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Thomas Fricke: Rekordgewinne in Deutschland – Liebe Unternehmer, was macht ihr mit all dem Geld?

4. November 2017

Deutschlands Firmen nehmen viel mehr ein, als sie ausgeben. Klingt gut, ist aber ein Problem – denn es wird zu wenig investiert. Die nächste Regierung könnte mit einer einfachen Maßnahme gegensteuern.

Als Gerhard Schröder anno 2003 verkündete, Deutschland bekomme eine Agenda, schien der Befund klar: Für Unternehmen lohnte es hierzulande nicht mehr zu investieren. Zu hohe Kosten, zu viel Bürokratie – oder anders formuliert: zu wenig Gewinnaussichten. Also mussten Steuern gesenkt, Bürokratie gelockert und Unternehmen irgendwie entlastet werden. Damit die Wirtschaft wieder Gewinne macht – und so das Geld hat, um in Jobs und Maschinen und Büros zu investieren.

Rund 15 Jahre später kann von Gewinnmangel wahrlich keine Rede mehr sein. Der Befund scheint ein ganz anderer: Deutschlands Unternehmen nehmen heute stetig mehr ein, als sie ausgeben. So viel wie nie zuvor sogar. Nur dass sie deshalb nicht ebenso rekordverdächtig mehr investieren – anders als einst versprochen. Der Verdacht drängt sich sogar auf, dass so hohe Gewinne eher Symptom dafür sind, dass etwas schiefläuft, was dringend zu korrigieren ist. Auftrag an Jamaika.

Das Phänomen hat etwas so Umwerfendes, dass sich Deutschlands Wirtschaftsforschungsinstitute im jüngsten Herbstgutachten extra damit beschäftigten. Befund: Noch Ende der Neunzigerjahre gaben die Unternehmen im Land durchschnittlich mehr aus als sie einnahmen – im Schnitt in Höhe von zwei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Nach Start der Agenda-Arbeiten 2003 kamen erstmals durchschnittlich wieder Überschüsse heraus, die 2010 zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts übertrafen – und seither auf enorme fast vier Prozent des BIP gewachsen sind.

Mehr noch: Der Anteil dieses verdienten Geldes, der wieder ausgeschüttet wird, nimmt seit Jahren stark ab. Ein großer Teil kommt sozusagen unters Kopfkissen. Oder in die Badewanne, wie bei Dagobert Duck.

Die Unternehmen ersetzen kaum noch ihre verfallende Substanz

Nun wollen wir jedem Unternehmer seinen Gewinn gönnen. Basiskurs Marktwirtschaft: Nur wer Gewinn machen kann, ist bereit, dafür auch Geld zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Gut so. Problematisch ist die Summe – und sind die volkswirtschaftlichen Kehrseiten.
  • Problem eins: Wenn Unternehmen viel mehr verdienen als sie ausgeben, kann das daran liegen, dass ihre Einnahmen so toll sind – oder sie einfach zu wenig ausgeben, also in die Zukunft investieren. Und stattdessen horten. Dann haben Profite irgendwann etwas Pathologisches. Und in der Tat: Während die Gewinne so enorm wuchsen, ersetzten die Firmen in Deutschland kaum noch die verfallende Substanz an Bauten und Ausrüstungen – obwohl nach altem Ökonomendogma die Gewinne von heute die Investitionen von morgen sein sollten.
  • Problem zwei: Wenn die Unternehmen alles in allem schätzungsweise 110 Milliarden Euro mehr einnehmen als sie ausgeben, wie das derzeit jährlich der Fall ist, muss es (andere) Leute geben, die alles in allem 110 Milliarden weniger einnehmen als sie ausgeben (mal angenommen, das Geld kommt nicht vom Mars, was nach aktuellem Stand der Forschung nicht der Fall zu sein scheint). Heißt: die entsprechend viel Schulden machen. Anders geht’s nicht. Dann muss entweder der Staat mehr ausgeben als einnehmen – was er bekanntlich in Schäubleland nicht mehr so gern tut. Oder wir Otto Normalbürger. Dazu käm’s noch. Also auch nicht.

Dritte mögliche Variante: die hohen Schulden, die den hiesigen Rekordgewinnen gegenüberstehen, macht vor allem der Rest der Welt mit uns. Bingo. Was wiederum zum Befund passt, dass wir ja deutlich mehr ins Ausland exportieren als von dort kaufen: die Sache mit dem (zu Recht) ständig kritisierten deutschen Exportüberschuss.

Privathaushalte sollten mehr einnehmen als ausgeben

Hier liegen ökonomisch die größten Tücken. Auf Dauer tragbar und vernünftig wäre, wenn die Verhältnisse eher umgekehrt sind: die Privathaushalte sollten mehr einnehmen als ausgeben – damit sie sparen und fürs Alter zurücklegen können; während die Unternehmen in die Zukunft investieren, also per Saldo dafür Geld aufnehmen; gegenüber dem Ausland wären mehr oder weniger ausgeglichene Salden am besten. So steht es in den Lehrbüchern. Es ergibt ja keinen Sinn, wenn andere Staaten irgendwann kriseln, weil sie zu viele Schulden bei uns haben – nur damit unsere Wirtschaft so schön viele Gewinne machen kann.

Für Deutschlands künftige Regierende ließen sich aus derlei Gewinnpathologie wichtige Orientierungshilfen ableiten. Klar wäre es unsinnig, jetzt alles zu tun, damit die Firmen im Land keine Gewinne mehr machen. Also Kosten erhöhen und so. Anti-Agenda. Krise. Noch gefährlicher wäre aber, die Dagobert-Duckonomie fortzuschreiben. Oder Unternehmen auch noch zu entlasten, weil sie angeblich zu viel Steuern zahlen und daher (immer noch) nicht genug Geld haben. Das ist gaga, liebe Freunde von der FDP. Deutschlands Wirtschaft verdient so viel wie nie – und investiert trotzdem nicht ansatzweise so beeindruckend. Da werden auch noch so viele Steuergeschenke nicht viel helfen.

Was helfen würde, wäre etwas Anderes: künftig (nur noch) jene Unternehmen zu belohnen, die ihr verdientes Geld auch wieder investieren und dem Land damit Gutes tun, für mehr Jobs und Einkommen sorgen. Was sich etwa dadurch beschleunigen ließe, dass Betriebe alle neuen Investitionen schneller abschreiben dürfen.

So wie das früher schon mal der Fall war – bevor in Deutschland via Agenda das Dogma einzog, wonach es reicht, den Unternehmen nur möglichst hohe Gewinne zu ermöglichen. Und die Unternehmen aufhörten zu investieren.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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