Startseite > Chefökonom > Thomas Fricke: Deutschland 2017 – Drei Wirtschaftsrätsel für Aschenbrödel

Thomas Fricke: Deutschland 2017 – Drei Wirtschaftsrätsel für Aschenbrödel

22. Dezember 2017

Die Wirtschaft läuft wie Hulle. Trotzdem schimpfen in Deutschland alle über jeden. Ein paar Argumente, mit denen Sie hitzige Diskussionen unterm Weihnachtsbaum gewinnen.

Was für ein komisches Fest. Deutschlands Wirtschaft wächst mit mehr als zwei Prozent so stark wie zuletzt vor vielen Jahren. Die Unternehmen melden Auftragsrekorde. Die Deutschen geben erstmals wieder deutlich mehr Geld aus. Und es wurden netto mehr als 600.000 vollwertige Jobs im Land geschaffen – Zehnjahresrekord. Die Arbeitslosenquote nähert sich immer neuen Rekordtiefs. Das eine oder andere Land zieht gerade wahrscheinlich in Erwägung, mit uns zu tauschen.

Und was machen die Deutschen? Wählen statt Frau Ich-mach-das-schon-Merkel übellaunig alle möglichen Grüppchen, die jetzt entweder nicht regieren wollen oder es nicht können.

Jetzt sollen die Ollen wieder ran, von denen wiederum die einen eigentlich versprochen hatten, gar nicht mehr zu regieren – und die auch keiner so richtig will. Deutschland 2017. Rätselhaft – und mit hohem Störpotenzial für die Familienzusammenkunft am Heiligen Abend, jenem traditionsreichen Moment für ritualisierte politische Bekundungen. Irgendwann kommt die Rede ja doch immer auf die Lage im Land.

Besser, Sie wissen, wie Sie drohenden Entgleisungen argumentativ begegnen und drohenden Familienstreit kanalisieren können. Gerade für den Fall, dass bei Ihnen, sagen wir, jemand wie Hans-Werner Sinn sitzt – also Familienangehörige, die dem Fach der konventionellen Ökonomie zuneigen. Um Konflikte zu entschärfen, eignet sich übrigens eine Stilform besonders gut: die des Rätsels.

Rätsel Nummer 1: Die Wachstumsfrage

Wie kann es sein, dass die Wirtschaft so gut lief, nachdem uns Ende vergangenen Jahres alle eher Unheil prophezeit hatten? Wegen Trump und so. Es gab Ende 2016 in der Tat keinen einzigen professionellen Prognostiker, der für dieses Jahr zwei oder sogar mehr Prozent Wirtschaftswachstum vorhergesagt hatte.

Schon gar nicht unsere Wirtschaftsweisen, die ja schon seit Jahren über falsche Wirtschaftspolitik klagen: über die Euro-Rettungsaktionen von Mario Draghi samt fürchterlicher Nullzinsen; über Regelverstöße von Euroländern, die zu wenig reformieren; über den Mindestlohn (furchtbarer Kommunismus). Und erst über die Rente mit 63. Und überhaupt.

Und? Krise? Nichts da. Selbst in Italien und Frankreich wächst die Wirtschaft wieder.

Auflösung des Rätsels: Womöglich war es doch nicht so schlecht, dass Herr Draghi den Euro mit allen Mitteln gesichert hat. Und dass die Zinsen so stark sanken, was den Schuldenabbau erleichtert. Und dass in Spanien wie Portugal die Regierungen irgendwann aufhörten, wild Ausgaben zu kürzen und Steuern anzuheben; wovon die Deutschen als Top-Exporteure wiederum als Erste profitieren. In Spanien ist die Wirtschaft 2017 um gut drei, in Portugal um 2,5 Prozent expandiert. Dass es in Deutschland jetzt einen Mindestlohn gibt, der es schwerer macht, billige Arbeitskräfte auszunutzen, ist vielleicht auch nicht so verkehrt. Ebenso, dass es für Langzeitmalocher früher Rente gibt.

All das scheint weniger zu schaden, als es das Dauergezeter der Ökonomiepäpste vermuten ließ. Es könnte sogar erklären, warum es uns wirtschaftlich jetzt besser geht. Weil jede Wirtschaft auch Leute braucht, die Geld zum Ausgeben haben. Womöglich brauchen die Ökonomiepäpste ein neues Deutungsmodell – mit richtigen Menschen. Schöne Aufgabe fürs neue Jahr.

Rätsel Nummer 2: Die Flüchtlingsfrage

Warum sind wir bei so viel wirtschaftlichem Erfolg trotzdem kein glückliches Volk? Warum haben wir keine glücklichen Politiker, die gerne ins Parlamentsbüro kommen und strahlend Regierungsverantwortung übernehmen?

Antwortmöglichkeit 1: die Flüchtlinge und der Islam und der Türke und so. Zumindest gemessen an der Zahl der Talkshows zum Thema wäre das ein Erklärungsansatz – und der Lautstärke von Beiträgen der CSU und von Herrn Gauland nach zu urteilen. Wobei die Zahl der Flüchtlinge mittlerweile drastisch gesunken ist und es jetzt eigentlich auch keine Anzeichen gesellschaftlicher Auflösung gibt.

Antwortmöglichkeit 2: Es gibt Integrationsprobleme. Nur zeigen einschlägige Studien, dass Leute vor allem dann dazu neigen, den Ausländer zum Problem zu erklären, wenn etwas anderes nicht stimmt. Das ergaben Auswertungen von Umfragen, die zur Wendezeit in Ostdeutschland gemacht wurden – nach denen sich jene überproportional fremdenskeptisch gaben, die sich (durch die Einheit) ungerecht behandelt fühlten. Was gar nichts mit irgendwelchen Ausländern zu tun hatte.

Ähnliches zeigen jüngere Studien, laut denen in Deutschland gerade in den Regionen auffällig stark Parteien mit Ausländerabneigung gewählt wurden, in denen es seit 1990 besonders große Brüche durch die Globalisierung gab – und besonders viele Menschen, die Schicksalsschläge erlebten. Egal, zu welcher Schicht sie gehören.

Das würde auch erklären, warum nicht nur Arme die AfD wählen. Und warum das Phänomen AfD im Osten so viel größer ist als im Westen. Nirgendwo anders haben Leute in relativ kurzer Zeit zwei so große Schocks mit gravierenden Folgen für ihre Biografien erlebt.

Was jetzt nicht heißt, dass es keine kulturellen Identitätsprobleme gibt. Aber die Studien helfen zu erklären, was der ökonomische Kern der aktuellen deutschen Stimmungsschwankungen ist. Und warum es nur wenig hilft, alle halbe Jahre das Asylrecht zu verschärfen.

Rätsel Nummer 3: Die Sozialfrage

Zu den kuriosesten Dingen des Jahres gehörten ohne Zweifel jene paar Wochen, in denen Martin Schulz fast Kanzler war – und die Republik davon gepackt schien, zu thematisieren, wie ungleich es im Land zugeht. Nur Propaganda? Von einem, der zufriedenen Menschen im Land einredet, es gehe ihnen schlecht?

Schulz‘ Ergebnis bei der Bundestagswahl spricht zunächst für die Propaganda-These. Zumindest haben jene in den Monaten des Wahlkampfs die Deutungshoheit zurückgewonnen, die Deutschland zum Land des wirtschaftlichen Glücks erklärten – und beteuerten, dass doch so viele Arbeitsplätze entstanden seien, was dem Großteil der Leute diene; oder dass ohnehin ja die Ungleichverteilung der Einkommen seit zehn Jahren nicht mehr zugenommen habe; und dass in Deutschland ja so viel umverteilt werde.

Leicht stutzig macht allerdings, dass auffällig viele Leute mit sechsstelligen Jahreseinkommen das gerecht finden und auffällig wenige Leute aus anderen sozialen Schichten – so wie, sagen wir, Frisörinnen.

Jeder Fünfte arbeitet bei uns noch zu Niedriglöhnen. Die Ungleichheit der Einkommen ist zwar seit 2005 nicht weiter gestiegen, dafür aber in der Zeit davor dramatisch. Deutschland zählt zu den Ländern, in denen das Gefälle am gravierendsten ist.

Da hilft auch der Verweis auf die hohen Transfers nicht. Erstens gleichen die nur einen Teil des Gehaltsgefälles aus. Zweitens lassen sich die Transfers ja auch anders deuten: Gerade weil es so atemberaubend ungleich zugeht, braucht Deutschland so viel Geld für sozialen Ausgleich. Hätten die Menschen bessere Chancen, ähnelnde Einkommen zu verdienen, bräuchte es nicht so viel Sozialklimbim.

Und da kommt es für viele eben auch nicht so toll rüber, wenn, sagen wir, andere sich darüber Gedanken machen, ob sie nun beim Bitcoin nicht hätten einsteigen sollen oder doch. Oder wenn man liest, wer alles sein Geld ins Paradies rettet – während Tante Erna am Monatsende gar kein Geld übrig hat.

Okay, das ist jetzt alles nicht geeignet, um es am Heiligen Abend nach dem fünften Wein noch fehlerfrei vorzutragen. Es könnte aber bei früherem Einsatz helfen, den Abend argumentativ auf das richtige Niveau zu bringen und allzu große Familienkräche zu vermeiden.

Besser schon bei der Vorspeise ansprechen. Dann kann der Abend noch ganz gemütlich werden und Oma gegen zwölf den Eierlikör aus dem Schrank holen. Wie jedes Jahr.

Frohes Fest.

_______________________
Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: