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Thomas Fricke: Katalonien-Konflikt – Die Schuld der Euro-Krisenmanager

13. Oktober 2017

Was gerade in Katalonien passiert, wirkt wie ein rein innerspanischer Streit um Sprache und Geld. Tatsächlich ist der Konflikt auch eine Folge der globalen Finanzkrise – und des deutschen Euro-Krisenmanagements.

Was der katalanische Möchtegern-Separatist Carles Puigdemont und der spanische Rumtata-Regierungschef Mariano Rajov Tag für Tag darbieten, wirkt aus der Ferne wie ein bizarres Stück spanischer Kulturkampf. Da geht es um Sprachrechte und Verfassungsparagraphen und innerspanische Überweisungen. Und schlichten Machtpoker. Wie in einer Soap. Etwas irreal.

Dabei steckt hinter dem, was da bedrohlich zu eskalieren droht, mehr als nur (gefährliche) innerspanische Folklore. Und nur sehr wenig Plausibles, was eine Unabhängigkeit Kataloniens begründen könnte. Dass es in dem irren Kampf so weit kommen konnte, hat auch damit zu tun, was Finanzdebakel und Euro-Krisenmanager an gesellschaftlichen Schäden hinterlassen haben. Und daran sind nicht nur Spanier schuld.

Selbstverständlich ist das Verhältnis zwischen Katalanen und anderen Spaniern historisch belastet. Allerdings sind diese Lasten auch instrumentalisiert worden. Mittlerweile wird in jeder Kaschemme katalanisch geredet – und die Sache hat sich ins Gegenteil verkehrt. Wer nicht Katalanisch redet, wird im Zweifel gemaßregelt. Komisches Verständnis von Freiheitskampf.

An der Sprachunterdrückung zulasten der Katalanen kann es nicht mehr liegen. Und eigentlich auch nicht mehr an mangelnden Rechten. Es gibt wenige Staaten, die ihren Regionen so viel Autonomie eingeräumt haben, wie Spanien. Geht immer mehr, klar. Nur muss man dafür keinen Bürgerkrieg riskieren. Selbst das Geschimpfe über Madrids Korruptionsanfälligkeit klingt bizarr, seit ehemalige katalanische Regierungsmitglieder genau dabei erwischt worden sind.

Bliebe die Frage, ob Katalonien vielleicht doch wirtschaftlich unterdrückt ist. Was ja nicht unbedingt naheliegt, wenn es um die reichste Region des Landes geht. Wenn überhaupt, scheint der Unmut sich daran zu entzünden, (vermeintlich) zu viel Geld für ärmere Regionen in Spanien zu zahlen, etwa für die Andalusier.

Das passt dann aber doch nicht mehr zum Image vom unterdrückten katalanischen Volk. Also alles nur Geiz?

Es zahlt sich aus, ärmeren Regionen zu helfen

Zwar zahlen Katalanen mehr in die spanische Kegelkasse ein, als sie bekommen. Nur sei so etwas für eine reiche Region an sich ja normal, sagt Jürgen Donges, Spanienkenner und lange im deutschen Wirtschafts-Sachverständigenrat. Ärmeren Regionen zu helfen, zahlt sich ökonomisch in der Regel ja auch aus.

Wie Donges und Kollegen vom Madrider Instituto de Estudios Económicos auf Basis katalanischer Daten berechneten, lagen Kataloniens Nettozahlungen mit acht Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung niedriger als die der Region Madrid mit fast elf Prozent. Immer noch ordentlich, klar. Nur auch kein Grund, sich gleich komplett zu verabschieden. Sonst hätten wir längst ein Königreich Seehofer (okay, warum nicht). Und Katalonien hätte nie via EU Geld von uns bekommen.

De facto sei die katalanische Wirtschaft so stark mit dem Rest Spaniens verflochten, dass es rskant wäre, die Verbindungen in Gefahr zu bringen, schreiben die Kieler Ökonomen Claus-Friedrich Laaser und Klaus Schrader. Einen Eindruck davon haben die Katalanen bekommen, als jetzt reihenweise Firmen ihren Sitz aus der Region verlagert haben, weil sie Chaos fürchten.

Dass das Unabhängigkeitsdogma just in den vergangenen Jahren so populär werden konnte, muss andere Gründe haben als historisch lang zurückliegende Vorfälle oder vermeintlich zu hohe Transfers.

Bevor 2007 die Immobilienblase platzte und das globale Finanzdebakel begann, lief es in ganz Spanien wie in Katalonien fast paradiesisch – mit historisch niedriger Arbeitslosigkeit und boomender Wirtschaft. Und? Damals waren Umfragen zufolge gerade 15 Prozent der Katalanen dafür, einen unabhängigen Staat zu bekommen (siehe Grafik). Eine Splittergruppe.

Dann schnellte in der Krise die Arbeitslosenquote hoch, im Landesschnitt 2011 erstmals wieder auf mehr als 20 Prozent, in Katalonien auf zeitweise 23 Prozent. Und? Mit jedem Jahr zunehmender Jobkrise stieg in Katalonien der Anteil derer, die für die Loslösung waren – obwohl ja wenig dafür spricht, dass die globale Krise mit mangelnder Unabhängigkeit Kataloniens zu tun hatte. Auf dem Höhepunkt der Krise 2013 waren plötzlich 45 Prozent für einen unabhängigen Staat – ein Trend, den die organisierten Loslöser zu nutzen wussten, um jenen Prozess loszutreten, der jetzt zu eskalieren droht.

Wie sehr die Eskalation mit just dieser Krise zu tun hat, lässt sich auch daran festmachen, wie stark das Poltern für einen eigenen Staat heute unter jüngeren Katalanen verfängt, also denen, die am stärksten vom Platzen der Finanzblase getroffen wurden; etwa ein Drittel ist heute noch arbeitslos. Und daran, dass die Quoten der Catalanistas tendenziell in den Umfragen wieder zurückgehen, seit auch die Arbeitslosigkeit tendenziell wieder fällt. Ein Indiz dafür, wie sich ein allzu irrer separatistischer Eifer jenseits der akuten Krise wieder auffangen ließe.

Europäisches Desaster

Wenn das stimmt, gehört zur Wahrheit auch, dass Europas Krisenmanager auf Umwegen zum Debakel beigetragen haben. Denn: Es spricht heute eine Menge dafür, dass Wolfgang Schäuble und Kollegen in der akuten Panik viel zu viel Druck auf Krisenregierungen in Madrid und anderswo gemacht haben, mehr oder weniger heillos Ausgaben zu kürzen, statt sachte zu reformieren – was die Rezession nach vielen gängigen Diagnosen eindeutig und unnötig verlängert hat. So lange, bis es für die Catalinistas reichte, hinreichend vielen unzufriedenen Katalanen weiszumachen, dass an allem Unbill der böse Spanier schuld ist. Siehe oben.

Zurückgegangen sind Arbeitslosen- und Zustimmungsquoten für den katalanischen Staat erst, seit 2013 die große Austerität zu Ende ging und die Wirtschaft seither auch wieder zu wachsen begann. Spät. Zu spät, um das aktuelle Drama noch zu verhindern – in dem sich die Herren Puigdemont und Rajoy nun gegenseitig hochschaukeln.

Ein europäisches Desaster – an dem auch unser Bundesfinanzminister und Austeritätsmeister dann nicht ganz unschuldig ist. Höchste Zeit dafür zu sorgen, dass sehr viel mehr Verlierer der Krise sehr viel schneller wieder zu Gewinnern werden. Nicht nur in Katalonien. Und in unserem Interesse. Sonst werden wir bald noch viel mehr Zeit mit Sezessionskämpfern verbringen.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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