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Thomas Fricke: Kulturelle Unterschiede – Wer mit Bayern klarkommt, kann auch Europa

Die Bayern führen bisweilen befremdlich wirkende Rituale auf. Das zeigt, wie viel Multikulti wir Deutschen vertragen. Gut, dass uns andere Europäer nachweislich vertrauter sind.

Klar, es gibt auch anderswo mal Clinch, wer jetzt Chef werden soll. Und sicher gibt es auch anderswo schon mal Politiker, die kuriose Vorschläge machen – wie den, (nur) Ausländer dafür zahlen zu lassen, dass wir schöne Autobahnen haben (und sich dann zu wundern, dass die Ausländer nicht mit Hingabe, sagen wir, Flüchtlinge von uns übernehmen). Gut.

Trotzdem. Irgendwas scheint bei unseren bayerischen Freunden anders. Das drückt sich ja nicht nur in eigenwilligen politischen Praktiken aus, sondern auch in fundamentaler ausgeprägten religiösen Ritualen. Musikalischen Vorlieben. Oder Trachtenlook.

Wer mit Bayern klarkommt, kann auch Europa

Jetzt ist das Interessante daran, dass wir mit so viel innerdeutschem Multikulti alles in allem ja trotzdem klarkommen – jedenfalls noch (es hat alles seine Obergrenzen). Obwohl wir, wie neue Studien nahelegen, menschlich sogar mehr mit manchem Spanier oder Portugiesen gemein haben als mit einem nennenswerten Teil der Leute bei uns – wenn es etwa um kulturelle Werte und die Einstellung zum Leben geht. Was dann wiederum hoffen lässt, dass gar nicht so viel dagegenspricht, mit den anderen in Europa noch mehr gemeinsame Sachen zu machen. Etwa mit Herrn Macron.

Anders als es gelegentlich an deutschen Stammtischen erörtert wird, wo es bekanntlich immer heißt, dass die Europäer schon für einen gemeinsamen Euro einfach zu verschieden sind. Von wegen. Wer mit Bayern klarkommt, kann auch Europa.

Um besagte soziokulturelle Unterschiede zu messen, wertete eine Forschergruppe um den Harvard-Ökonomen Alberto Alesina einen Riesensatz von Daten aus, die aus Umfragen unter Europäern aus 16 Ländern stammten. Darin wurden die Leute zu ihren religiösen Glaubenssätzen ebenso befragt, wie dazu, was sie beim Thema Sexualität für moralisch halten – oder wie sie Gleichberechtigung so finden. Und was grundsätzlich der Staat tun und lassen sollte. Und wie sie es mit Fleiß und Selbstlosigkeit halten. Und so weiter.

Die Ergebnisse brachten die Ökonomen auf eine Formel, die misst, wie stark sich die Antworten im Schnitt unterscheiden. Also ob innerhalb eines Landes oder von einem Land zum anderen alle Menschen in etwa dieselben Einstellungen haben – oder diese stark auseinandergehen.

Kaum Unterschiede bei den Spaniern

Das Erstaunliche: Die Einstellungen und Präferenzen driften zwischen einzelnen Ländern kaum stärker auseinander als zwischen den Bevölkerungsgruppen eines Landes. Das gilt für die Deutschen, bei denen es intern ein etwa ebenso großes Auseinanderdriften der Antworten zu Religion, Sexualität, Staat und so weiter gibt wie zwischen den Deutschen als Gesamtheit und etwa den Spaniern und Portugiesen. Und natürlich den Österreichern und Niederländern, die uns einfach stark ähneln.

Der Befund gilt selbst für die Briten, die sich standesbedingt ebenfalls untereinander gar nicht so viel grüner sind als mit den so liebevoll gehassten Kontinentaleuropäern. Oder für die Spanier, bei denen auffällt, dass sie wiederum relativ wenig Abweichungen in den Antworten untereinander haben – nicht ganz das, was jene Ultra-Katalanen gerade behaupten, denen zufolge Spanien im Grunde kulturell überhaupt gar nicht zu Katalonien gehört. Ne, klar.

Die Pinke macht’s, klar

Die Ökonomen testeten zudem, wie stark all das schlicht mit dem sozialen und wirtschaftlichen Status zu tun hat – und siehe da: Die Pinke macht’s, klar. Leute mit ähnlichem Status haben grenzüberschreitend sehr viel ähnlichere Werte als mit Höher- oder Minderbemittelten innerhalb des eigenen Landes. Sprich: Ein deutscher Arzt ist eher auf einer Wellenlänge mit einem, sagen wir, Arzt oder Anwalt aus Frankreich oder Spanien, als mit einer Postbotin aus Hagen. Die trifft man in der Regel ja auch weder hierzulande noch in Portugal beim Sundowner im Golfklub. Womöglich hat ein Münchner Ingenieur auch mehr gemeinsame Werte mit einem Kollegen aus Mailand, als mit einem Architekten aus Berlin.

Alles in allem, so ergaben die Berechnungen von Alesina und Kollegen, unterscheiden sich die Europäer untereinander nicht stärker als die Amerikaner. Wie ähnliche Umfragen ergaben, liegen die Antworten dort zwischen Leuten aus, sagen wir, Texas und Michigan ähnlich weit auseinander wie bei uns.

Dass hinter all diesen Ergebnissen keine Multikulti-Willkür steckt, zeigen die Vergleichsergebnisse, die von den Forschern etwa für die Türkei ermittelt wurden. Danach gibt es zwischen den Türken deutlich weniger Unterschiede als zwischen ihnen und anderen in Europa. Weniger nah, als man vermuten sollte, sind sich auch Spanier und Italiener, die bei uns gern in einen Club Med gedacht werden.

Natürlich gibt es andere Dinge, die den Unterschied zwischen Nationen ausmachen, so Alesina und Co. Klar, die Sprache. Oder Staatszugehörigkeit und Geschichte. Nur ist es nicht ganz unwichtig, die Sachen nicht durcheinanderzubringen. Was Kultur, politische Präferenzen oder nationale Interessen angeht, sind sich die Europäer womöglich doch viel ähnlicher als es manches Gebrabbel über angeblich unvereinbare Mentalitäten und Fähigkeiten vermuten lässt.

Und dann geht es für Europa um etwas Anderes: eine europäische Identität aufzubauen, so Alesina und Kollegen. Warum nicht? Gut möglich, dass das gar nicht so schwer ist – wenn zwei Menschen, die in Berlin und Paris leben, im Täglichen mehr eint, als im innerdeutschen Vergleich einen, sagen wir, Punk aus Kreuzberg mit Florian Silbereisen (wobei). Oder eben Horst Seehofer mit Markus Söder.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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