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David Milleker: Arbeitsproduktivität: das fehlende Puzzlestück

Das Jahr 2017 bot eine sehr angenehme Abwechslung zur schwierigen Lage der Weltwirtschaft, wie sie seit dem Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren die Norm war. Synchrones Wachstum rund um den Globus, ein fast auf Vorkrisenniveau anziehender Welthandel und politische Risiken, die sich zum Glück weitgehend dann letztlich nicht einstellten – oder kurz: die Rückkehr von ein wenig Vorkrisennormalität. Es wäre schön, wenn es unverändert so weiterginge. Und zumindest für das kommende Jahr sieht es erfreulicherweise danach aus.

Für die Zeit nach 2018 gibt es allerdings ein paar Fragezeichen, was die Wachstumstreiber auf der Angebotsseite angeht. Die Jahre nach der Finanzkrise waren in einer ganzen Reihe von Volkswirtschaften zwar von schwächlichem Wachstum, aber deutlichen Rückgängen der Arbeitslosenquote gekennzeichnet – so in den USA, Japan und Großbritannien. Dort liegt diese inzwischen auf historischen Tiefständen. Zwar fällt die Arbeitslosenquote auch in Europa stetig, doch dauert es hier noch Jahre, bis man überhaupt zum Vorkrisenniveau zurückgekehrt ist.

Betrachten wir die Situation in den USA ein wenig näher: Schreibt man dort den Trend der jüngeren Vergangenheit fort, würde die Arbeitslosenquote bis Ende 2019 auf etwa 2% gefallen sein. Nun gibt es am dortigen Arbeitsmarkt ohnehin eine ganze Reihe von Auffälligkeiten. So sind etwa acht Millionen Amerikaner im besten Erwerbsalter aus der Statistik „verschwunden“. Sie haben keine Arbeit und suchen auch keine. Und trotz der niedrigen Arbeitslosenquote und offenen Stellen auf Rekordniveau steigen die Löhne nicht wirklich stark.

Damit gibt es grundsätzlich nur drei denkbare Szenarien für nachhaltiges Wachstum. Erstens: Es gelingt, diese „Verschwundenen“ irgendwie wieder an den Arbeitsmarkt zu holen. Zweitens: Das Wachstum pendelt sich auf einem Niveau ein, welches mit einer stabilen Arbeitslosenquote einhergeht – etwa 1,5%. Drittens: Ein unverändertes Wachstum wird mit einem geringeren Beschäftigungsaufbau realisiert.

Hier soll es vor allem um diese dritte Variante gehen. Der Ökonomenjargon spricht vom Produktivitätswachstum. Dieses war bisher im laufenden Konjunkturzyklus so schwach wie kaum jemals zuvor. Positiv gewendet, wurden besonders viele Arbeitsplätze je Einheit Wirtschaftswachstum geschaffen. Negativ gewendet, wurde je zusätzlichem Arbeitsplatz sehr wenig Mehrwert geschaffen. Der Begriff ist also ein wenig ambivalent. Mit der geringen Produktivität gehen Phänomene einher, die sehr prägend für diesen Zyklus waren. Etwa die geringen Lohnzuwächse, die trotzdem hoch genug waren, die Profitabilität der Unternehmen negativ zu tangieren. Oder eben das doch eher moderate Wirtschaftswachstum von 2,1% in den USA bei rapidem Stellenaufbau.

Woher diese Produktivitätsschwäche genau kommt, ist unklar. Auf der einen Seite stehen die (Technologie-)Pessimisten, die argumentieren, alle wesentlichen Erfindungen seien schon gemacht. Auf der anderen die Optimisten, die wahlweise von einer Unterschätzung des Wachstums gerade in der Digitalwirtschaft sprechen oder davon ausgehen, Digitalisierung und Automatisierung seien halt noch nicht überall angekommen. Und dazwischen eine Reihe von anderen Erklärungen: Etwa, dass das Tempo, mit dem verfügbare Technologien zum Einsatz kommen, sich temporär verlangsamt habe (eher optimistisch). Oder, dass neue Technologien sich nur mit immer höherem Ressourceneinsatz finden und implementieren ließen (eher pessimistisch).

Die ehrliche Antwort darauf muss lauten, dass wir die Gründe aktuell nicht wirklich gut abschätzen können. Eines jedoch ist klar: Es muss sich bei der bei Arbeitsproduktivität oder der Erwerbsbeteiligung in den USA etwas tun, um den Wachstumspfad der vergangenen Jahre fortsetzen zu können. In Japan und Großbritannien gilt das vor allem für die Arbeitsproduktivität, weil sich dort bei der Erwerbsbeteiligung schon sehr viel getan hat. Von daher sollte man mit Blick auf die Fortsetzung des Konjunkturzyklus wesentlich auch darauf schauen.

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