfen. Und ohne für die Folgen irgendwann demokratisch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Auf Dauer ein Irrsinn.

Natürlich hat sich seit Sommer 2007 eine Menge geändert, auch in der Finanzwelt. In den USA sind eine Menge Banken verschwunden. Über Grenzen hinweg geben die Geldhäuser kaum noch Kredite – ein regelrechter Kollaps des internationalen Geschäfts. Überall wurde dies und das reguliert, sind Richtlinien für die Kreditvergabe verschärft oder Grenzen für Boni gesetzt worden. Kreditinstitute müssen (etwas) mehr Geld als Sicherheit halten. In Großbritannien kann die Notenbank bei Verdacht zunehmender Exzesse eingreifen. Dank Intervention der Notenbanken ist auch die latente Panik erst einmal behoben.

Besinnliche Vormerkelwahlzeit

Am Irrsinn an sich hat all das allerdings nur sehr bedingt etwas geändert. Das Bankgeschäft konzentriert sich jetzt (noch) stärker auf wenige Akteure – tückisch. Nach wie vor werden Tag für Tag weltweit Devisen im Wert von rund fünf Billionen US-Dollar gehandelt. Damit könnte man in vier Tagen den kompletten weltweiten Warenhandel eines ganzen Jahres abwickeln. Die restlichen 360 Tage sind reines Hin- und Herschieben von Spekulationsgeld. Da muss man ganz tief an die Wunderkraft von Finanzmärkten glauben, um zu finden, dass dies nötig ist, um effizient Wechselkurse zu ermitteln.

Ähnliches gilt für Derivate-Geschäfte, die ebenfalls kaum nachgelassen haben. Und Banken müssen trotz Anhebung der Quoten auch künftig nur einen ziemlich kleinen Teil Eigenkapital halten, was heißt, dass sie nach wie vor mit wenig Mitteln für ziemlich viel Schulden sorgen können. Auch auf den Immobilienmärkten gibt es bisher wenig, was neue Exzesse verhindern könnte.

Die Tücke von Finanzkrisen liegt darin, dass es nachher immer alle gewusst haben – nur vorher nicht. In guten Zeiten gibt es immer genug Bereitschaft und Fantasie, vermeintliche Exzesse als völlig normal einzustufen. Das war beim New-Economy-Hype so, als alle Welt normal fand, dass Finanzinvestoren immer mehr Geld in Garagenfirmen ohne jede Gewinnaussicht steckten – bis die Blase platzte. Und das war auch vor dem Crash so, der 2007 begann.

Heute gibt es Leute, die mit viel Eifer erklären, dass es normal ist, wenn Aktienkurse derzeit um sage und schreibe die Hälfte höher liegen als 2008 (als sie wahrscheinlich auch schon eher überhöht waren). Obwohl die Wirtschaftsleistung in Deutschland gerade ein Fünftel höher ist als damals – und auch die Weltwirtschaft so schwach wächst wie seit Jahrzehnten nicht. Ach, heißt es da, gemessen an den Gewinnen seien die Kurse gar nicht (zu) hoch. Klar: Nur sind die hohen Gewinne der Unternehmen bei kaum noch wachsenden Masseneinkommen möglicherweise auch ein Symptom dafür, dass etwas schiefläuft und auf Dauer nicht tragbar ist. Mal sehen, ob die Illusion hält.

Angesichts fast unverändert großer Masse an Finanzgeschäften und offenbar kaum verändertem Hang, Herdentrieben zu folgen, wird die nächste große Finanzkrise nicht ewig auf sich warten lassen. Um das zu verhindern, bräuchte es viel radikalere Reformen, der Umfang der Finanzgeschäfte müsste deutlich schrumpfen (nicht unbedingt die Banken) – und automatische Stoppmechanismen müssten einsetzen, sobald die Frühwarnsignale für exzessives Geldmachen zunehmen. All das halt, was Jens Spahn aus dem Ministerium mit der Verantwortung für die Stabilität des Finanzsystems sicher bald vorstellen und so Schlagzeilen machen wird.

Na gut, nur ein Scherz. Wir wollen ja nicht von wichtigeren Dingen ablenken – die Hipster, klar. Und auch die besinnliche Vormerkelwahlzeit (früher nannte man das noch etwas unschön Wahlkampf) nicht stören. Merkel-Land 2017. Viel Glück, Deutschland.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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